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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-03-18 · Heft 6 (18.3.1921) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 6 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 eine aufrichtige Trauer um den Verlust dieser edlen, m tiefsten Sinne Menschenfreundlichen Persönlichleit, eines großen Repräsentanten des echten Judentums geht durchs weite Kreise, denen er wohlgetan und die er mit seinem weisen Rate und einer tatkräftigen Hilfe förderte. Januach b'schalom. Rabbiner Dr. Löwe n st am m (Spandau). Der religiüs-üttliche Gchslt der Megills. Von Bezirksrabbiner Dr. Beermann (Heilbronn), as biblische Büchlein, das die wunderbare Errettung der Juden in Susa von grausamen Pogromanschlägen erzählt, scheint in der Tat aus den ersten Blick des erbaulichen Einschlags zu ermangeln. Meint doch noch im dritten nachchristlichen Jahrhundert Mar Samuel, das Buch Esther sei nicht vom heiligen Geiste eingegeben. Aber auch hier hat der Tiesblick Akibas, der für die Einreihung der Purimgeschichte in die Bibelbücher mit seinem ganzen Ansehen eintrat, das Richtige gesehen, und wir werden bei gerechter Würdigung der in dem Hintergründe der Erzählung mild hervorleuchtenden ethischen Gedanken den Takt der alten Gesetzeslehrer bewundern, die verlangten, daß man die Esther-Rolle mit derselben Ehrfurcht zu behandeln habe wie die Thora, und die jene Jünger, welche, ohne die spruchbesugten Meister zu befragen, auf die respektvolle Umhüllung der Megilla glaubten verzichten zu können — „Diese Rolle bedarf nicht des Mäntelchen" —, mit scharfer Rüge zurechdwiesen: „Das sieht wie Pietätlosigkeit aus." * Ohne daß der GotteSname ausdrücklich erwähnt wird, sind alle berichteten Begebenheiten ganz von Gottes Wallung durchzogen. Seine Vorsehung wacht mit hellen Augen über allen Geschehnissen Es ist wie in jenem Festspiel des großen deutschen Dichters, wo von dem Gotte der Weltgeschichte gesagt wird, „und der Direktor, wohl bedächtig, sitzt lächelnd hinter seinem Stand und hält die Fäden in der Hand", oder wie der Psalmist sagt: „Ter Ewige im Himmel lacht, der Herr spottet der feindlichen Anschläge." In den Tonweisen des Neujahrsfestes, in dessen Mittelpunkt der Vorsehungsglaube steht, werden die Megilla-Worte vorgetragen: „In jener Nacht wich der Schlaf des Königs." Gemeint ist freilich, dem Buchstaben nach, Ahasberos, der irdische König, konnte keinen Schlaf finden, aber über den Worten liegt etwas von jenem kindlichen Gottvertrauen, das bekennt: „Siehe, nicht schläft und schlummert der Hüter Israels." Und wie fein hat die Volkssage den Zug herausgearbeitet, daß der vom Schlaf gemiedene König in der Chronik gerade von seiner Lebensrettung durch Mordechai lesen mußte, von jenem Juden, der dann an der Erlösung seiner Stammesgenossen aus schwerster Gefahr so bedeutenden Anteil haben sollte. Der Wind schlug immer wieder eine andere Seite des Buches auf, aber ein Gottesengel sorgte dafür, daß immer wieder das Blatt mit der Tat des noch unbelohnten Juden dem König vor die Augen trat. * Was den Juden drohte, das war der mörderische Angriff persischen Raubgesindels, die der antisemitische Minister wie eine wilde Meute auf wehrlose Juden loslassen wollte. Als dann hernach nach der wunderbaren Wendung die Juden gerüstet den Angriff des Janhagels erwarten konnten und tapfer für ihr Leben einstanden, da wird zweierlei ausdrücklich betont: einmal „sich wehren, b r i n g t E h r e n", so daß das Judentum auch über die Grenzen der eigenen Gemeinschaft hinaus Anhänger gewann, dann aber „nach der Beute streckten die Juden nicht ihre Hände; nicht nach Mehrung ihres Gutes, sondern nach Schutz ihres Blutes ging ihr Streben". Darum war auch die Strafe der Hamanssöhne nicht aus blutgieriger Rache geboren, sondern aus dem Streben, sich vor ferneren Anschlägen der Entarteten zu sichern. Bei der Vorlesung werden denn auch die Namen dieser zehn Antisemitenhäuptlinge, binschima achas, in einem Atemzuge gelesen, um schnell und ohne Anflug von Schadenfreude über den Bericht von der blutigen Strafvollstreckung hinwegzueilen. Darum konnte sich auch beim Sieges- und Danksest nach erfahrener Hilfe das grundgütige jüdische Herz in seiner ganzen Milde offenbaren. Durch freundliche Gaben und Geschenke an Arme und Bedrückte sollte es gefeiert werden, und die spätere Halacha betont ausdrücklich, daß in diese Wohltätigkeitspflicht auch die Spenden an unterstützungsbedürftige Nichtjuden eingeschlossen sind. Die moderne Purimpredigt liebt es, die Charaktere der jüdischen Helden unserer Geschichte wirksam herauszuarbeiten. Wenn man dabei an Esther die Klugheit und Anmut rühmt und ihre Aufopferungsfähigkeit feiert, die die Worte prägt: „Bin ich verloren, so bin ich verloren", und die da erklärt: „Wie kann ich das Unglück meiner Gemeinschaft mit ansehen", so mag darüber die stille Tugend demütigen Gehorsams gegen Mordechai, den Pflegevater nicht übersehen werden und auch der Heimatsinn nicht, mit dem Esther der lichten Bilder ihrer Kindheit eingedenk bleibt — auch im Glanze des persischen Königshauses, das echte und rechte weibliche Gegenbild zu Mordechai, der fest und aufrecht steht und nicht sich bückt und duckt und schmeichelt, der aber nicht nur stark ist in Not und Gefahr und den Kops oben behält in allgemeiner Panik, wo alles verzagt und verzweifelt: ein Mutiger und zugleich ein Demütiger, der aus der Höhe des Erfolges in Liebe seine Bruderpflichten erfüllt und die Verehrung der Besten sich erwirbt! So müssen auch heute die Männer und Frauen beschaffen sein, die unsere Sache führen, der Abwehr aber muß die Einkehr, dem Kampf die Sammlung vorangehen: Gehe, sammle alle Juden und feiere Tage der Selbstbesinnung! Möchte dieses Megilla-Wort Mitwirken, die uns so nötige innere Einheitsfront zu schaffen! Wochmlchau. Berlin, 14. März. ie offiziell mitgeteilt wird, hat die deutsche Regierung beim Völkerbund gegen die Sanktionen Protest erhoben und den Antrag auf sofortige Aufhebung der Gewaltmahnahmen gestellt. „Die deutsche Regierung," schließt der streng sachlich gehaltene Protest, „di« d i e Völkerbundsakte mitunterzeichnet hat, richtet an den Völkerbundsrat das Ersuchen, die ihm obliegenden Schritte zur Einleitung des in der Akte vorgesehenen Schlichtungsverfahrens zu tun und dafür Sorge zu tragen, daß dievon den Alliierten angewandten Gewaltmaßnahmen sofort aufgehoben werden. Die deutsche Regierung genügt ihrerseits schon jetzt der Vorbedingung für die Durchführung des Verfahrens, indem sie für dieses Verfahren die Pflichten eines Bundesgliedes auf sich nimmt. Das Verfahren wird ergeben, daß Deutschland, von dem ernsten Willen beseelt, seine Vertragspflichten nach besten Kräften zu erfüllen, keinen Anlaß zu der Friedensstörung gegeben hat." * In der Sitzung des Reichstags am 1l. d. M. wurde wieder -einmal die Ostjudenfrage erörtert. Auf eine Anfrage des Abgeordneten Mumm (Deutsch-nat.) wegen Ueberhandnehmens der Ostjuden erwiderte Ministerialrat Hering,

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