Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229486--76144-3288709- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 bandsvorstand und mit den übrigen jüdischen Gruppen abzuwarten, die wir zwecks Herbeiführung einer möglichst einheitlichen Stellungnahme unverzüglich aufnehmen, ehe der einzelne zu den zionistischen Sammlungen Stellung nimmt. Ich glaube, daß es auch der zionistischen Sache sachdienlicher erscheint, statt einzelner zersplitterter Sympathiezahlungen für den Keren-hajessod mit einer möglichst geschlossenen Phalanx der übrigen deutschen Juden gemeinsame praktische Arbeit zu leisten. Wenn wir dafür eintreten, den alten Hader zu vergessen, so gehen wir hierbei von der zwar selbstverständlichen, aber nachdrücklich unterstrichenen Voraussetzung aus, daß auch von zionistischer Seite von jetzt ab eine äußere, möglichst auch eine innere Respektierung unserer deutschpatriotischen Gefühle erfolgt. Dann, aber nur dann, wird es möglich sein, fortan den Kampf um den Antisemitismus der Verquickung mit innerjüdischen Gegensätzen zu -entziehen und >es somit auch dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu ermöglichen, einen Strich unter die vergangenen heftigen Kämpfe mit den Zionisten zu machen. (Lebhafte Bewegung.) Der Zentralverein wird dann, unbeschwert von innerjüdischem Ballast, von allen Seiten als Vorkämpfer anerkannt, die unbestrittene Führung im Kampf gegen den Antisemitismus haben können. Daß wir in unserer Bewegung im Einklang mit vielen christlichen Freunden der Meinung sind, daß wir in diesem Abwehrkampf einmal überlegen sollten, ob wir nicht allzuviel Geld, Arbeit und Geist auf die formale Bekämpfung antisemitischer Pöbeleien verwenden, ob wir nicht lieber einen erheblichen Teil des diesbezüglichen Aufwandes auf innerjüdischen Aufbau verwenden sollen, insbesondere auf, die Erziehung unserer Jugend zu sittlichen, innerlichi-freien, durch die Art ihrer Lebensführung der Außenwelt Achtung abnötigenden Menschen — diese Erwägungen hindern uns nicht, mit rückhaltloser Dankbarkeit anzuerkennen, daß der Zentralverein mit hingebender Arbeit die bisher angewandten Methoden der antisemitischen Bewegung durchprobieren mußte. Mit Ausblicken auf die vielleicht zu erwartenden Umgruppierungen im deutschen Judentum aus Anlaß der Errichtung der Gesamtorgnnisation und mit einer ernsten Mahnung an die jüdische Jugend, die diesmal durch das Beispiel der Alten beschämt worden sei, doch endlich manche künstlich konstruierten Gegensätze zu überbrücken, schloß der Redner unter stürmischem, anhaltendem Beifall. — In der nachfolgenden Erörterung sprach von zionistischer Seite Kurt Blumenfeld, der die Rede Dr. Apfels als eine Tat bezeichnete. Zum ersten Male hat der Führer einer der großen jüdischen Organisationen Deutschlands, anstatt theoretische Shmpathieerklärungen abzugeben, aus die Verpflichtung aller Juden hingewiesen. Wir Zionisten sind in die merkwürdige Situation gebracht worden, uns rechtfertigen zu müssen, warum wir noch nicht an alle jüdische Kreise mit der Aufforderung zur Mitarbeit herangetreten sind. Als im Juli 1920 die Errichtung des Keren-Hajessod beschlossen wurde, hielten wir es für unsere Pflicht, zunächst den Beweis zu liefern, daß die Zionisten selbst einen namhaften Bruchteil dieser Summe aufzubringen gewillt sind. Der bisherige Verlauf der Sammlung unter den deutschen Zionisten übertrisft die kühnsten Erwartungen und alle bisherigen jüdischen Sammlungsaktionen um ein Vielfaches. Die überwältigende Mehrheit der Juden anderer Länder hat sich entschlossen, beim Aufbau Palästinas mitzuarbeiten, nicht etwa aus ententepolitischen Gründen, was vielfach irrtümlich angenommen wird, sondern aus einer allgemeinjüdischen Einstellung heraus. Wenn Palästina ein Mißerfolg ‘ wird, wird dem Antisemitismus eine ungeheuere Agitationswaffe in die Hand gedrückt, indem er dann vielleicht mit Recht daraus Hinweisen kann, daß die Juden zu praktischer Aufbauarbeit unfähig sind und zu ihren Leistungen immer eine fremde Umwelt nötig haben. Redner will bei der gemeinsamen Arbeit in Deutschland von nieinand Gesinnnngskompromisse verlangen, sondern befürwortet eine Politik der Bündnisse, die jedem Freiheit im Denken lassen, aber Einheit im Handeln schassen sollen. Redner schließt sich natürlich der vorher von Dr. Apfel geäußerten Ansicht an, daß die Gesamtorganisation der deutschen Juden vorbildlich auf die übrigen Judenheiten wirken werde. — In der weiteren Erörterung sprachen verschiedene jüngere Führer der Jugendbewegung über die vom Referenten behandelten Probleme der Jugendbewgung. An der Debatte beteiligte sich u. a. auch Dr. Jsmar Freund, dem für seine Verdienste um die Errichtring der Gesamtorganisation eine warme Huldigung dargebracht wurde. 22 Berlin, 15. Februar. Innerhalb des jüdischen Gemeinde- und Vereinslebens hat die Chewra Kadischa (Heilige Brüderschaft) zu allen Zeitendie wichtigste und vornehmste Stellung eingenommen. Die Chewra Kadischa, in ihren Uranfängen zunächst ein Bedürfnis, die Toten nach altem religiösen Brauch zu bestatten, entwickelte sich mit der Zeit zum lebensfähigsten..Organismus für Kranken- und Armenpflege und wird darum mit vollem Rechte als Mutter aller Wohltätigkeitsanstalten der Gemeinde gewertet und anerkannt. In allen alten Gemeinden hat die Chewra Kadischa eine große, stolze Vergangenheit; sie darf und wird sich nie und nimmer der ihr ausgeprägten Eigenart entkleiden, denn sie bildet in ihren Zielen und Leistungen die große Gedankenwelt des Judentums, das wir mit der ganzen Glut unseres Herzens lieben und das wir als heiligstes Vermächtnis unseren Kindern vererben wollen. So viel Namen die jüdische Not annahm, so viel Namen führten die jüdischen Wohlfahrtsanstalten, doch das Epitheton ornans „Kadischa" wurde nur dem Verein beigelegt, der btt! NON auf seine Fahne schrieb und in diesem arbeitete und wirkte. Auch die Chewra Kadischa Groß-Berlin hat rm letzten Jahre nicht allein durch die stets wachsende Zahl ihrer Mitglieder, sondern vielmehr durch die überragend verdienstvollen Leistungen, deren sie sich rühmen darf — unvergeßlich, bleibt ihre Tätigkeit während des Kapp-Putsches in den Märztagen 1920, da die Leichen infolge des allgemeinen Streiks vielfach zehn bis Zwölf Tage unbeerdigt blieben, die Chewra Kadischa aber in angestrengtester Tätigkeit sich das zur Tahara nötige Wasser aus dem fast A> ©turt-be entfernten Teich bei Weißensee holen mußte und die Taharoth vollzog — einen bedeutenden Aufschwung genommen. Die edle Art sowie das vornehme Taktgefühl, wie sie bei allen Funktionen der Chewra Kadischa in die Erscheinung tritt, haben ihr in allen Schichten der Berliner jüdischen Bevölkerung viele Freunde und Verehrer erworben. Insbesondere der Tätigkeit der frommen und edlen Frauen wird wohl jedermann rückhaltlos die wohlverdiente Anerkennung zollen müssen. Sie leisten oft geradezu Uebermenschliches, bei jedem Wetter tagsüber, oft aber in den spätesten Nachtstunden. Es war daher ein glücklichen Gedanke, daß — einem Beispiel des Herrn E. L e w -i n s k i, Oranienburger Straße 16, folgend — Herr Walther Silberstein zu Ehren der die Tahara ehrenamtlich vollführenden Damen und Herren eine Teegesellschast gab, an der etwa 120 Personen- — darunter 24 Rabbiner und mehrere Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde — teilnahmen. Schon der Anblick dieser illustren Gesellschaft in den festlich geschmückten Räumen des Ehepaares Silberstein sprach deutlich und beredt, welch' warmer Sympathie sich die Chewra Kadischa in den weitesten Kreisen der Jüdischen Gemeinde erfreut. Nachdem Herr Silberstein seine Gäste, insbesondere die Herren Rabbiner als Führer und Leiter der Gemeinde, begrüßt hatte, gedachte er des verstorbenen Herrn Rabbiner Dr. Eschelba-cher sowie anderer Mitarbeiter der Chewra Kadischa und wandte sich dann mit besonders herzlichen Worten an den anwesenden Schöpfer der Chewra, Dr. Arthur Kahn. Auf die segensreiche Tätigkeit in der Chewra Kadischa durch Frau Rabbiner Dr. Eschelbacher und Herrn Rabbiner Dr. Link, den gegenwärtigen Leiter der Chewra Kadischa, hinweisend, entwarf er -ein anschauliches Bild von den großen Schwierigkeiten und Kämpfen, die sich dem idealen Werke entgegenstellt-en, die der Gründer aber durch seine mannhafte und aufrechte Haltung schließlich überwand. In eindringlichen, zu Herzen gehenden Worten referierte dann Dr. Kahn über die Tätigkeit der Chewra, die nicht bloß Totenkränze, sondern Blüten der Liebe für die Lebenden windet, indem sie ernstlich darangeht, ein großes Werk — Kranken- oder Altersheim — zu schaffen. Je länger Dr. Kahn sprach, um so mehr begeisterte er die Zuhörer für seine Ideen, und einmütig wurde der Wunsch geäußert, daß die Gemeinderabbiner mit einer großen Schar Männer und Frauen von Namen, Ansehen und Arbeitsfreudigkeit sich zu -einem Ehrenausschuß zusammentun mögen, um an dem Ausbau der Chewra Kadischa mitzuarbeiten. Hierauf nahm Herr Rabbiner Dr. B a e ck das Wort und sprach in einer gedankentiefen, mächtig an die Herzen greifenden Rede über das Wesen der Chewra Kadischa. Tann sprach Herr Rabbiner, Dr. Löwenthal, der Zugleich im Namen eines Herrn, der nicht genannt sein will, die ersten 1000 Mark zur Gründung eines Kranken- oder Altersheims überreichte. In später Nachtstunde traf aus den: Urbankrankenhaus die Nachricht ein, daß zwei an einer Gas-