Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229488--76167-3288734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
63 daß das Reich nach Kräften bemüht sei, der unerlaubten Einwanderung durch Paßvorschristen und Fremdenpolizei entgegenzutreten. Eine Masfenabschiebung unerlaubt Eingewanderter scheitere an dem Widerstand her polnischen Behörden. Verhandlungen mit Polen über diesen Gegenstand seien im Gange. An der Ostgrenze si.nd 1920 11453 Personen wegen unerlaubten Grenzübertritts verhaftet, 6169 wieder über die Grenze abgeschoben, von dem Rest sind 1500 aus polnischen Gefangenenlagern entwichene Kriegsgefangene oder Deserteure in Internierungslager abgeschoben, die übrigen teils den Gerichten übergeben, teils den jüdischen Fürsorgeorganisationen überwiesen worden. Für die vorläufige Internierung solcher fremdstämmigen Ausländer, deren Abschiebung noch nicht durchführbar ist, sind mehrere Lager eingerichtet; in dem Lager bei Stargard in Pommern liegen 2700 solcher Personen. Die deutsche Regierung ist, wie man sieht, nicht minder als der Abg. Mumm redlich bemüht, das auch dem Christentum heilige Gebot der Fremdenliebe g e t r e u l i ch zu erfüllen. * Kürzlich trat in Berlin der Reichslandbund zu seiner ersten Generalversammlung im Zirkus Busch zu Berlin zusammen. Nachdem der Bund der Landwirte in dieser größeren Organisation aufgegangen ist, war die jüngste Massenkundgebung die erste große Veranstaltung des neuen Bundes. Die weiten Räume des Zirkus waren von Agrariern aus allen Teilen des Reiches dicht besetzt. Ein Hauptkontingent -der Teilnehmer bildeten die Frauen- Interessant war die Schar der Ehrengäste. Darunter befanden sich die Prinzen August Willi e Im und Oskar von Hohenzollern. Der Verlauf der Versammlung war sehr animiert und auf jenen radaulustigen und antisemitischen Ton gestimmt, den wir aus den früheren Zirkuskundgebungen des Bundes der Landwirte kennen. Die „Deutsche Tageszeitung" widmete der Veranstaltung einen Artikel, in dem sie bemerkte, daß das große Wort „Einheitsfront" über dieser Tagung stehe: Einheitsfront aller Landwirte gegen die Feinde der Landwirtschaft und Einheitsfront gegen den inneren Feind. Damit ist das alte Schlagwort der Reaktion vom inneren Feind wieder aus der Rumpelkammer hervorgeholt und es verträgt sich wenig damit, wenn Herr Dr. Roesicke, der Vorsitzende des Bundes, gleichzeitig die Parole ausgab, daß sich der Reichslandbund über die Parteien erheben müsse. Die Entschließungen, die angenommen wurden, wandten sich unter anderem gegen die noch bestehenden Reste der Zwangswirtschaft und gegen das Verbleiben des Landwirtschaftsministers Braun in seinem Amte. Im übrigen bot diese Kundgebung sachlich kaum etwas Neues. Nur als. Stimmungsmoment stür das Selbstbewußtsein der wiedererwachenden Reaktion hatte sie einiges Interesse. Schwarzweißrote Fahnen waren im Saale angebracht. Sehnsuchtsvolle Blicke schweiften in den Ansprachen zurück zu den Zeiten des alten Regimes, aber ein Begrüßungstelegramm an den ehemaligen Kaiser unterblieb, und ein Hoch auf den früheren Monarchen wurde nicht ausgebracht. Man begnügte sich damit, mit einem dreifachen Hoch aus den Reichslandbund die Tagung zu schließen. Einsteins Abreise nach Amerika. Professor Einstein tritt seine Reise nach Amerika, die er, wve bereits mitgeteilt, auf Einladung der Zionistischen Organisation zur Vorbereitung der jüdischen Universität in Jerusalem unternimmt, am 23. März ab Rotterdam an. Er wird von seiner Gattin begleitet; die Abreise erfolgt auf dem Dampfer „Rotterdam" der Holland-Amerika-Linie. In Plymouth besteigt Dr. Weizmann, der Präsident der Zionistischen Organisation-, mit einigen Herren der zionistischen Zentrale gleichfalls die „Rotterdam", um mit Professor Einstein gemeinsam für die Errichtung der jüdischen Universität in Jerusalem und die sonstigen Zwecke des Palästina-Grundfonds (Keren Hajessod) der Zionistischen Organisation zu wirken. Professor Einstein hat die Teilnahme am Solvahkongreß in Brüssel, zu dem er als einziger Deutscher eine Einladung erhalten hatte, infolge seiner Amerikareise ausgegeben. Nach seiner Rückkehr aus Amerika wird er die übernommenen Vorlesungen an der Universität Leyden halten. * Gründung der zionistischen Föderation „Binjan Haarez". Am 6. März d. I. beschloß eine von älteren Zionisten zahlreich besuchte Versammlung die Gründung der Föderation „Binjan Haarez". Die Förderation verlangt für den Aufbau des Heiligen Landes die Mitarbeit des Gesamtjudentums. Sie verlangt die Schaffung einer Organisation, die alle Juden und jüdischen Verbände, unbeschadet ihrer Stellungnahme zu Einzelsragen, in dem Gedanken für Erez Israel eint. Die Föderation verlangt als Bedingung für die gesinnungsmäßige Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation n u r das Bekenntnis zum Baseler Programm. Sie lehnt jede darüber hinaus gehende Forderung irgendwelcher Art ^ab. Tie Föderation verlangt, daß bei der Auswahl der Methoden und Maßnahmen für den wirtschaftlichen Aufbau Palästinas allein die Rücksicht auf die baldige Prosperität des Heiligen Landes maßgebend sei. Die Föderation „Binjan Haarez" betont die Notwendigkeit und die Bedeutung der jüdischen Diasporaarbeit. Das Verhältnis zum Staate wird bestimmt durch die Tatsache, daß sich in jedem Staatswesen eine Verbundenheit seiner Bürger herausbildet, die in der gemeinsamen geschichtlichen Entwickelung begründet ist. In voller Würdigung der bürgerlichen Pflichten, die den Juden gegenüber dem Staate erwachsen, überläßt die Föderation die Entscheidung über Zweckmäßigkeit und Art einer jüdischen Landespolitik den Juden der einzelnen Länder. Die Förberation „Binjan Haarez" fordert Ehrerbietung, gegenüber der Ueberlieferung, dem sittlichen Ideale unserer Religion, insbesondere fordert sie eine Erziehung der Jugend im Geiste der Ehrfurcht und des Judentums. In das vorbereitende Komitee der Föderation wurden gewählt die Herren: Professor Dr. Carl L e w t n , Professor Dr. Gotthold Weil, Professor Dr. Julius Ci t ron , Dr. Eduard Leszynski, Dr. Alfred Klee, Dr. Arthur K o l l e n s ch e r , Dr. Jsaac Zwirn, Dr. Gustav Witkowski, Arno Wagner, Direktor Georg Kareski. Das Bureau der.deutschen Abteilung der Föderation befindet sich Berlin W 62, Bayreuth er Straße 36. Die Föderation beginnt das Werk für den Aufbau des Heiligen | Landes, für die Einheit des Gesamtjudentums, für das jüdische Volk. O Palästina-Veranstaltung des Jüdischen Nationalfonds. Der Jüdische Nationalfonds, dessen Zweck, Grund und Boden in Palästina zur Ansiedlung jüdischer Einwanderer zu erwerben, sich in allen jüdischen Kreisen Deutschlands großer Förderung erfreut, veranstaltet zur Zeit des Purimfestes in beinahe 100 deutschen Städten . eine P a l ü st i n a - W o ch e. In dieser Woche werden Vorträge über den Zweck und die bisherigen Leistungen des Nationalfonds und künstlerische Veranstaltungen sowie Sammlungen stattfinden. Der Ertrag sämtlicher Veranstaltungen wird unmittelbar für den Landerwerb in Palästina verwandt und soll wesentlich dazu beitragen, die Grundlagen für den Aufbau der neuen jüdischen Gemeinschaft in Palästina zu schaffen. Die jüdischen Kreise Deutschlands werden gewiß gern die Gelegenheit ergreifen, sich über diese wichtige Institution, die dem Wohl des gesamten Judentums dient, zu informieren, und sich an ihrem großzügigen Siedlu.ngswerk zu beteiligen. Das nähere Programm wird in jeder Stadt besonders bekanntgegeben. Oberschlefifche Abstimmung. Aus Breslau wird uns unter dem 8. März geschrieben: Für die jüdischen Abstimmungsberechtigten ist durch die Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Juden-. tums, Abteilung Schlesien, im Einvernehmen mit der Zentralstelle für die technische Durchführung der oberschlestschen. Ab-