Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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lkeberzeugung zum Ausdruck, daß Gott allein aut das Herz achtet, auf die Gesinnung und den Mmvben. Dem entspreche es auch, daß 'man den Menschen nur nach seiner Gesinnung, nicht aber nach feiner HerAmst «oder Rasse zu beurteilen habe. In der Disiklvssivn über diesen Vortrag ureDete sich der Schriftsteller und Rittmeister a. D. v. OpP o'l n -B r o n i kow sk i, der Dersaffer der bekannten Broschüre „A n t i s e m i t i sm ns", zum Wort und führte aus, daß er, obwohl entschiedenster Gegner 'des Antisemitismus, doch treuer Anhänger der Deutschnationalen VEspartei sei. Er halte den Antisemitismus nicht für eine Schmutzwelle, sondern für einen Irrweg. Der Redner hob hervor, daß der bekannte Liz. M u m m sich kürzlich in einer deutschnationalen Versammlung ebenso entschieden gegen Delitzsch ausgesprochen habe, wie dies hier seitens des Pfarrers Graue geschehen sei. Es sei widersinnig, daß Blätter wie die „Kreuzzeitung" unter dein Strich Artikel bringen, die die höchste Achtung vor der alttestamentlichen Religion bekunden, während im politischen Teil Angriffe gegen diese utt'b das Judentum enthalten seien. Der Redner charakterisiert mit glücklichem Humor die blöde Jude n rieche re i der Antisemiten; er erklärte er trete der Ansicht des .Reichsministers Go t he in bei, daß durch die antisemitische Hetze der Wille Amerikas, uns zu helfen, beeinträchtigt werde, und verurteilt aus das allerschärsste den J-dealismus des u n entwegte n Anti s e nt itis nt u s. Tr. Paul N a t h a n sprach dem Vorredner seine besondere Anerkennung für seine Ausführungen aus. Seme Broschüre, die ihm in dentschnationa'len Kreisen sehr verdacht tverde, sei eine Tat gewesen, eine mutige Tat, für die ihm der Dank des Vaterlandes gebühre. Rechtsanwalt Dr. B r a u b a ch sprach darauf über „I u ge n d u n d A nt i s e m i t i s m u s". In sachlich wie rednerisch, hervorragender Weise kennzeichnete der als Dreißigjähriger selbst mitten in der Ingendbeloegung stehende Redner die antisemitische Verseuchung der heutigen Jugend und ihre tiefsten Ursachen und Gründe. Er beschränkte sich zunächst auf den Antiiemitismu's in unserer Studentenschaft, da ans deren Reihen zuerst die programmatische Formulierung des antiiemitischen Standpunktes erfolgt sei. Es mache einen überaus traurigen Eindruck, wenn man sehe, wie nicht nur fast das gesamte Berbin'dungsstudententunt, sondern auch weite Kreise der Finkenschaft von dem Antisemitismus ergriffen worden seien: funge Leute, die berufen sind, später als Lehrer, Richter, Anwälte, Geistliche zu -wirken. Es sei beschämend, daß die Burschenschaft, die eine große Vergangenheit und Tradition zu währen gehabt hatte, sich zu der programma-tischen Erklärung gegen die „jüdischen und farbigen Weither" erniedrigt habe. Aus den Gymnasien, namentlich in der Provinz, sei es nicht besser. Die antisemitische Verhetzung sei eine große Gefahr für die moralische Gesundheit der Jugend und darüber hinaus unseres gesamten Volkes. 9toüvendig sei daher die Erfüllung unserer Schule und Hochschule mit neuem Geist, damit sie ihre Aufgaben, Erziehung zur Gemeinsamkeit des Volksganzen, erfüllen könnten. Nach lebhafter Aussprache schloß der Borsihende die eindrucksvolle Veranstaltung. * Palästina and die deutschen Inden. In einer Versammlung des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der .Jüdischen Gemeinde zu Berlin" sprach Rabbiner Dr. B a e ck über die „Stellung der deutschen Juden zur Palästinasrage". Der gelehrte Redner führte etwa folgendes aus: Die R.eformveweg.u>ng, der Zionismus und die Neuorthodorie sind von Deutschland ausgegangen. Diese große Tradition des deutschen Judentums, das jahrhundertelang die geistige Führung drs gesamten Judentums gehabt hat, verpflichtet die Generation der Gegenwart zu Taten die ihrer Vergangenheit würdig sind. Malt könne das Judentum in seiner älteren Generation als ein „Judentum nuferer Großväter" an sprechen, während im Gegensatz dazu ein starkes .Lchdentlum unserer Kinder" heute seilte Gegenwart allzeige, eine Renaissance, die da sei and) ohne, daß wir uns geschichtlich Rechenschaft geben können, warum. Das poetische Bild von den Totengebemen., die durch den Geist Gottes zu neuem Leben werden, ist hellte vor unser aller Allgen sinnfällig. Wir müssen die Zeichen der Zeit erkennen und mit allen Kräften au der Errichtung des neuen Palästina Mitarbeiten. Wenn die 500 000 Juden Deutschlands sich von den Millimten Judell der Welt abschtiießen wollten, so würden sie damit nur sich selbst a.usschließen, aber nicht den Aulfbmr Pailästinas verhinderlt, der ohne sie ebenfalls erfolgett muß, auch wenn alle 'deutschen Juden ihre Mitarbeit versagen würden. Die geschichtlich traditionelle Bedeutung des deutschen Judentums erfordert aber seine eifrige Mitarbeit. Es wäre fatsch-, wenn man mit Humanitären Maßnahmen die Jll'denfrage lösen oder Palästina aufbauen wollte. Für landflüchtige Ziigeuner können wir mit Humanitären Gründeit ein treten, für Inden können wir mir aus jüdischen Gründen tätig fein. Das Judentum hört nicht an den deutschen Grenzpfählen ans. Jüdische Fragen müssen wir vont jüdischen Gesichtspunkt aus. deutsche vom deutschen Standpunkt aus lösen. Wir müssen ohne Vorbehalte an das große Werk Herangehen und für das große Werk auch große Opfer bringen. Tie gemein saute Arbeit wird möglich sein, wenn man die Heißsporne in beiden Lagern beruhigt. Zum Schluß gab Rabbiner Dr. Baeck der Erwartung Ausdruck, daß die Erneuerung des Judentums in Palästina auch eine fruchtbare Bereicherung -des religiös-liberaileit jüdischen Gedankens bringen wird. Mit größerer Berechtigung und Autorität würden von Palästina aus jüdische Gedanken der Welt verkündet werden können. Die Ausführungen des Redners fanden großen Beifall. * Eine Amerikareise Professor Einsteins. Brüssel, 24. Februar. Die „Times" melden aus Berlin, daß Professor Einstein am 8. März sich nach Amerika begibt, um dort an Beratungen zur Errichtung einer Universität in Palästina teilzunehmen. Er reist tn Gesellschaft von Dr. Weizmann, dem Chef der Zionistischen Organisation in London. Es sei aber noch ungewiß, ob Einstein die an ihn ergangene Einladung amerikanischer Universitäten zu Vorträgen annehmen wird. * Die Ostjudenfragc in Oesterreich. Aus Wien wird gemeldet: Zur Frage der Ostjuden in Oesterreich, die seitens der polnischen Regierung vor den Völkerbund gebracht wurde, legte die „Politische Korrespondenz" den Standpunkt der österreichischen Regierung, dar. Angesichts des Umstandes, daß der Staat auf die eingesührten Lebensmittel große Beträge daraufzahlen muffe, ergebe sich die Notwendigkeit, Vorkehrungen zu treffen, daß in Oesterreich nicht heimatberechtigteu Personen der weitere Aufenthalt nicht mehr gestattet werde. Ter größte Teil der polnischen Flüchtlinge, der aus Inden bestand, habe keinerlei Anstalten zum Verlassen des Staatsgebietes getroffen. Tie „Politische Korrespondenz" stellt festdaß 140 Personen von der Polizei außer Landes geschafft feien. Biele der polnischen Juden hätten sich der Preistreiberei, des Schleichhandels und Balutaschiebnugcn schuldig gemacht. Ter in der Note -der polnischen Delegation beim Völkerbund erhobene Vorwurf der Massenanstveisung sei demnach vollkommen unbegründet (?). Die Altsweisnngsaktion müsse weickrge führt werden. * Die nationalen Minoritätsrechte in Polen. Auf der letzten Reichstags sttztntg wurden die Artikel 112 bis 117 angenommen, die die Rechte der nationalen tmb religiösen Minoritäten festlegen. Artikel 112 lautet: Jeder Bürger hak das Recht, seine Naktoualikät beizubehatten undfeinte Sprachje und nationale Eigenart zupflegen. Die Polnischen. Bürger, die zu den nationalen oder sprach lichen Minoritäten gehören, haben gleich allen anderen Bürgern das Recht, auf eigene Kosten humanitäre, religiöse und soziale Institutionen zu gründen, zu beaufsichtigen und zu verwalten, ebenso Schulen und andere Erziehungscnfftalteni, und in dichen sich ihrer Sprache frei zu bedienen -und den Vorschriften ihrer Religion nachzuleben. Der Zusatzantrag der jüdischen Abgeordneten auf Zulassung der Sprache der nationalen Acinderheiten auch int öffentlichen Jnstitutivinen und Gerichten wurde verworfen. Artikel 113 lautet: Besondere Staatsgesetze sichern den Minoritäten im Polnischen Staate volle und freie Entwicklung ihrer nationalen Eigenart ztr, un-ter Beihilfe autonomer Verbände der Vrinderheiitm, die im Rahmen derallgememen cmto nomen Verbände öffentlichrechtlichen Charakter tragen. Der .Staat