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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-03-18 · Heft 6 (18.3.1921) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 6 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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66 Sir Lo-islikrrung des Nabbiaerltandes). Von> Dr. I. E i fr ivkt g (Tobrifch b. Prag). II. er Wunderrabbi Levi Jizchak aus Berditschew — auch diese von seinen Verehrern ihm zugeschriebene Anekdote möge die nachfolgende Betrachtung einleiten — pflegte das sog. Selichothklvpfen in eigener Person zu besorgen. Er konnte sich nämlich nicht entschließen, dieses untergeordnete Amt dem Gemeinde dien er anzuvertrauen, der es vielleicht nur halb durchgeführt hätte. Der Rabbi weckte aber von Haus zu Haus, bei Juden und Nichtjuden. Am Vorabend des Versöhnungsfestes verrichtete er das Gebet: „O Herr der Welt, meine Gemeinde verdient es wirklich, ein gesegnetes Jahr zu erlangen. Sowohl Juden als auch Nichtjuden wurden zu den Vortagsgebeten aufgerufen. Letztere aber, die den Ertrag ihrer Felder bereits unter Dach und Fach sehen, erschienen nicht, wohl aber unsere Glaubensbrüder, die deinen Segen fürs kommende Jahr erst erflehen müssen. Gewähre ihnen deine Güte und Milde!" — Eine Reihe von Fragen und Klagen richtet der erste Teil dieses Aussatzes an die Leitungen unserer Gemeinden, sowie an die einzelnen Berufsgenossen. Sie bezwecken darzutun, daß nur eine Vergesellschaftlichung des jüdischen Beamtenstandes beiden Teilen in der so harten Nachkriegszeit Halt und Stütze verleihen und deren Zukunft sicherstellen könnte. Die Erwartung, daß beide Teile die vorgeschlagenen Mittel und Wege als zweckdienlich finden würden, verursachte die Abfassung des Aufsatzes. Eine ganze Reihe von Zuschriften, die aber lediglich Berufs- und Leidensgenossen, welche die drückenden Verhältnisse schwer tragen, richteten, bezeugt, daß eine Umgestaltung des herrschenden Systems unbedingt notwendig sei. Es sind Dokumente des Elends, schwerwiegende Anklagen gegen die traurigen Zustände in unseren.Kultusgemeinden. Aus Böhmen und Mähren erklärten Kollegen ihre „Z u st i m m u n g zur Verw i rkli ch un g d er praktischen Gedanken und Vorschläge", welche die Sozialisierung des Rabbinerstandes zur Voraussetzung hat, und sagen Dank für die „vortrefflichen Worte und A n t r ä g e", die der Aufsatz enthält. Eine derselben „findet a u s d r ü ck l i ch ' b i e angegebenen Mittel und Wege für erfolgversprechend" und lehnt nur den Streik „als eines Rabbiners unwürdig" ab. Damit stimmt aber auch besagter Aufsatz überein, der einen Streik a limine ausschließt. (Zu dieser „ultima ratio" mußte leider in letzter Zeit in mancher Gemeinde gegriffen werden.) Andere Zuschriften fügen noch hinzu, daß die im Aufsatze vorgebrachten Beschwerden und Wünsche vielen Kollegen aus „der Seele gesprochen seien und diese auch gern ihre Mitarbeit leihen wollen", um die Vorschläge in die Tat umzusetzen. Nur eine tschechische Zuschrift urteilt pessimistisch und behauptet, „in Oe st erreich sei der Rabbiner ein notwendiges U e b e l gewesen, die Republik habe ihn aber gänzlich überflüssiggemacht. Das Judentum gehe der Auflösung entgegen und eine eventuelleSozialisierung des Rabbinerstandes würde diesen Prozeß nur beschleunigen." Also daß die Gemeinde- ■ beamten in solchen trostlosen Zuständen leben, kann dem Judentum nicht schaden, wohl aber eine Aktion zur Festigung ihrer Lage! Difficile est, satiram non scribere! Ist es nicht herzzerreißend, daß ein Landrabbiner (gra-. duiert und talmudisch gebildet) klagt, „man müsse den geringsten Arbeiter beneiden", oder wenn ein l) Vgl. „Allgemeine Zeitung des Judentums", Jahrg. 1920, Nr. 20. zweiter in seiner Erbitterung sogar „den Tag v e r f l u ch t, a n welchemersich für d i e s e n B e r u f e n t s ch i e d e n hat"? Freilich sind manche Berufsgenossen mit ihren Meinungsäußerungen noch im Rückstände, was wohl als Saumseligkeit oder Nachlässigkeit ausgelegt werden müsse. Oder haben diejenigen recht, die da behaupten, die Kostgänger der Protektion oder Nutznießer der Anarchie hätten Grund, diese Bewegung zu obstruieren? Doch sollten auch diese bedenken, daß vielleicht schon die nahe Zukunft Stürme und Gefahren entfesseln könnte, die auch ihre scheinbare Sicherheit erschüttern würden. Symptome sind hierfür genug vorhanden! Vestigia terrent! Wohl können die älteren Herren, welche von der Gesellschaft nichts mehr erhoffen und ihr auch nichts mehr zu bieten vermögen, viel ruhiger in die Zukunft blicken. Diese halten sich deshalb auch von jeder Aktion im Interesse des Standes fern. So erklärte ein Seelsorger, der das 8V. Lebensjahr schon längst überschritten hat und sein Amt mit Hilfe eines Vertreters noch immer „versieht", er schließe sich keiner Organisation an, da er ja sowieso nicht mehr lange leben würde. Da wurde ihm allerdings geantwortet, er erinnere an jenen Rabbiner aus Galizien, welcher einen zum Tode verurteilten Glaubensgenossen zur Richtstätte begleitete. Es war ein heißer Sommertag und der Weg führte über Berge und Täler. Beide wischten sich wiederholt den Schweiß von der Stirn. Da sprach der Rabbi: „Ja, ja, R. Jüd, Sie sind besser dran als ich, denn Sie haben nur den einen Weg dahin, während ich auch noch den Rückweg in dieser mörderischen Hitze zurückzulegen habe!" — Es ist gewiß zu verurteilen, daß Kollegen, welche sich scheinbar sicher wähnen, den Bestrebungen der anderen gleichgültig gegenüberstehen. Und diese Uneinigkeit in den Reihen der geistigen Führer wird von den Gemeinden weidlich ausgenützt. So drohten manche, sie würden lieber die Gotteshäuser sperren und die Religionsdiener aufs Pflaster setzen, wenn letztere ihre Forderungen aufrecht erhalten sollten. Freilich ist diese Drohung nicht ernst zu nehmen, da unsere Gemeinden nicht einmal auf nebensächliche Einrichtungen des Rituals usw. verzichten möchten. Keine würde z. B. eine etwa dort befindliche, aber gewiß überflüssige und in unsere ernste Zeit gar nicht passende Orgel, welche ebenfalls besondere Ausgaben erfordert, abschaffen oder veräußern, um mit dem Erlös jüdische Not zu lindern-). Denn die jüdische Wissenschaft kennt für solche Spielinstrumente wahrhaftig keinen Ursprung in unserer Vergangenheit. ' Diese vermögen aber auch nicht, unsere Zukunft zu retten, wie etwa die Pflege unserer Geistesschätze. Es ist nicht die erste kritische Periode, die unsere Volksgemeinschaft durchmacht, und es ist auch nicht der erste Weltkrieg bzw. Weltfrieden, der ihre Existenz bedroht. Die Träger seiner geistigen Güter verstanden es immer wieder, seine Not zu lindern und seine Zukunft zu sichern. Als unsere Vorfahren nach der Tempelzerstörung sich zum Teil nach Arabien geflüchtet hatten, da brachten sie dorthin auch ihr Buch, ihre Literatur, ihre Bibel, mit. Es ist der Ehrentitel „Ahl-ul-Kitab" „Volk der Schrift", den schon die ältarabische Poesie vor dem Islam ihnen zuerkannte und den der Prophet im himmlischen Buche oft und oft rühmt. Ein Volk, dem feine Schrift Bestand verleiht, und ein Buch, das mit dem Volke verknüpft ist: Aber auch diejenigen, welche in die Länder des Kreuzes verschlagen wurden, beriefen sich auf ihre glorreiche Schrift, nannten sich ->LON Dl? und besiegten so die Widerwärtigkeiten des Tages. Auch in unseren Tagen könnte lediglich ein wisien- 2) So sucht eine kleinere Gemeinde „Pisek" schon lange ein geistiges Oberhaupt, welches bei Harmoniumspiel vorbeten muß. Der dortige Vorsteher wird hoffentlich bald den Sinn des Verses erfassen: „Und er wandte sich (mit dem Konkurs) hin und . . .,121 N2 JS’1 her und sah, daß kein Mann (Bewerber) sich melde. Und ex .zerschlug das I n st r u m e n t und versteckte es im Sand." (Slawisch: Pisek — Sand.)

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