Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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aus dem Lager der Unzufriedenen, das in diesen schweren Zeiten besonders groß ist, erfahrungsgemäß und erklärlicherweise vielen Zulauf erhält, so war, zumal bei der verfehlten Ententepolitik, die den Rechtsparteien eine überaus wirksame Wahlparole geliefert hat, von vornherein auf eine Vermehrung der Stimmen und der Mandate der Deutschnationalen Volkspartei zu rechnen. Dazu trat die überaus verwerfliche und gehässige, wiederum aus dem Arsenal des Antisemitismus gespeiste Agitation dieser Partei. So ist es erklärlich, daß sic in verschiedenen Großstädten, namentlich in Berlin, eine erhebliche Stimmenzunahme zu verzeichnen hatte. Leider ist auch diesmal wieder viel zu wenig geschehen, um allen den antisemitischen Verleumdungen, Verdrehungen und Fälschungen, mit denen die deutschnationälen Flugblätter, Plakate, Zeitungsartikel usw. gespickt waren, entgegenzutreten. So konnte das Gist der antisemitischen Verleumdung und Verhetzung trotz aller Aufklärungsarbeit des Zentralvereins auch bei dieser Wahl wieder auf urteilslose und fanatische Genrüter wirken. Die Deutsche demokratische Partei ist nicht gut abgeschnitten, wohl hauptsächlich deswegen, weil sie, wie die „Abwehr-Korrespondenz" richtig bemerkt, der Aufforderung ihres Führers Dr. P e t e r s e n gefolgt ist, im Interesse der Einheit und Geschlossenheit des deutschen Volkes die großen einigenden Gesichtspunkte in den Vordergrund zu stellen, und sich auf die allernotwendigste Abwehr der gegen sie gerichteten Angriffe beschränkt hat. Um so mehr wird sich diese Partei bei späteren Wahlen rühren müssen, zumal gegen sie als die angebliche Fudenpartei in allererster Reihe die antisemitische Hetzpropaganda gerichtet ist. Mich die Deutsche Volkspartei hat Einbuße an Stimmen und Mandaten erlitten. Das Bedauerliche ist hierbei, daß gewisse Elemente und Kreise dieser Partei sich auch bei dieser Wahl nicht entblödet haben, zur antisemitischen Hetzpropaganda ihre Zuflucht zu nehmen. Die Strafe ist einem solchen Verhalten auf dem Fuße gefolgt; gerade Pommern gehört zu den Bezirken, in denen die Partei gegenüber der Reichstagswahl vom vorigen Jahre die meisten Stimmen verloren hat. Nach den amtlichen Berechnungen des Landeswahlleiters wird sich der neue preußische Landtag ans 428 Abgeordneten prsammensetzen. Davon entfallen auf die Sozialdemokratische Partei Deutschlands 114 Abgeordnete, auf das Zentrum 81, auf die Deutsche demokratische Partei 26, auf die Deutschnationale Volkspartei 75, auf die Unabhängige sozialdemokratische Partei Deutschlands 29, auf die Deutsche Volkspartei 58, ans die Vereinigte kommunistische Partei Deutschlands 36, auf die Deutschharmoversche Partei 1l, auf die Wirtschaftspartei des deutschen Mittelstandes 4 (darunter ein Abgeordneter aus dem Landeswahlvorschlag), das sind also insgesamt 428 Ab- Wordnete. An der bisherigen politischen Konstellation in Preußen wird trotz dem nicht zu unterschätzenden Siege der Deutschnationalen sehr wenig oder gar nichts geändert. * Die Volksabstimmung in Oberschlesten. Dem Beschlüsse der Londoner Konferenz zufolge wird die Volksabstimmung in Oberschlesien am 26. d. M. stattsinden. lieber den Verzicht der Entente aus die getrennte Abstimmung berichtet der „Matin": Man weiß, daß die Personen, die aus Oberschlesien stammen, das Recht haben, in ihre Heiinatprovinz zu kommen, um abzustimmen. Sie sind zum größtes Teil Deutsche, und man fürchtete, daß es zu ernsten Unruhen kommen würde, wenn man ihnen gestatten würde, an demselben Tage abzustimmen wie die Einwohner. Inzwischen hat man festgestellt, daß ihre Anzahl nicht 306 060, wie man in Berlin vermutet hatte, erreicht, sondern nach den Eintragungen höchstens 120 600 bis 156 600 beträgt. Unter diesen Umstünden, meinten die alliierten Minister, könne man den Deutschen die Genugtuung geben, sie mit den anderen gleichzeitig abstimmen zu lassen. Die englische Regierung hat beschlossen, nach Oberschlesien für den 20. März vier Bataillone in Stärke von 2500 Mann zu schicken. Sie werden mit der Polizei und den zwölf französischen und einem italienischen Bataillon, die sich bereits in Oberschlesien befinden, zusammen arbeiten. Wie in Ratibor, Myslowitz und anderen Gemeinden £)£*erschlesiens wird, wie man uns mitteilt, während der Abstimmungstage auch für alle in Königshütte und Len zum Synagogenbezirk gehörigen Ortschaften zur Abstimmung Berechtigten Koschervcrpflegung eingerichtet. Rechtzeitige Anmeldung ist zu richten an Herrn Rabbiner Dr. Golds ch m i d t, Königshütte, Kaiserstraße 26. * Gegen den Antisemitismus. Antisemitische Tagessragen bildeten den Gegenstand einer Erörterung, die in der außerordentlichen Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus stattfand. Nach Begrüßung der Erschienenen gedachte der Vorsitzende, Reichsminister a. D. Dr. G o t h e in, der verstorbenen Vorstandsmitglieder, insbesondere widmete er dem stellvertretenden Vorsitzenden, Geh. Rat Wilhem Förster, einen tiefempfundenen Nachruf, in dem er den großen Menschen schilderte, dessen ganzes Lebensziel aus ethische Durchdringung des deutschen Volkes gerechtet war. Dann ergriff Abgeordneter Goch ein das Wort zu seinem Dortrag „Die Wirkung des Antisemitismus a uf das Ausland".-'Ausgehend von den furchtbaren Bedingungen, die uns der Friedensoertrag auferlegt, und der kritischen Lage, in der wir uns' setzt befinden, betonte Redner, daß Deutschland nur hochkommen könnte, wenn wieder die Grundlagen geschaffen seien, unsere Mission als Kulturvolk zu erfüllen. Gelingt uns das nicht, daun werden die Sympathien, die sich selbst bei einem Teile unserer. Gegner allmählich wieder zu regen beginnen, wieder abebben. Wenn eine, so reaktionäre Bewegung wie die antisemitsche immer größere Kreise ziehe, dann werde sich das Ausland abwenden, weil man sich, -dort sage, daß Deutschland noch immer das alte sei, das aus den bitteren Erfahrungen keine Lehre ziehe. Sollten solche Elemente zur-Macht kommen, dann können wir im Auslande keine moralischen Eroberungen mehr machen, um wieder zur Höhe auszusteigen. Das fei nur -möglich wenn das Volk sich einig zeige und sich aus seine sittlichen und kulturellen Pflichten besinne. Die antisemitische Bewegung wirke aber verhetzend und zersetzend in einer Zeit, wo-alles fast zusammen stehen sollte; ihr Ueberhandnehmen müsie den Eindruck erwecken, als wenn in Deutschland noch immer die alten Anschauungen maßgebend seien. Darum bilde der Antisemitismus eine große Gefahr für unser gesamtes deutsches Volk. Dem Auslände gegenüber müssen wir als das Kulturvolk dastelM, das im Interesse der ganzen Welt am Leben erhalten werden muß. (Lebhafter Beifall.) . Hieraus führte Pfarrer Dietrich Graue in seinem Vortrage „Antisemitismus und Religion" aus, es beständen gewiß Gegensätze zwischen der alttestamentlichen und der christlichen Religion; diese religiösen Gegensätze müßten aber jetzt gänzlich zurückgestellt werden angesichts des Auftretens des s ch i m p.s l ich e n Antisemitismus. Gerade jetzt sei es Aufgabe der christlichen Religion, sich der jüdischen Religion änzunehmen. Es sei unbegreiflich, daß Friedrich Delitzsch das Alte Testament so beschimpfen konnte, wie er es tat, er, der Sohn eines Franz Delitzsch, der außerdem jüdischer Herkunft gewesen sei. In der Geschichte der Menschheit bleibe es bas Hauptverdienst der Juden, den ethischen Monotheismus geschaffen zu haben und zu einer solchen Höhe der Gottesvorstellung gelangt zu sein, daß wir dies noch heute bewundernd anerkennen: Er selbst protestiere als Christ und Protestantischer Theologe gegen das im höchsten Maße verwerfliche Verfahren, daß man durch Rassenhaß und Verhetzung die eigene Schuld auf andere abzulenken suche. Die Reformation habe den Grundsatz aufgestellt, daß die Rechtfertigung allein durch den Glauben geschehe; darin komme die