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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-03-18 · Heft 6 (18.3.1921) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 6 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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SS. Jahrgang. Nr. 6 Berlin, 18. März 1921 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnemenls-greis: durch den Buchhandel oder die ssost (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Interesse Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. vStfci'&'binet Tr. Ferdinand- Rosenthal. Von Rabbiner B U4J W44 * Dr. Löwenstamm (Spandau). — Ter religiös-sittliche Gehalt der Megilla. Von Bezirksrabbiner Dr. B e e r m a n n (Heilbronn). — Wochenschau. — Die Sozialisierung des Rabbinerstandes. Von Dr. I. Ei send erg (Dobrisch b. Prag). — Ein Brief Raphael Kirchheims aus dem Jahre 1874. Don Dr. A. Lewinskh (Hildesheim). — Die jüdische Bühne. Von Samuel Meisels (Wien). [3. Forts.). — F e u illeton : Pogrom und Krieg.. Schauspiel in fünf Akten. Von Me t a, Qp e l - F u tz (Breslau). [5. Forts.) — Licht in Judas Zelten. Von S. Katz (Gelsenkirchen). — Hadassa. Von Berndr Götz (Berlin- Wittenau). — Literarische Mittei l u n g e n. — SPre ch s a a l. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Breslau, Hamburg, München. Frankfurt a. M. — Von N a h u n d F e r n. | Oabbinkr Dr. Ferdinand Mlknthal. ] ie Gemeinde Breslaiu kommt nicht mi Ruhe. Wdt furchtbarer Gewalt rast der Tod unter ihren „Alten", ihren geistigen Führern, -die zugleich Führer im -deutschen Judentum der Gegenwart gewesen. Kaum hat sich der Grabeshügel über Pros. Dr. Marcus Braun gewölbt, da muß ein neuer ausgeschüttet werden für Rabbiner Dr. Ferdinand Rosenthal, der über ein halbes Jahrhundert Diener am Gotteswort und mehr denn drei Jahrzehnte der über alles geliebte Seelsorger seiner Breslauer Gemeinde war. Denn das war der einzigartige Wert dieses Mannes: er war der Typus des echten jüdischen Seelsorgers, ein Charakter von höchster sozialer Aktivität, eine Persönlichkeit, die das praktische Wirken für die Menslhenbrüder, für den einzelnen und die kleinen und großen Gemeinschaften, zu seinem Lebensziel , gemacht und mit anerkanntem Erfolge während seiner langen i Amtstätigkeit realisiert hat. Alle Wesenszüge zur restlosen Auswirkung -dieser Aufgabe waren in Rosenthal vereinigt: eine außergewöhnliche Klugheit, die ihn befähigte, in jeder Situation zu raten und zu helfen, die ihm die Wege zeigte, wie er den Leidenden und Bedrängten ihre Last erleichtern konnte, die ihm stets sofort in den Mittelpunkt jeder Seele und ihrer Hemmungen einzudringen ermöglichte, um -auf Grund dieser Einfühlung alles Notwendige zu veranlassen. Zu diesem klaren Blick für das Leben und seine realen und idealen Bedürfnisse kam bei diesem Mann die echte, tiefe Liebe zu den Menschen, die warmherzige Liebe, die im Innersten die Schmerzen des anderen mit leidet, die teilnehmende Sympathie, -die die treue Begleiterin, ja Führerin seines scharfen Verstandes war undaus der jene reine Friedensliebe hervorquoll, -die nicht „um des lieben Friedens willen", sondern im Namen edler Menschlichkeit den Streit ängstlich mied und immer das Einende in den Vordergrund stellte und das Trennende zurückwies. Daß ein so reiner Charakter die denkbar -größte Gegenliebe tagtäglich als Ernte aus dem weiten Felde seiner Aussaat heimbrachte, folgt auf moralischem Gebiete mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes. Dieser ehrwürdige Patriarch, erwarb sich rasch die Anerkennung seiner Gemeinde und bewahrte sie bis zur letzten Stunde seines Wirkens. Im ganzen waren es zwei Gemeinden, denen /seine segensvolle, 'lange Tätigkeit gewidmet war. Im Jahre 1867 berief ihn die Gemeinde Beutihen in Oberschlesien mit wunderbarer Treffsicherheit zu ihrem geistigen Führer und Seelsorger. Und als Rosenthal nach- 20jähriiger Tätigkeit Beuchen verließ, um dem Ruse nach Breslau zu folgen, da konnte er, getragen von der Zustimmung der ganzen Gemeinde, in seiner Abschiedspreidigt stolz und doch bescheiden von sich sagen: „Ich/ wollte nicht den eitlen Schein eines äußerlich priesterlichen Wesens und einer äußerlich Priesterlichen Würde. Das, wonach, ich verlangte, war vielmehr nur, ein Schüler Ahrons zu sein, und das, wonach' ich strebte, war das von unseren Alken für den Priester ausgestellte Ideal, den Frieden zu lieben, nach- Frieden zu streben, die Menschen zu lieben und sie der Thora näher zu bringen." — Ja, er hatte auch während feiner langen Breslauer Jahre das erhebende Bewußtsein,, nicht bloß durch sein Leben und sein Wirken, sondern auchdurch seine Lehre, durch die lebenswarme, gemütvolle Verkündigung und Auslegung des Gotteswortes sich die Herzen seiner Gemeinde gewonnen zu haben. Wie in seinem ganzen Wesen, so zeigte sichauch in seinen Predigten seine eigenartige Gabe, Altes und Neues, Judentum und moderne Kultur zu schönem Glei-chUang zu paaren und den ewigen Wahrheiten des Judentums die höchste Aktualität zu verleihen. Seine Kanzelreden fanden den' Weg zum Gemüt der Hörer, weil sie es meisterhaft verstanden, das religiöse Gefühl anzuregen. Wenn er predigte, glaubte mcm einen jener alten herzenskundigen Midraschlehrer und Haggadisten auserstanüen, deren herrliche Deutung des Bibelwortes er d,em modernen jüdischien Empfinden näher brachte. , Die Möglichkeit hierzu gab Rosenthal seine tiefe und ausgebreitete Kenntnis d!er jüdischen, besonders der talmudischen Literatur. Einer bekannten ungarischen Gelehrtenfamilie entstammend, selbst auf den berühmten Jeschiboth St. Georgen und Preßburg ausgebi'ldet, hat er den Geist des jüdischien Schrifttums mit scharfsinniger Klarheit in sich' ausgenommen, die ihn befähigte, die Resultate seines Nachdenkens in mehreren gelehrten Arbeiten niederzulegen, soweit seine ausgebreitete praktische Wirksamkeit ihm zu wissenschaftlicher Betätigung Zeit ließ. Zu den vielen Vereinen und Institutionen, dienen er seine hilfreiche Arbeitskraft lieh, gehört auch das jüdischtheologische Seminar zu Breslau, an dem er wiederholt vertretungsweise die Rabbinatskandidaten in das ausgedehnte Gebiet des Talmuds einführte. So war sein ganzes Leben ein einziger großer Segen, ganz besonders für seine Breslauer Gemeinde, mit der er so verwachsen war, daß er vor vielen Jahren den ehrenvollen Ruf nach- Berlin ablehnte und sich nur schwer entschließen konnte, vor kurzer Zeit, als Einundachtzigjähriger sein Amt auszugchen, Dort hat sein. Wirken tiefe Spuren hinterlassen, und

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