Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Lea: So Höhe. ich> Lllv irh ich fürchte mich nicht. — Aber Ihrem. Bekannten könnten Sie mich wenigstens vorstellen. Veilchen bl um: Das kann ich tun. — Sie haben viel Mut, Fräulein Lea, meine Ruth würde das nicht wagen. (Beide ab.) IV. Akt. (Synagoge, schwach -erleuchtet, zwei Ausgänge. In dem Raume, der sonst nur für männliche Personen bestimmt ist, drängen! sich zwischen, den Betpulten, mit Ängstlichen Mienen gestikulierend, Männer. Frauen und Kinder durcheinander und aus Löb Beilchenblum ein, der sich ihrer vergebens zu erwehren sucht. Im Hintergründe sieht man Cli-aS, Sarah, Lea, Veilcheriblum- -ausgeregt hin und her -lausen.) Still — Ruhe, Ruhe! Sein eigenes Wort versteht man nicht. — Glaubt ihr, daß unS die Flucht gelingen wird, wenn ihr so lärmt? (Es wird allmählich etwas sti-ller, -die ausgeregten Stimmen sinken zum Flüsterton herab, wobei sich viele mitleidige Blicke auf die Familie Krong-old richten.) (Eine Frauim Vordergründe halblaut zu einer anderen): Sie wissen noch nichts? Die An geredete: Es scheint so, je später sie es erfahren, desto besser. — Die Aermsten! Doppelt und dreifach trifft sie -das Unglück.. Lea (z>l -den beiden Frauen tretend): Weshalb sehen Sie uns so an? — Die Mutter ist ganz unruhig geworden. — Sie regt sich so leicht auf durch ihre Krankheit. Ist etwas Passiert? Wir sind schon seit Mittag hier und dadurch von der Außenwelt abgeschnitten. (Während dieses Gesprächs haben sich mehrere Gruppen gebildet, die sich in gedämpftem, aber erregtem Tone gesti-kulierend unterhalten, so daß aber für die Zuschauer das Hauptinteresse auf die Unterhaltung Leas gerichtet wird. Elias und seine Flau sehen mit ängstlicher Neugier nach ihr hin.) Die erste Frau: Ich weiß, die armen Krongolds sind verhaftet worden, und Sie haben sie befreit. Das wird Ihnen Gott lohnen. Lea (eindringlich): Es ist also nichts passiert? Die Frau (aus>veisend): Soll noch mehr Passieren in den Paar Stunden, als daß die ganze Gemeinde Hals über Kops zur Flucht zns-ammengetrommelt wird? — Ich zittere nochjetzt an allen Gliedern. Veilchenblum (im eiligen Vorbeigehen): Ich bin zu schwach für die Leute. (Inzwischen besteigt der Rabbi, ein -alter, ehrwürdiger Mann, der während Leas Unterhaltung eingetreten ist, die Kanzel.) Veilchenblum: Ihr seht doch, daß -der Rabbi sprechen >vill. Der alte Mann kann euch nicht übersch-reien. (Es tritt allinählich Stille ein.) Ra b b i: Zu ungewohnter Stunde, meine lieben Glaubensgenossen, habe ich euch nächtlich in dieses heilige Haus -gerufen. Nun naht die Gefahr, die wir lange befürchtet haben. Oh, möge sie uns mutig und ges-aßt finden! Schwer lastet auf uns die Hand des Ewigen. Wer er Prüftuns -nur, er wird uns nicht verderben. — Nun prägt euch das ein, was ich euch zu sagen habe: Durch ein Gespräch-, das man mir hinterbracht hat, habe ich erfahren, daß die Deutschen nahe sind.. Und weil man uns Juden nicht traut und Verrat von uns befürchtet, darum ist geplant, uns zu vertreiben, entweder morgen früh oder noch heute nacht. Stimmen aus der Gemeinde: Wehe! Rabbi: Ich habe euch leider noch Schlimmeres mitzuteilen. Wir sollen den Deutschen entgegengetrieben werden. Wehrlose alte Männer, Frauen und Kinder will man erbarmungslos in den sicheren Tod schicken. Wir sollen die Kosaken mit unseren Leibern schützen. Hier gibt es nur eine Rettung, eilige Flucht.. Jeder möge das Beste von seiner Habe nehmen und so rasch wie möglich nrit Frau und Kindern fliehen. Die heilige Thora werdenwir mit uns führen. . (Indiesem Augenblicke nnmnt Lö-b Veilchenblum die Thorarollen aus dem Allerheiligsten und verteilt sie aneinige alte, ehrwürdige Mäimer, die sie küsiend in Empfangs nehmen.) Rabbi (fortfahren-d): Als einzige Fackel in der Finsternis möge uns das Licht unserer Lehre geleiten. — Doch wir wollen diesen Ort nicht verlassen, ohne im Gebet zu gedenken eines Jünglings, der in diesem Augenblicke vielleicht schon vor dem Ewigen steht und der zum Märtyrer geworden ist für uns alle. Aus tiefem Mitgefühl für seine Glaubensgenossen ließ er sich zu Unvorsichtigkeiten Hinreißen und zu Worten des Zornes und der Empörung gegen -diejenigen, unter deren Banner er heute in den Kampf ziehen sollte. Durch eine verräterische Magd und ihren Liebhaber gelang-ten sei-ne Aeußerungen zur Kenntnis der Militärbehörde, die ihn von zwei Stunden nachkurzer Vernehmung wegen Landesverrats zum Tode verurteilte, obgleich er beteuerte, daß er keinen Verrat beabsichtigt hatte. Gott schenke ihm die ewige Seligkeit und tröste seine armen Eltern! (Während des letzten Teils der Rede hat sich >vachs«nde Unruhe unter den Zuhörern bemerkbar gemacht und das Bestieben, den Ra-bbi am Wei-terreden zu verhindern, was -dieser mißverstanden hat. Mitleidige Blicke richten sich -auf Krongolds. Löb Veilchen-blum hat sich inzwischen zum Rabbi vorgedrängt und ruft): Die Eltern wußten es noch nicht! (Jni gleichen Augenblick ertönt ein kurzer Aufschrei und Sarah fällt tot um. Der Rabbi sinkt, wie gebrochen, in sich zusammen-. Er ist nicht imstande, die Rede zuschließen- Mühsam erhebt er sich und geht zu Elias, -dem er die Hand reicht. Elias sieht ihn starr und verständnislos -an. Inzwischen- Gedränge und immer größer >vevdender Tumult unter den Gemei-ndemitgliedern. Der Vorsteher Feldmaim tritt zum Rabbiner und sagt, indem -er ihm eine Thora in die Hand drückt): Sie müssen vor-angehen, Rabbi, alle warten auf Sie. Rabbi: Ich habe sie getötet, ich habe ihn zum Witwer gemacht. Feldmann: Sie war schwer krank, chre Tage waren gezählt. Kommen Sie, laffen Sie Ihre Gemeinde nicht allein in ihrer schwersten Stunde! Gehen Sie mit mir voran als ihr Führer! Rabbi (-mit schtoacher Stimme): Die Tote kann doch nicht hier bleiben. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Der L o h a r und seine Leh r e. Einleitung in -die Kabbala von Ernst Müller. R. Löwit Verlag, Wien 1920. Preis drosch. 12 Mark, geb. 15 Mark. Die mystische Richtung des Judentums hat in dem geheimnisreich m Buche „Sohar" ihr Fundament gefunden. Dem Bedürfnis einer von verflachendem Nationalismus wie verdunkelndem Mystizismus gleich weit entfernten systematischen Klarlegung des Gedankeninhalts dieses schwer zu ergründenden Buches wird hier zmn ersten Mette Rechnung getragen. Ein gründlicher Kenner der Materie hat die verborgene Weisheit der Lohre neu geformt und nach den Haupigedankenkreisen geordnet. Sodann folgt eine knappe Auswahl besonders charakteristischer Übersetzungen, in welchen aus dem ins Unendliche schweifenden Text einzelne um unbestimmte Gegenstände gruppierte Stellen herausgegrifsen sind. Der vielsagende und kaum erfaßte Begriff der .Kabbala wird den Lesern dieses unentbehrlichen Leitfadens zu eindringendem Verständnis gebracht. Die Anschaffung dieser Schrift ist besonders denen zu empfehlen, denen der Sohar im Urtexte ein Buch mit „sieben Siegeln" ist. * — Bergingenieur L. Rose n t h a l: Ernstes u.nd Heiteres ans tmx jüdischen Leben. Verlag Gustav Engel, Leipzig.