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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-03-04 · Heft 5 (4.3.1921) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 5 (4.3.1921)
Date
1921-03-04
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 übrigen für den Antrag eintrctenbcn Rednern zu identifizieren, lvünscht er, in der Deputation zunächst die Bedürfnisfrage zu klären. Dr. Klee (Jüd. Volksp.) beschäftigt sich zunächst mit den von Professor Türk gemachten Ausführungen, deren logische Konsequenz er anerkennt, mit denen es aber kein Paktieren gibt. Nicht alle Mit-' glieder der liberalen Fraktion stehen seiner Meinung nach auf diesem radikalen Standpunkt. Das beweist, daß hier nicht die liberale Weltanschauung gegen die seiner Freunde steht. Dr. Guttmann hat selbst zugegeben, daß die jüdischen Volksschulen bisher die Trennung zwischen jüdischen und christlichen Schülern nicht verstärkt haben. Gerade die gemeinsame Erziehung verschärft die Gegensätze Die Bcdürsnisfrage ist geklärt. Daß die Eltern jüdische Volksschulen wollen, beweisen die 5000 Stimmen, die bei der letzten Repräsentantenwahl für die Volkspartei abgegeben wurden, in deren Wahlprogramm die jüdische Schule einen hervorragenden Platz einnimmt. Auch die konservativen Wähler haben für die jüdische Schule votiert. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat die selbstverständliche Pflicht, für die Möglichkeit einer jüdischen Schule zu sorgen. Auch Professor Loewe (Jüd. Volksp.) hält die für die Volkspartei abgegebenen Stimmen für einen genügenden Beweis, daß die Eltern die jüdische Schule wollen. Der gesamte Unterricht muß mit der jüdischen Anschauung durchdrungen werden, und hierfür reicht der bisherige Unterricht in den allgemeinen Schulen nicht aus. Das Judentum ist eine Kulturgemeinschaft, und nicht nur eine Konfession, und deshalb kann der heutige Religionsunterricht nicht genügen. Ebenso wichtig wie der Religionsunterricht ist der allgemeine Unterricht in Geschichte und den anderen Fächern für die Entwicklung der Persönlichkeit. Die jüdische Lehrerschaft verlangt ebenfalls die jüdische Schule, weil Persönlichkeiten nur im jüdischen Milieu erzogen werden können. Vorsitzender Geheim rat Minden: M. H! Gestatten Sie mir, ohne daß ich mich formell zum Wort melde, eine kurze Bemerkung. Herr Dr. Klee hatte völlig recht, als er von mir behauptete, daß in meiner Schulzeit aus dem Französischen Gymnasium zu Berlin zwischen jüdischen und christlichen Schülern vollste Harmonie herrschte. Im Anschluß hieran und an die Worte des Herrn Professor Loewe vom „Bäumlein, das andere Blätter gewollt", möchte ich noch eine andere Jugenderinnerung mitteilen. Auch ich war, als ich als Kind zum erstenmal das Gedicht las, über den „Juden, der mit großem Sack und großem Bart durch den Wald zog", äußerst empört und kam heulend nach Haus, nicht etwa, als ob mich Lehrer oder Mitschüler damit geneckt hätten, sondern weil mich das Gedicht selbst geärgert hatte. Mein Vater und meine Mutter aber erklärten mir den Sachverhalt, und dies Etlebnis hat wohl in hohem Grade dazu bei getragen, mich für den doch einmal unvermeidlichen Kampf für unsere Religion zu stählen und zu kräftigen. Soll man wegen dieses Wortes etwa Rückert aus der Literatur streichen. Und nun noch eine Frage an Herrn Professor Loeioe, die ich bitte, aber nicht heute mehr — wir haben noch viel zu tun —, zu beantworten. Sollen wir etwa der jüdischen Jugend die Kenntnis Shakespeares vorenthalten, weit er den Shyloek gedichtet hat? — Rechtsanwalt Stern (>lib.) weist die von Dr. Klee geäußerte Auffassung einer Differenz in dieser Frage innerhalb der liberalen Partei energisch zurück. Seine Fraktion hat die vom Repräsentanten Pincus abgegebene Erklärung einstimmig gutgeheißen. Die liberale Fraktion hat sich nicht für alle Zeiten gegen die jüdische Volksschule festgelegt. Ihre Stellungnahme entspricht ihrem Programm, doch ist es möglich, daß die Lebensnotwendig keilen stärker sind als programmatische Theorien. Tie Ueberweisung an eine Kommission wäre ein Begräbnis erster Klasse. Die Bestimmungen der Reichsverfassung werden eine Regelung des Schulwesens bringen, welche die Gemeindeverwaltung für ihre Stellungnahme abwarten muß. — Nach einem Schlußwort des Referenten erfolgt namentliche Abstimmungüber den Antrag der Konservativen. Für den Antrag stimmen die Repräsentanten Wölpe, Lewinski, Tr. Klee, Tl\ A. Loeb, Tr. Löb, Professor. Loewe, Goldschmidt und Dr. Neumann, gegen den Antrag die Repräsentanten Dr. Levh, Plotke, Sachs, Caspary, Halle, Dr. Gutnrann, Dr. Minden, Stern, Cohn, Pincus, Dr. Türk. Durch diese Abstimmung ist mit den liberalen Stimmen gegen die Konservativen und Volksparteiler entschieden, daß die Jüdische Gemeinde im gegenwärtigen Augenblick eine weitere Erörterung der jüdischen Schulsragen ablehnt'. E. M. Berlin, 1. März. Die Anfänge dss Parochiails h st e m s. Während .in den Kreisen der Gemeindioverwaltinlg der Streit um die Einführung des Parochialsystems noch nicht entschieden ist, gehen die Gomet'ndemitgli'eder selbst dazu über, das Parochialsystem im Anschluß an die Synagogen in ihren Bezirken praktisch einzuWhren. Derartige Vereinigungen bestehen bereits in der Synagoge Kykeftrahe, in der Alten Synagoge und m der 'Synagoge Lindensträße. ' Für die anderen Synagogen find sie bereits in. der - Bildung begriffen. Die konstituierende Versammlung der Bezirksgemeinde an der Synagoge Kottbuser User, die vor kurzem stattfand, war von etwa 1000 Juden aus Berlin-Süd und Umgegend besucht. Sie wurde durch eine Ansprache des an -der Synagoge Kottbuser User amtierenden Rabbiners Dr. Bleich rode eröffnet. Der Redner wies aus den Zweck der beabsichtigten Vereinigung hin und fand mit seiner Aufforderung, sich zu einer Gemeinschaft zusammenzuschliehen, den stürmischen Beifall der Versammlung. Der nächste Redner, das Mitglied der Repräsentantenvergammlung Adolf Lewinfki, besprach, in einem ausführlichen Vortrage die Ausgaben und Ziele -der Berliner Gemeinde .und forderte auch seinerseits die Anwesenden auf, diese Ziele durch einen stärkeren Zusammenschluß zu vertiefen und zu erweitern. Das Ergebnis der Versglmnlung war die Begründung der jüdischen B e - zirksgemeinschaft Berlin-Süd und Umgegenp. Ihre Ausgabe soll nicht nur darin 'bestehen, auf eine Vermehrung des Synagogenbesuches hinzuwirken, sondern sie soll in erster Reihe berufen sein, die jüdischen Einwohner dieses .Außeübezirsks um die Gemeinde zu sammeln, der drohenden Anstrittsbewegung entgegenzuwirken und einen starken ideellen Zusammenhang der Gemeinde mit den Gemeiindemitgliedern herbmznfiuhren. Berlin, 1. März. In der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums sprach vor kurzem Professor Dr. Julius Güttin a n n über „Spinozas Verhältnis zum Judentum". Das Judentum, führte der gelehrte.Redner «aus, kann diesen großen Weisen, der „nicht nur eine Einzelerscheinung ist, sondern eine ganz bestimmte Seite des menschlichen Denkens in klassischer Vollendung darstellt", nicht mit ungetrübtem Stolze als den Seinigen in Anspruch nehmen. Bekanntlich ist Spinoza von seinen eigenen Glaubensgenossen aus der Neligionsgemeinschaft ausgeschlossen und zur Macht Müs Amsterdam gezwungen worden. Dieses Unrecht hat er nie vergessen, und im „Theologisch-politischen Traktat" spricht er sein Urteil über das Jutdentum aus. Dieses Urteil hat seinen Weg über die englische Aufklärung nach Deutschland gesunden; noch bei Reimarus und selbst bei D. Fr. Strauß sind seine Nachwirkungen zu erkennen. Das Werk will in der Hauptsache die Philosophie von den Fesseln der Religion befreien und beweisen, daß keinerlei Zusammenhang zwischen beiden besteht. Vor allem aber, daß der Wahrheitsbegriff keine Anwendung aus die Religion finden dürfe. Das alles ist vorsichtig, kühl gesagt, denn auch in Holland war die konfessionelle Lage gespannt, und nur durch besoiMenste Zurückhaltung und durch bk .opferwilligen Bemühungen 'einsiltußreicher Freunde konnte der große Denker vor Verfolgungen bewahrt bleiben. Indem, er sich fcheinbar auf die Seite der Orthodoxie stellt, weist er m bem Traktat nach, haß der Pentateuch unmöglich eine einheitliche Schöpfung aus der Hand Moses sein kann, sondern das Ergebnis eines langen >rmd verwickelten literarischen Prozesses. Damit ist er der Begründer der modernen Bibelkritik geworden. Nachdem er so die Autorität des Alten Testaments erschüttert hat, kommt er zu dem Schluß, daß die Berusamg des Volkes Israel keine religiöse, sondern lediglich.eine politische gewesen sein kann. Infolgedessen hat das jüdische Volk nach Zerstör urig seiner politischen Selbständigkeit keinerlei DaseinsberechtigDNg mehr. Ihm als dem absolut Leidenschaftslosen ist freilich das wahre Wesen der Religiosität des Volkes, die Schicksälskraft des Blutes entganMn. Der Vortragende zeigte dann noch in großen Zügen, wie sich von Spinoza Fäden spinnen zur Mystik mrd zu denjüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters. Berlin, 1. März. Die Deutschvölkischen, offenbar mit der letzten „Reigen"-Demonstration nicht ganz zufrieden, dürsten nach neuen 'Heldentaten. Am Sonntagnachmittag zogen sie, wie von Augenzeugen berichtet wird, tr uPPwei se, mit dem Hak enkreuz geschmückt, den Kurfürstendamm entlang und suchten Händel mit jüdischen Bürgern. Dabei kam es zu recht wüsten Szenen, wobei die K n ü p P e l der antisemitischen Raufbolde eine bedeutende Rolle spielten. Sicherheitspolizei, die den Ueberfallenen zu Hilfe eilte, war zu schwach, und erst, nachdem mit einein Lastwagen Verstärkung, herangeholt wurde, gelang es, diesen Ausschreitungen ein Ende zu machen.

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