Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229488--76168-3288735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
64 stimmung und dem Deutschen Schutzbund, eine Organisation mit dem Sitz in Breslau geschaffen worden. An der Spitze der Organisation steht Herr Bankier Loewy, an den alle Anfragen organisatorischer Art Zu richten sind (Telephon: Ring 7687, 7688 und 7689). Für alle Berpsl-eg u n gsa ngelegenheiten ist Frau Berta Kober, Königsplatz 6 (Telephon: Ring 3922), zuständig. Die Organisation verfügt über ungefähr 300 Helfer und Helferinnen, die den Abstimmungsberechtigten in jeder Hinsicht mit Rat und Tat zur Seite stehen und an allen Breslauer, Bahnhöfen warme Speisen verabreichen werden. Alle Anfragen über den Helferdienst sind an Fräulein Emmi Guttmann, Biktoriastraße 56 (Telephon: Ring 1440), Zu richten. Die rituelle Aussicht hat Herr Rabbiner Dr. Cohn, Gutenbergstraße 43, freundlichst übernommen. In allen größeren Städten Deutschlands sind Vertrauensmänner bestellt, unter denen, da über die Hälfte der jüdischen Abstimmungsberechtigten aus dem Reiche in Berlin wohnen, die bei weitem größte Tätigkeit Herr Rabbiner Dr. E. Munk, Berlin N, Artilleriestraße 31, zu entfalten hat. In Berlin wird warme Verpflegung, Auguststraße 16 (Jüdische Speisehalle), verabreicht. Auch während des Aufenthaltes in Oberschlesien ist, im engen Zusammenarbeiten mit dem Deutschen Plebiszitkommissariat, für rituelle Verpflegung gesorgt. Die Oberleitung hierfür befindet sich in den Händen von Herrn Bruno Altmann, Kattowitz (Telephon: 24, 25 und 26). Die gesamte Organisation besteht aus ehrenamtlich tätigen Damen und Herren. Jüdische Abstimmungsberechtigte, die auf rituelle Verpflegung reflektieren, werden in ihrem eigenen Interesse gebeten, vorstehende Mitteilungen genauestens zu beachten. Aus Danzig wird gemeldet: Tie Juden der Fr-eistadt Danzig sind durch die Erhebung der Stadt Au einem selbständigen Staat in eine komplizierte Situation geraten. Danzig besitzt eine Gemeinde von etwa 2300 jüdischen Seelen, von denen schon im Frieden etwa 30 Prozent nicht das deutsche Staatsbürgerrecht besaßen. Diese mußten jährlich ein Gesuch um Aufenthaltserlaubnis machen, das meistens anstandslos bewilligt wurde. Infolgedessen gibt es in Danzig Juden, die seit 30 oder 40 Jahren dort ansässig sind und dennoch nicht naturalisiert sind. Nachdem Danzig von der deutschen Herrschaft losgelöst wurde, vermehrte sich die jüdische Bevölkerung durch Zuzug aus Polen um etwa 50 Prozent. Bei der Erteilung dev ^Aufenthaltserlaubnis wurde ein deutlicher Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden gemacht. Alle preußischen Beschränkungen, die in Deutschland durch die Revolution ausgehoben wurden, blieben in Danzig in Kraft. Die Danziger Volksvertretung befaßt sich gegenwärtig mit der Ausarbeitung eines Staatsbürgerschaftsgesetzes, welches auch die Frage der Naturalisation zu regeln haben wird. Da die Bolksvertretung eine durchaus reaktionär-antiseinitifche Mehrheit hat, so Ist zu befürchten, daß die neuen Bestimmungen den Juden ungünstig fein und ihnen die Einbürgerung noch mehr als bisher erschweren werden. Aus Wien wird uns geschrieben: Am 11.. 12. und 13. März findet in Wien ein Antisemitenkongreß statt. Am ersten Tage wird nach den Berichten der ausländischen Vertreter aus Deutschland. Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen über den Stand der Judensrage in ihren Ländern die Hochschul-, Mittelschul- und die Pflichtschulfrage erörtert werden.' Am zweiten Tage wird über den Einfluß des Judentums auf das Kulturleben, die Politik und das Wirtschaftsleben gesprochen werden, am dritten Tage über den Einfluß des Judentums auf Kunst, Literatur und Presse. Mit einer antisemitischen Massenversammlung findet die Tagung ihren Abschluß. Auf dieser Tagung wird ein großer internationaler Kongreß vorbereitet, der im Herbste, gleichfalls in Wien, stattfinden soll und zu dem auch Vertreter des fernen Auslandes eingeladen werden. * Die Frage der Wiener ostgalizischen Flüchtlinge vor dem Völkerbund. Don den ostgalizischen Flüchtlingen weilen derzeit noch 50—60 000 in Wien, denen es nach großen Mühen gelungen ist, sich endlich eine Existenzmöglichkeit zu schaffen; ihre Kinder, in deutschen Schulen erzogen, sind der polnischen Sprache nicht mächtig und mit dem Wiener Milieu völlig verwachsen. Als die österreichische Regierung dennoch einen Ausweisungsbefehl gegen alle Angehörigen der Sukzessionsstaaten erließ, den sie aber nur gegendie ostgalizischen Juden in Anwendung brachte, intervenierte das Komitee der jüdischen Delegationen -mehrfach, das auch auf -ein Telegramm.vom 17. Juli v. .I. von -der österreichischen Regienung eine offizielle Antwort erhielt, worin diese ihr Vorgehen begründet, aber verspricht, es auf das. Allernotwendigste einzuschrünkeu und auf das humanste durchzuführen. Leider aber begann die österreichische Regierung wiederum zu allgemeinen Answeisungsmaßreaeln zu greifen, wobei oft in der brutalsten Weise vorgegangen wird. Selbstlverständsich hat' das K. d. I. D. nichts dagegen einznwenden, daß Elemente, die schädlicher Machenschaften gerichtlich überführt worden sind, ausgewiesen werden. Leider wissen sich diese fast stets jeder Verfolgung! zu entziehen,, während die Ausweisungen ausschließlich ehrliche, arbeitende Menschen treffen. Das K. d. I. D. hat nun anläßlich der Völkerbundstag,ung in Genf in dieser Sache ein Memorandum überreicht. Unterdessen hat auch die polnische Regierung sich dieser ihrer Staatsangehörigen in Wien angenommen und gegen Oesterreich eine Klage beim Wlkerbundsrat erhöben, die bei der jetzigen Tagungin Paris zur Sprache kommen soll. Ein ausführliches -und reich dokumentiertes Memorandum wurde dem Völkerbunds rate und all seinen Mitgliedern vorn K. d. I. D. überreicht. Der Vorsitzende des- K. d. I. D.. der zu diesem Zwecke -eigens von London für wenige Tage nach Paris gekommen ist, hat mit den hervorragendsten Persönlichkeiten des Völkerbundsrates Fühlung genommen. Als Vertreter der Wiener Juden ist Landtagsabgeordneter Stricker nach Paris gekommen. Polen. Paderewsti, der am 13. Februar in New Jork eintraf, erklärte in einem gleich nach seiner Ankunft gewährten Interview, daß sich die Lage der Juden in Polen' gebessert habe. Die Regierung trachte nach Möglichkeit, zur Besserung der Verhältnisse beizutragen. Natürlich gebe es infolge Mangels an Lebensmitteln nicht genügend Platz für die aus Rußland und Oesterreich zuströmenden Juden. Die polnische Regierung bedauere aufrichtig die früheren! Vorfälle, die ohne ihr Zutun geschehen seien. Die Judensrage in Polensei nur eine ökonomische, und die Regierung verhandle mit einer jüdischen Vertretung, um zu einer Verständigung zu gelangen. Er selbst stehe diesbezüglich in brieflichein Verkehr mit Lu eien Wolf. Er sei> sicher, daß die Zukunft der Juden in Polen eine günstige sei, und die Negierung werde ihr Bestes tun, um die Minorität-enrechte für alle Nationen in Polen zur Durchführung zu bringen. (In merkwürdigem Gegensatz zu diesen Aeüßerungen Paderewskis steht die Hetzkampagne, die von seinem Organe „Nzeczpospolita" in Polen konseguent gegen die Juden getrieben wird.) — Auf Anordnung des Innenministers wurde die vom Schulinspektor erteilte Erlaubnis aus Eröffnung einer jüdischen Bolksuniversttät in Ezenstochau zurückgezogen, mit der Motivierung, daß jede Kontrolle und Inspizierung der betreffenden Institution infolge der jiddischen Vortragssprache unmöglich sei. R P. H Ukraine. Ter Pariser ^-Korrespondent der „I. P. Z." berichtet: Dr. Markus Krämer, den die Exekutive der jüdischen Welthilsskonstrenz nach Polen, Galizien und der von Polen besetzten Ukraine entsandt hat, -um die Lage der ukrainischem Flüchtlinge Und die Möglichkeiten für Hilfeleistung zu studieren, meldet nach Paris, daß im Gebiete von Rowno sich derzeit gegen 6000 Waisen befinden, in Lemberg 160. Aus Wolhynien und Ostgalizien seien bereits 40 000 .ukrainischjüdische Emigranten zu ihren Verwandten nach Amerika abgereiit. Die durch das Joint gewährte Hilst genüge nicht, und auch das ukrainische Hilfskomitee in Warschau habe nicht genügend- Mittel. Es sei dringend notwendig, sanitäre Hilfe und Hilfe durch Arbeitsproduktivierung zu -organisieren. Für Wolhynien und Ostgalizien brauche man mindestens 100 000 Francs monatlich. Wenn nicht sofort Hilfe komme, werde die Lage katastrophal werden- Zahlreiche Emigranten, die bereits Schiffskarten von französischen Häfen nach Amerika haben, könnennicht abreisen, da ihnen der Warschauer französische Konsul keine Transitvisa erteile.