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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-03-04 · Heft 5 (4.3.1921) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 5 (4.3.1921)
Date
1921-03-04
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 dem Ganzen den einzelnen zu begreifen und in das Schema einzuordnen; er macht es anders. Er studiert das Phänomen der Prophetie an einem einzelnen, dem Jeremias, in der Ueberzeugrmg, daß ckimle solche Verengung des Studienbezirkes im wesentlichen^ eine Vertiefung ist, daß man, wenn überhaupt, in der einzelnen PersöMchkeit die Lösung der Rätsel findet, die das. Prophebentum uns aufgibt. Und er wählt als die typische Proph-etenpersön-lichkei-t eben Jevomia aus. Er ist nicht der 'erste, dem gerade Jericlnfia, dieser mehr als andere, das Hauptinteresse abzwingt; man erinnere sich nur, daß seinerzeit auch Moritz Lazarus ihm als dem typischen Propheten ejine Monographie gewidmet hat, und es ist nicht Zufall, daß ihm gerade Jevenria als der größte aller Propheten erscheint. Das liegt neben seiner tatsächlich überragenden Bedeutung zu einein Teil Wohl auch an einem psychologischen Vorgang in uns selbst, wenn er anch uns vielleicht nicht zum Bewußtsein kommt, nämlich daran, daß er gleich uns durch einen mörderischen, volksverzehvendsn Krieg hdndurchgegangen ist, der nicht hatte sein müssen, der ohne Mühe hätte vermieden werden können. Gerade bei der Betrachtung Jeremias drängen sich einem angesichts seines Kampfes gegen die Kriegspartei und für den Frieden mit Babylon die Parallelen geradezu auf zu dem Leichtsinn und der Prahlerei, mit der der Weltkrieg begonnen ward, und dem Toben und Schreien der Kviegsberlängerer und falschen Patrioten aller Länder. Jeremia ist dadurch — Stefan Zweig ist demfclben Zauber in seinem Drama verfallen — in unserem Denken zum ragenden Lerold des Gedankens von der Unsinnigkeit des Krieges überhaupt geworden, des Gedankens, der wohl uns Lebende am tiefsten gepackt hat. So nimmt sich denn Auerbach die Persönlichkeit Jeremias vor, versenkt sich liebevoll und mit psychologischem Feingefühl in die einzelnen Phasen feiner Entwicklung und seines Wirkens und studiert an ihm und seinem Wort den ganzen Erscheinungs- und Jdeenkomplex der Prophetie. Solch eine Betrachtung wird der Natur der Sache nach zu einer Erörterung über wesentliche Fragen des religiösen Erlebens. In ihre Reihen gehört die Untersuchung davon, was es eigentlich mit d-e-m, was der Prophetie den Namen gegeben hat, auf sich hat, der Voraussage der Zukunft, welche sittlichen Erwägungen ihre Voraussetzung bilden, wie damit die sittliche Begründung der Politik im Zusammenhänge steht, welche Verbindung Gott und Sittlichkeit, Kultus und Frömmigkeit miteinander haben, wie Gott und Volk, Volk und Gott, Gott und Mensch zueinander stehen. Am reizvollsten erscheint dabei das Kapitel über die wahren und falschen Propheten, in dem mit den Worten des Jeremia selbst der Unterschied zwischen, dem wahren und falschen Propheten dahin bestimmt wird, daß der wahre Prophet immer ein Unheilverkünder sein muß, weil er eben sich nie mit dem Stande seiner Zeitgenossen absindet, sondern die sittliche Forderung in ihrer ganzen Höhe stellt und beim Abwsichen von ihr keinen Bestand zuerkennen. kann, während der falsche Prophet Frieden predigt, mit seinem Volke zufrieden ist; Frieden predigt der wahre Prophet erst dann, wenn das Unglück gekommen ist und die Gebrochenen, zur Läuterung Gereiften getröstet werden müssen. Einen Höhepunkt des Buches bildet das Kapitel vom Kult und Gesetz, das aber ist zugleich das anfechtbarste und schwächste. Auerbach will hier Nachweisen', daß Jeremia zu der Josianischen Reform eine erst gleichgültige, dann ablehnende Stellung eingenommen habe, weil sie ausgetreten und eingeführt worden sei Mit dem Anspruch, daß sie nun die rechte Verfassung sei, das Gottesgesetz schlechthin, und eben das habe, Jeremia verneinen müssen, weil er keine andere Quelle der göttlichen Offenbarung anerkennen könnte, als das ewig in der Prophetie sich erneuernde Wort; kein festes Gesetz, das, materialisiert, erstarren mutz, könne Gottes Gesetz umschreiben, nur das lebendige Wort könne es stets neu, gebären. Das ist geistvoll ausgeführt, aber e§ überzeugt nicht. Man muh schon mit einer -bestimmtem Meinung von diesem Dingen Jeremia lesen, um in ihm das wiederzufinden. Damit soll nichts gegen die Wahrheit der These an sich gesagt werden; sie ist glatt zu bejahen, sie ist im Grunde die These des libevalen Judentums, und es ist recht interessant, sie einmal von einem dem Liberalismus aus politischen Gründen Fernstehenden zu hören, aber daß Jeremia im Zusammenhang mit der Josianischen Reform so gefühlt habe, das eben ist nicht als bewiesen zu erachten. Aber was man im einzelnen auch auszusetzen haben NMg, das Buch im ganzen büßt dadurch nichts ein. Es ist eines der reifsten Bücher, die wir über Prophetie haben, mit vielem psychologischen Verständnis geschrieben, in! slüffigem, jedermann verständlichem Stil, und wer es liest, wird Gewinn und Freude daran haben. Es schließt mit einem schön gezeichneten Löbensbilde Jeremias. Eine nach den inneren psychologischen Gesetzen der Prophetie revidierte kritische Ausgabe -des Textes von Jeremias Reden stellt uns der Verfasser in Aussicht. Auf sie darf man gespannt sein. Die Milche Sühne. Eine theatergeschichtliche Studie. <2. Forts.» Von Samuel Meisels (Wien). Und doch wäre es ungerecht, wollte man darob das Verdienst Goldfadens schmälern. Das jüdische Theater ist nicht nur in seiner weiteren Entwicklung ein kunstbildendes und kulturförderndes Institut für die jüdischen Volksmassen geworden, sondern es war schon eine Bildungsstätte zu Goldfadens Zeiten. Goldfaden hat den Kunstgeschmack jener Kreise, aus denen sich sein Theaterpublikum zusammensetzte, durchaus nicht verdorben; denn sie hatten vor dem Erscheinen Goldfadens überhaupt keinen. Wahr issis, Goldfaden hat auch keinen guten Kunstgeschmack in ihnen großgezogen. Dazu fehlte es ihm teils an Kraft, teils an dichterischem Ehrgeiz. Aber indirekt hat sein Theater auf die jüdischen Volksmassen im Osten belehrend gewirkt. Es war der Vorbereitungskurs für die modernen jüdischen Bühntn, die später in New Jork und London entstanden sind. Indem Goldfaden aus den verschiedenen deutschen Opern und Operetten die Melodien für seine Lieder zusammentrug, machte er das Ohr seiner Zuhörer für andere Töne als die der Synagogengesänge und der Hochzeitsmusik empfänglich. Er bot ihnen in seinen Stücken, zwar nicht dramatisch, aber episch und in klangvollen Reimen, allerhand lehrreiche Erzählungen aus der Geschichte, ethische Fabeln aus dcr Sagenwelt und anregende Begebenheiten aus dem praktischen Leben. Hat er auch Schundstücke wie das dreiaktige Melodrama „Die Großmutter mit ihrer Enkelin", die Operette in fünf Akten „Die Zauberin", das Stück „Die beiden Kuni Lemels" und ähnliches Zeug zusammengeschmiert, so hat er doch nebenher auch das zum mindesten in stofflicher Hinsicht wirkungsvolle historische Drama „Bar Kochba", das stimmungsreiche Stück „Sulamit" (das ins Polnische und Ungarische übersetzt und sowohl im Lemberger Stadttheater wie im Ungarischen Nationaltheater zu Budapest aufgeführt wurde) sowie das durch feine nationaljüdische Tendenz packende Schauspiel „Messianische Zeiten" geschrieben. Makkabi und Mattithjahu, Bar Kochba und Elieser, Herodes und Mariamne, Holofernes und Judith, Rabbi Joselman und Doktor Almassado — Goldfaden lehrte die jüdischen Volksmassen diese Namen aussprechen und machte sie mit deren Lebensschicksalen bekannt. Goldfadens Erfolge in Rumänien waren von kurzer Dauer. Nach Beendigung des Russisch-Türkischen Krieges waren durch

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