Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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"■*****■* Der Oemetndebote. 8‘r,in'4 Mätz 1921 Veilsge zur „Ällsemeinen Leitung deF Judentums". lkorrrsponÄen?en und Hachnchtm. Deutschland. E. ML Bevlin, 1. März. Die erste Februar-Sitzung der Reprä senta nte nver sarnmkun g eröffnete der Vorsitzende Gcheinwat Dr. Minden mit folgender bemerkenswerter Ansprache: Seit unserer letzten Zusammenkunft hat sich ein Ereignis von größter Bedeutung vollzogen. Der Gemeindetag des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat heute vor 14 Tagen im Logenhause in der Kleiststraße zu Berlin den Entwurf, einer neuen Satzung .angenommen, welcher in Gemäßheit-der Neichsverfassung Artikel 137 die Schaffung einer G e s a m t v r g a n i s a t i o n des d euts ch e n Judentums bezweckt. Damit ist ein lange gehegter Wunsch der deutschen Judenheit seiner Erfüllung nahegerückt. Gleich nach Begründung des Norddeutschen Bundes , und nach seinem Zusammenschluß mit den süddeutschen Staaten wurde der Deutsch^Jsraelitische Gemeindebund begründet, dessen Zweck eine Gemeinschaft aller jüdischenGepreuMn Deutsckstands war. Dies Ziel ist nun beinahe erreicht. 300 Vertreter deutscher jüdischer Gemeinden haben uüt einer'mV Dinstimmigkeit grenzenden Mehrheit den Entwurf angenommen und es steht zu hoffen, daß. auch die wenigen disseutier^nden Stimmen noch eine Grundlage finden werden, um ihre Bedenken gegen den Eintritt in die Gesamtorganisation zu überwinden. M. H.! Es ist im Laufe des vorigen Jahres mit Recht betont worden, daß das Schicksal dieses Planes sich in diesem Saale entscheiden werde. Und wenn ich Sie an unsere letzte Sitzung erinnere, so ist in der Tat durch das einmütige Zusammenwirken aller Fraktionen in der Berliner Nepräsentantenversammlung diesem -Unternehmen der Weg geebnet und sind die sich ihm entgegenstemmenden Hindernisse beseitigt worden. Dies uulß uns alle mit hoher Genugtuung erfüllen. M. H.! Leider fällt auf die Freude hierüber ein bitterer Wermutstropfen. Gerade in diesen Tagen ist das deutsche Volk durch die von Paris an uns gestellten Forderungen in eine tiefe und schmerzliche Erregung versetzt worden. Es ist ein trauriges Zeichen dafür, daß die wahre Friedensstiuunung noch nicht in den Herzen der Völker eingekehrt ist und daß wir von dein Ideal, welches unsere Propheten für einen Völkerbund ausgerichtet haben, noch weit entfernt sind. Wenn Israel überall und bei allen Völkern die Stellung zugestanden werden wird, die ihm gebührt, dann erst wird dies hohe Ziel erreicht werden. Denn die dem Judentum zugefallene Mission in der Weltgeschichte ist im höchsten Sinne eine di e V öl t c r Verb i n d ende. — Die darauf folgenden Verhandlungen gipfelten in einer ausgedehnten und lebhaften Debatte über den Antrag der konservativen Fraktion, eine gemischte Kommission zur Beratung über die Frage der Errichtung jüdischer Volksschulen einzusetzen. M. A. Loeb (Kons.) referiert, daß der dritte Ausschuß den Antrag abgelehnt hat, dem er im Plenum ein besseres Schicksal wünscht. Die Konservativen verstehen die Behandlung ihres Antrages nur so. weniger, als derselbe ja nicht die sofortige Einführung der jüdischen Schulen verlangt, sondern lediglich die Einsetzung einer Spezialtommission zur eingehenden Erörterung fordert. Für die Stellung des Antrages war eine Reihe von Momenten maßgebend: Mehr als 4000 jüdische Kinder besuchen die allgemeine Volksschule; die Einführung der Einheitsschule wird diese Zahl um weitere 1000 Kinder, die . bisher die Vorschulen besuchten, vermehren. Was die 'Jüdische Gemeinde bisher tat, um diesen Kindern jüdisches Wissen zu vermitteln, war ungenügend. An die Stelle von lebendigen Unterweisungen ist „Katechismusunterricht" nach fremden Mustern getreten. Jndisserentismns und Taufe sind die Frucht der ungenügendeil Kenntnis deS Judentums. Ein wesentliches Moment ist auch die unglückliche Lage der jüdischen Kinder in den allgemeinen Schulen. Der steigende Rassenhaß in der Lehrerschaft .und unter den Mitschülern bedroht unsere Kinder mit Isolierung. Die jüdische Schule wäre eine Wohltat, sie würde auch den Kindern die Sabbatheiligung ermöglichen. Das Finanzargnment, mit dein immer gegen diese' Forderung gearbeitet wird, darf nicht ansschlaggebend sein; außerdem zwingt das Volksschnlgesetz Staat und Kommune zu wesentlichen Beiträgen. Die Liberalen sträubten sich' sogar gegen die Beratung des Antrages, weil sie sich au das Ideal der konfessionslosen Schule .halten, aber . eine derartige Jdealschule gab es in Deutschland niemals. Wenn heute , der Antrag abgelehnt wird, so werden die Gemeindewähler.1922 die Antwort auf diese Stellungnahme erteilen. Als Sprecher der liberalen Fraktion drückte Herr Emil Pincus 'sein Befremden, über die. Erregung des Vorredners au§. Auch die Liberalen sind sich ihrer Verpflichtung gegen das jüdische Schulwesen bewußt; sie wollen aber keinesfalls der schwebenden Entwicklilng vorgreifeu, sondern lediglich ihre Entscheidung aussetzen, bis die Entscheidung über die allgemeine Schule gefallen ist. Die liberale Fraktion stellt, daher folgenden Antrag: „Die liberale Fraktion hält die gemeinsame Erziehung der Kinder aller Konfessionen in gemeinschaftlicher Schule für das Erstrebenswerte. Sie geht-dabei von der Voraussetzung aus, daß auch jüdische Lehrer in genügender Zahl an solchen Schulen zur Anstellung gelangen und auf die religiösen Bedürfnisse der jüdischen Kinder hinreichende Rücksicht genommen wird. Sie hält die Beratung des vorliegenden Antrages erst dann für angebracht, wenn die preußische Schulgesetzgebung die Durchführung obiger Grundsätze unmöglich machen sollte." Dr. Löb (Jüd. Volksp.) glaubt, daß nach dieser Erklärung, sich jede Debatte erübrigt, da die geschlossene liberale Majorität jede Diskussion verhindern kann. Deshalb muß die Entscheidung der Wähler angerusen werden, .die der Frage sicherlich mehr Verständnis entgegenbringen als die augenblicklichen liberalen. Vertreter. Die liberalen Hoffnungen auf die Simultanschule sind unbegründet. Auch die jetzige Simultanschule ist nicht paritätisch, sondern lediglich eine gemeinsame Unterrichtsanstält für die beiden christlichen Konfessionen. In den allgemeinen Schulen wird das Judentum lediglich als Anfangsstuse einer höheren christlichen Entwicklung dargestellt. Jüdische Vollpersönlichkeiten können ohne jüdische Schulen nicht herangebildet werden. Der Vorstandsvertreter Amtsgerichtsrat Wolfs faßt die liberale Erklärung nicht als absolute Absage, sondern als eine durch die Unklarheit der herrschenden Verhältnisse gegebene Notwendigkeit auf. Der Vorstand hat zu der Frage noch keine Stellung genommen. Erbringt der Angelegenheit das größte Interesse entgegen. Die Frage hat zwer wesentliche Seiten. Der konservative Antrag bedingt die Isolierung der jüdischen Schüler, während die liberale Partei den gemeinsamen Unterricht erhalten will. Tie gemischte Deputation dürfte in den gegenwärtigen Zeiten keine großen Ergebnisse bringen. Professor Dr. Türk bezeichnet die liberale Erklärung als Dokument der prinzipiellen Stellungnahme seiner Fraktion. Die von M. A. Loeb angeführten Zahlen sind willkürlich. Es ist fraglich, ob die Eltern aller dieser Schüler die Konfessionsschule verlangen oder nicht. Die Liberalen können keine Zweiseelentheorie treiben. Da sie politisch auf dein. Standpunkt der allgenieinen Volksschule stehen, können sie für sich selbst keine konfessionelle Schule fordern. Die Schule gehört dem Staat — der Religionsunterricht der Religionsgemeinschaft. Ter Religionsunterricht.gehört überhaupt nicht in die höhere Schule, er wurde nur eingcführt, um die.Gleichberechtigung mit den anderen Konfessionell darzutuu. Ter Religionsunterricht der Gegenwart und der. jüngsten Vergangenheit können nicht gar so schlecht gewesen sein, wenn man. bedenkt, daß der gewaltige Aufschwung des .Judentums der Gegenwart sich in der liberalen Periode abgespielt hat: Der Antisemitismus der Lehrer ist zu stark unterstrichen. Selbst diejenigen, die politisch Antisemiten sind, bemühen sich, ihre Schülerobjektiv zu behandeln. Der Antisemitismus kann aber nicht bekämpft werden, indem man sich isoliert, sondern nur durch gemeinsame Berührung. Mit den gleichen Motiven, mit denen.hier die jüdische Volksschule gefordert wird, kann man auch die jüdische höhere Schule verlangen. Da die Liberalen diese Entwicklung voraussehen, hüten sie sich bereits vor den: ersten Schritt. Direktor Dr. G u 11 m a n n wendet sich gegen die Bezeichnung, des Religionsunterrichts als Katechismuslehre. Die Resultate werden, unterschätzt. Der jüdischen Volksschule stehe er ohne Verurteil gegenüber. Es ist auch nicht zutreffend, daß sie da, wo sie existiert, eine Kluft zwischen Juden und Christen -geschaffen hat. Wenn es konfessionelle christliche Schulen gibt, muß es auch jüdische Volksschulen , geben. Es gilt, die Entwicklung abznwarten. Magistratsrat Dr. Neu mann findet die Stimmung der Liberalen gegen eine Kymmisstonsberatung unverständlich. Dhne sich mit den