Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 Sie Wahlen m erttev Tagung des dsyerilchrn ilrarlitilchrn Gemeindeoerbaudrs. Purim, das fröhliche Fest, ist in diesem Jahre bei uns in Bayern auf den 13. März verlegt worden. Das hat mit Haman und Mordechai nicht das geringste zu tun. Auch der närrische Perserkönig und seine schöne Gemahlin sind zu diesem Feste nicht geladen. Wohl aber ist die bayerische Iudenheit beider Geschlechter eingeladen, an diesem Tage vor einer Wahlurne zu erscheinen, aus welcher durch Stimmentscheid das Los gezogen werden soll, das die Entscheidung bringen wird über die Lebensfähigkeit des vor noch nicht vollendeter Jahresfrist ins Dasein gerufenen bayerischen Gemeindeverbandes. Am 13. März also wird in diesenr Jahre bei uns etwas verfrüht Purim gefeiert werden, das Fest der Lose, das ehemals bisweilen zu ei nein t'estum stultorum auszuarten pflegte. Man hat, um seine Bedeutung ins Licht zu stellen, den zukünftigen Verband das jüdische Parlament zu nennen beliebt. Uns will es bedenken, daß in dieser Benennung eine Unterschätzung seiner Bedeutung gegeben ist. Die Parlamente sind bekanntlich Schwatzbuden geworden, Tummelplätze politischer Leidenschaften, Kriegsschauplätze sich überschreiender Parteien. Das soll und darf der Verband nicht werden, sondern das Herz der bayerischen Iudenheit soll er werden, ein Organ, das aus der Quelle gesammelter Kraft lebenspendende Wärmestrahlen entsende in alle Gemeinden von Stadt und Land; die alle Verschiedenheit der Richtungen zusammenfassende und sie überwölbende Einheit der Gemeinde soll er darstellen, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller soll er pflegen und das Gefühl brüderlicher Gemeinschaft soll er entflammen in erkalteten Herzen. Wird er seine Ausgabe so anssassen und zu erfüllen suchen? Leider muß man vorerst diese Frage eher verneinen als bejahen. Der 21. April 1920, der Geburtstag unseres Verbandes, war ein Tag von geschichtlicher Bedeutung, weil an demselben gelegentlich einer Tagung in Nürnberg die Männer der äußersten Rechten und der äußersten Linken, die sämtlichen Rabbiner und etwa 285 Gemeinden des Landes sich mit einmütiger Kundgebung des Willens zum Judentum die Hand reichten zum Bruderbünde. Und jetzt? Jetzt blasen die Trompeten mit ganzer Lungenkraft zum Aufmarsch der Parteien am bevorstehenden Wahltage, und wenn man die Reden hört, die in München und Nürnberg in öffentlichen Wahlversammlungen gehalten werden, und die Flugblätter liest, die zum Zwecke des Stimmenfangs ins Land hinausslattern, so fühlt mau sich in die Zeit des leidenschaftlichen Wahlkampfes zur deutschen Nationalversammlung versetzt und wird an das Jeremianische Wort erinnert: „Draußen wütet das Schwert, im Hause geht es um wie der Tod!" Vor den Toren unserer Gemeinschaft lauert der Feind, im Innern haust der Unfriede! Und um was ist denn eigentlich dieser Bruderkrieg entbrannt? Wenn wir von der natürlichen Verschiedenheit religiöser Weltanschauungen und Wegerichtungcn, die weder durch Geisteskämpfe noch viel weniger durch Wahlkämpfe überwunden und ausgeglichen werden kann, absehen, so sind es hauptsächlich zwei weltbewegende Fragen, die der jüdische Wähler und die jüdische Wählerin am 13. März, dem vordatierten Purimfeste, wird zu beantworten haben: nämlich erstens die Frage des passiven Wahlrechts der Ostjuden und zweitens die Frage der jüdischen Bekenntnisschule, in welchen gegenwärtig die liberalen und orthodoxen Geister von Bayern aufeinanderplatzen. Nun kann man gewiß auch als Liberaler so frei sein zu meinen, daß das Vaterland nicht in Gefahr sein würde, wenn rn innerjüdischen Angelegenheiten jeder Glaubensgenosse gleichviel welcher Himmelsrichtung das unbeschränkt? Bürgerrecht erhielte gemäß dem Grundrecht altjüdischer Verfassung: „Der Fremde sei gleich den: Einheimischen des 'Landes"; und man kann ferner auch als Liberaler so frei sein zu meinen, daß in einem Freistaate, in welchem kein jüdischer Lehrer auch nur als „Behelser" eine Anstellung an öffentlichen Volksschulen finden kann, die Begründung von jüdischen Bekenntnisschulen von deir Großgemeinden als eine Pflicht der Selbstachtung angesehen werden müßte; aber ist es nicht andererseits eine schwere Versündigung gegen die Wahrheit und den Frieden, wenn die Frommen in München, wo Eoßmänn Werner jahrzehntelang als Geist der Vermittelung zwischen den Parteien für die Einheit der Gemeinden gewirkt hat, ihre andersgesinnten Glaubensgenossen als bewußte „Liquidatoren des Judentums" beschimpfen, die an dem „Verfall des religiösen Lebens und an der Entjudung der Jugend" schuldig sein sollen, und überhaupt durch gehässige Reden und Artikel einen Sprengstoff in die Massen werfen, der für die Zukunft des Verbandes und der Gemeinden die schlimmsten Folgen oefürchten läßt? Von größtem Interesse aber für die Allgemeinheit der deutschen Glaubensgenossen, auch jenseits der blauweißen Grenzpfähle, wird die Tatsache feig, daß die bayerische Orthodoxie sich mit den Zionisten (und Ostjuden) aus gemeinsamer Plattform organisiert hat und diese Vereinigung als „Jüdische Volkspartci" firmiert. Wir sind bisher der Ansicht gewesen, daß der Begriff eines jüdischen Volkes in zionistischer Auffassung sich nicht vereinbaren laste mit dem nurreligiösen Standpunkte der deutschen Orthodoxie, welche darum den völkischen Zionismus, dein die Religion Privatsache ist, abgelehnt und bekämpft hatte. Nun heißt es aber in einer parteipolitischen Kundgebung: „Die Kehillah ist das jüdische Volk im Gemeindebereich, die Gesamtheit aller im Orte wohnenden Juden". Das ist mindestens zweideutig und Wasser aus die Mühle unserer Antis. Sollte man aber zwischen Gemeindevolk und Volksgemeinde unterscheiden wollen, so wäre das eine Deutung und ein Sophisma. Es ist nun keineswegs anzunehmen, daß unsere gutdeutschen Orthodoxen in dieser Beziehung eine grundsätzliche Schwenkung vorgenommen haben sollten, aber aus wahltaktischen Gründen haben sie, ähnlich wie einst das Zentrum im Verhältnis zur Sozialdemokratie, ihren zionistischen Bundesbrüdern einen H e ch - scher ausgestellt, während die Erklärung der Liberalen unmißverständlich lautet: „Wir lehnen jeden Versuch, in die jüdische Gemeindepolitik nationaljüdische Bestrebungen hineinzutragen oder gar eine jüdische Volksgemeinde zu schaffen, auf das entschiedenste ab." Hoffentlich wkrden bald nach Purim die jetzt hochgehenden Wogen der jüdischen Parteibewegung an der Isar und an der Pegnitz sich beruhigen. Sonst ist die Zukunft des Verbandes der bayerischen Gemeinden und, damit zusammenhängend, die der Gesamtorganisation gefährdet. Darum muß bei seiner ersten Tagung die Parteisahne eingezogen und die Fahne gehißt werden, deren Losung lautet: in neoegsarüs unitas! Auch Einer. Mochrnlchsu. Berlin, 28. Februar. er Ausgang der Wahlen für den preußischen Landtag hat niemand überrascht noch enttäuscht, es sei denn die Deutschnationale Volkspartei, daß sie trotz ihrem Aufwande an Kräften und Geldmitteln einen verhältnismäßig nur minimalen „Sieg" errungen hat. Da die Deutschnationalen unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Preußen-Deutschland die eigentliche Opposition darstellen, und die Opposition