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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-03-04 · Heft 5 (4.3.1921) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 5 (4.3.1921)
Date
1921-03-04
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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57 Die Heimreise der Militärlieferanten die Einnahmequellen für das jüdische Theater fast völlig erschöpft. Goldfaden fah sich gezwungen, in die russische Heimat zurückzukehren. Er ging mit seiner Truppe nach Odessa. Dort nahm fein Unternehmen in künstlerischer wie in materieller Hinsicht einen neuen Aufschwung. Die Bühneneinrichtung erhielt manch durchgreifende Verbesserung, die Mitwirkenden waren über die Ansängerschast hinaus, und man konnte bereits manche gute schauspielerische und artistische Leistung verzeichnen. Der Zuspruch des Publikums übertraf einfach alle Erwartungen. Das Geschäft ging glänzend. Bald aber erwuchs Goldfaden ein Konkurrent in der Person eines jungen hebräischen Schriftstellers namens Leon Lerner. Als junger Mensch, der seinen Beruf verfehlt und im Leben Schiffbruch gelitten hatte, warf er sich mit jugendlichem Ungestüm auf das von Goldfaden neuerschlofsene Gebiet, von dem er vieles erhoffte. Lerner war, wie Rüben Ascher Braudes in einem „Theater-Erinnerungen" betitelten Aussatz von ihm berichtet, ein Mann von Bildung und von einem ziemlich entwickelten ästhetischen Empfinden. Goldfadens Theaterstücke, diese Lachsalven-Erreger, fand er geschmacklos. Er wollte die jüdische Bühne verfeinern, modernisieren, einen Zug von echtem Künstlertum in sie hmeintrageN. Also nicht als Nachahmer trat Lerner auf, sondern als Theaterreformer. Er wollte das ernste künstlerische Drama pflegen. Da er selbst kein Dramatiker war, begann er Meisterdramen aus der deutschen Literatur zu übersetzen, und suchte verständnisvolle Schriftsteller für sein Unternehmen zu gewinnen. Sein Ensemble trug einen durchaus ernsten Charakter. Er machte den Anfang mit Gutzkows „Uriel Acosta"; der bekannte hebräische Schriftsteller M. L. L i l i e n b l u m lieferte ihm zwei jiddische Dramen „Serubabel" und „Die Doppelehe". Allmählich gewann sich auch das Lernersche Theater sein Stammpublikum, und Odessa konnte sich nunmehr rühmen, in der Welt die einzige Stadt zu sein, die zwei jüdische Bühnen besaß. Zu diesen zweien gesellte sich bald eine dritte. Ein Herr „S ch u m e r" (Scheikewitz), ein Romanfabrikant ersten Ranges und schlimmster Sorte, errichtete das dritte jüdische Theater in Odessa. Auch Schumer ging seine eigenen Wege. Goldfaden wollte erheitern, Lerner belehren, Schumer wollte seinen Zuschauern das Gruseln beibringen. Seine „von ihm selbst verfaßten, höchst spannenden Theaterstücke" waren dramatisierte Hintertreppenromane. Sengen, Brennen, Morden, Stechen — dieses Handwerk wurde allabendlich auf dieser Bühne mit größtem Erfolge geübt. Mit diesen Dramen hat Schumer alle Sherlock Holmesiaden der Gegenwart und der Zukunft vorweggenommen. — Wenn auch im allgemeinen aller guten Dinge drei sind, so waren doch drei jüdische Theater für Odessa zu viel des Guten. Auch die russische (zaristische) Regierung kam zu der Einsicht, daß man die jüdischen Untertanen in Odessa nicht mit drei Theatern belasten dürfe. Im Jahre 1883 erschien daher ein Ukas, der diese Aufführungen im ganzen Zarenreiche verbot . . . Alle drei Direktoren mußten einpacken. Goldfaden suchte sich noch einmal aufzurassen; er ging nach Warschau, taufte sein jiddisches Theater in eine „Deutsche Truppe" um und ließ seine jiddischen' Stücke in einem verhunzten Deutsch spielen. Aber die „Deutsche Truppe" brachte ihm wenig Glück. Schließlich zwangen ihn die materielle Verhältnisse, Warschau zu verlassen. Er ging nach New York, wo er, von seinen Nachahmern verdrängt, mit der Leitung einer illustrierten jiddischen Zeitschrift sürliebnehmen mußte. Nach einem an Erfolgen und Enttäuschungen reichen Leben starb Goldfaden im Jahre 1908 in New Jork. Hunderttausend Menschen aus dem New Yorker Getto gaben ihrem Sänger das letzte Geleite. IV. Diejüdisch-amerikanischeTheaterschule. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als sich der große Auswandererstrom von Rußland nach Amerika ergoß, begründeten der Schauspieler Boris Tomas h e w s k i und der Dramenschreiber M. H o r o w i tz die ersten jüdischen Bühnen in New York. Das erste jüdische Theater in New York war das „Oriental", dem bald das „Roumanian Opera House" folgte. Zu gleicher Zeit feierte das jüdische Theater seine Auferstehung in Galizien, in der Bukowina und in seinem Geburtslande Rumänien. Gimpel eröfsnete ein jüdisches Theater in Lemberg, Axelrad in Czernowitz und M o g u le s c u in Bukarest. Auch im jüdischen Zentrum Londons hat das jüdische Theater eine Heimstätte gefunden. In Amerika fand die jüdische Bühne einen guten Boden, auf dem sie sich weiterentwiüeln konnte. Während auf der jüdischen Bühne in Europa noch immer Goldfaden nahezu autokratisch den Spielplan beherrschte, machten sich in Amerika neue Strömungen in der jüdischen Theaterwelt bemerkbar. Diese Strömungen zogen vorerst das Goldfadensche Wrack, das unter dem Namen Jiddisches Theater stolz in die Welt hinausgesegelt war, in bisher kaum geahnte Niederungen, hoben es aber später weit über das ursprüngliche Niveau hinaus, auf dem es zu Goldfadens Zeiten gestanden hatte. In Amerika war es, wo ein geschmackwidriges Dilettantentum das von Goldfaden schlaff gezimmerte Werk noch mehr verpfuschte, wo das jüdische Bühnenstück in eine bänkelsängerische Posse, seine volkstümlichen Karikaturen in blutleere Fratzen, ferne harmlosen Späße in ekelerregende eindeutige Monismen ausarteten. Und in Amerika war es auch, wo die jüdischen Volksmassen zum Theater erzogen wurden, wo sie erst zwischen Drama und Lustspiel, zwischen Oper und Operette unterscheiden lernten. Goldfadens Epigonen hatten die jüdische Bühne nicht einen Schritt vorwärts gebracht; aber die, die nach ihnen kamen, taten es. Die unmittelbar auf Goldfaden folgende sogenannte „amerikanische Schule" hat neben einer Reihe biblischer Dramen eine eigene Gattung von Umdichtungen hervorgebracht. Die Hauptrichtung dieser Schule bestand darin, daß sie in französische, englische und deutsche Stücke den jüdischen Farbenton hineintrug. Deutsche Schauspiele, englische Dramen und französische Komödien wurden „gejüdischt". (Fragt mich nur nicht wie!) Es waren beileibe nicht allein die Durchschnittsdichter, die man in ein jüdisches Gewand steckte, sondern auch die Großen, ja die Größten, die Klassiker der Weltliteratur. Sie wurden jüdisch kostümiert und sie trugen jüdische Namen. Aus Kotzebu,es .Einstedler',wurde ein „Abarbanel", aus Molieres ,Tartüfse' ein „Sabbathai Zwi", aus Gogols .Revisor' ein jüdischer Theaterdirektor. Schillers,Turandot' führt den sonderbaren Titel „Meier der Wundertäter" und Shakespeares .Antonius und Kleopatra' die merkwürdige Aufschrift „Die Stimme des Schvsars". Hebbels .Maria Magdalena' wird dem Theaterpublikum (recht sinnig) als „Der Baum der Erkenntnis" angekündigt. .Romeo und Julia' find die Kinder der „Brüder Lurie", die in irgendeinem Nest im Wilnaer Gouvernement wegen einer Erbschaft einen häßlichen Streit führen. Gedaljah Lurie ist ein großer Talmudist, aber ein noch größerer Lump, der seinen jüngeren Bruder, einen ungelehrigen armen Müller, um sein Erbteil bringen will. Heftig wütet der Kampf zwischen den beiden Brüdern, heftiger noch loht die Liebesflamme zwischen des Müllers Sohn Iankel und des Talmudisten Tochter Riwkele. Schließlich versöhnen sich die feindlichen Brüder am Sterbelager Riwkeles. Hamlet ist sogar in einen „Prinz Jsmael" unrgetauft worden. Das Stück spielt in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft. Der König eines von Nebukatnezar nicht unterjochten jüdischen Stammes ist von seinen,

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