Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229486--76136-3288701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
42 Leon; „Tho ma s von Aquino in der jüdischen Literatur"; „Ethnographische Studien"; der „Jüdische Stamm im nichtjüdischen Sprichwort" und anderes. Eine ausführliche Zusammenstellung seiner Publikationen gab Eh. D. Lippe in Wien 1882 und eine Würdigung derselben Joel Müller zu Jellineks Wiener fünsundzwanzigjährigem Amtsjubiläum. Seine Predigtsamml u n g e n, eine Fundgrube rhetorischer und apologetischer Belehrung für alle Geistlichen aller Richtungen, sind außer Fe st¬ und Gelegenheitsreden die Werke über unser „Schemen, G o t t e s b e k e n n t n i s", „Gott, Welt und Mensch", „Bz e l e m El o h i m", „D as Gesetz Gottes au.ßer der Thora", „Der Talm udjud e". Dann Band i, 2 und 3 (Sammelbände): „Einleitung in die Thora"; „Z e i t st i m m e n". 2 Teile, 18 Reden. Kohelet und Schir ha s ch i ri m. Der fruchtbare Schriftsteller publizierte mit Dr. L. Philippsohn, A. Geiger, L. Fürst und seinem Leipziger Nachfolger A. Goldschmidt mehrere Werke des „Instituts zur Förderung der jüdischen Wissenschaft", schrieb glänzende Essays in seinem „Sabbatb l a t t im Orient", in „Neuzeit" (Monatsschrift in Breslau), in fast allen in- und ausländischen jüdischen Literaturblüttern und Zeitschriften, ohne die Hauptsorgfalt auf die Predigt aus dem Auge zu verlieren. Selbst die grimmigsten Gegner aller freiheitlichen Bestrebungen anerkannten seine Gelehrsamkeit. Ich möchte hier einige Reminiszenzen aus meiner Studien- und früheren Amtszeit einslechten. Einer meiner hyperfrommen Lehrer (Rabbiner Josef Grünbaum aus Sillein) hörte Jellinek und äußerte vor mir: „Jellinek ist ein Lamdan (Gelehrter) und darschant (predigt) wie Mosche Rabenu (Moses), aber — da stellt sich ein Rav auf die Kanzel, abrasiert wie ein Gallach (katholischer Priester)." Ter Rabbiner meiner Heimatsgemeinde R. Moses Neubauer, Vetter des Verwandten meiner Gattin, des Professors Adolf Neubauer in Oxford, lernte Stellen aus Jellineks Predigten auswendig. Dasselbe hörte ich aus dem Munde meines früheren Kollegen in Hamburg, des Oberrabbiners von Alt-Ofen, Prag und Hamburg R. Mordechai Hirsch s. A. Als ich von meinen Probepredigten in meiner vorigen Gemeinde Nordhausen in Preußen nach Wien zurückkam und Jellinek seine Amtskleider, die er mir geliehen hatte, zurückgab, wobei er in seinem unverwüstlichen frischen Humor fragte, ob sein „Eliasmantel" mir von Nutzen war — ich antwortete mit Jes. 61 (hilbischani bigde jescha): Er bekleid e t e mich m i t G e w ä n d e r n des Heils —, ging er mit mir zu dem Buchhändler Josef Schlesinger, schrieb alle dem Geistlichen nötigen Bücher auf ein Blatt und meinte, für den Fall meiner Erzählung sollte Schl, mir auf Jellineks Bürgschaft hin alles geben, ich würde schon alles bezahlen. Im Nebenzimmer disputierten laut, überlaut einige Rabbiner aus Ungarn und Polen, darunter mein Lehrer Kesaw Sofer aus Preßburg s. A„ so daß der gutbeschlagene Buchhändler sich hineinbegab, um zu hören. Die lauten Disputatoren forschten. nach einer ihnen entfallenen Stelle in der talmudisch-rabbinischen Literatur. Schlesinger meldete dies Jellinek und dieser beschied: „Das, wonach jene suchen, steht im „Taschbaz", schlug es auf und schickte es den Disputierenden durch Schlesinger. Einer von ihnen schüttelte das Haupt und rief mit Stentorstimme: „Nu, sollman sich ni ch t korea sein?" Das heißt, soll man sich nicht den Trauerriß ins Kleid machen darob, daß Jellinek sich in bezug auf die religiöse Richtung nicht zu den Ihren zählte? — Die einen kritisierten seine Haar- und Barttracht, die anderen seine Kutte, den Obermantel und die Bäffchen, die er trug, aber alle konnten nicht umhin, ihn um sein Wissen und Können zu beneiden. In beiden Hemisphären feierte man den Gelehrten und besonders den Prediger Jellinek. Der Großrabbiner Frankreichs, Zadoc Kahn, mit dem ich in Ems und Paris zufammentraf, widmete mir vier Bände seiner „Sermon s", nachdem er bei Frau Cäcilie Heine- Furtado in Paris meine „Psalterklänge" und meinen „Kohelet" gelesen hatte, und begleitete die Sendung mit einem Brief, in dem er sagte: „In diesen,Sermons' finden Sie etwas wie Abglanz von Jellineks Muse." Wie nichts auf Erden vollkommen ist, hatte auch unser Meister viel zu leiden und zu ertragen, nicht nur die Scheelsucht und den Neid der Nächsten und Fernsten, auch durch feine Schwerhörigkeit. Sprach man leise oder auch zu laut, er war verdrossen, und obgleich seine Klugheit bald von den Lippen ablas, was man sagen wollte, eine gewisse Verstimmung war zu merken. Ich gedenke der Zwiesprache zwischen ihm und meiner Gattin anläßlich eines Besuches in seinem Hause. Nach langen Jahren meiner Amtstätigkeit war es, viel, viel besprachen wir, da nahm meine Frau das Wort und mahnte zum Aufbruch, sprach aber etwas zu laut. Jellineks Auge leuchtete auf, und er sprach: „Die meisten sagen: ,Dr. Jellinek hört schwer', Dr. Jellinek aber sagt: ,Schwer hören meine Hörer'." Viele ähnliche Episoden wüßte ich zu erzählen. Doch genug zur Charakteristik dieser eigenartigen Persönlichkeit, die bei allem Gelehrtenernst den feinen schlagfertigen Witz und den gesunden Humor Gelehrten und Laien gegenüber stets in Bereitschaft hatte, sie aber immer nur in der schonendsten Weise anbrachte. Jungen aufstrebenden Talenten wandte er besondere Beachtung und Förderung, geistig wie materiell, zu, und selbst nachdem sie erfolgreich zu ihrem Ziele gelangten, mahnte er in nie verletzender Kritik ihrer Arbeiten zu rastloser Fortentfaltung und strengster Selbstvervollkommnung. Adolf Jellinek.