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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-02-18 · Heft 4 (18.2.1921) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 4 (18.2.1921)
Date
1921-02-18
Page
Seite 43 (sequence 7)
Language
German
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43 So war es, als ich in Preußen die Synagoge zu Bleicherode mit dem Mathematiker Professor Heidenheim, Rabbiner in Sondershausen, dessen Pensionat Jellinek einige seiner Kinder zugeführt hatte, eingeweiht. Die gedruckte Weiherede „Hochziele des Gotteshauses" widmete ich Jellinek. Dieser nahm sie beifällig auf, bemerkte jedoch zu. dem Datum der Gründung nach bürgerlicher Aera, daß es nicht statthast sei, aus einer jüdischen Kanzel ein ch r i st l i ch e s Datum anzugeben. Er, der liberaldenkende Prediger, wandte sich einst gegen Oberrabbiner Fasse! in Kanizsa, der eine Trauung am Fasttag 10. Lebet vollzog, mit dem Hinweis, daß es auch einen Schulchan Avuch der jüdischen Pietät gäbe, der ihm verbiete, an diesem Tage, an dem Selichot (Sühnegebete) verrichtet werden, die Stimmung der Freude zum Ausdruck zu bringen. Jellinek stellte das Universelle über das Partikulare und was die Gesamtheit bewegte oder betrübte, wie die Klage über die historische Tragödie Israels, höher als himmelhohes Jauchzen der einzelnen — daher die Polemik gegen Fasset anläßlich eines Bet- und Bußtages. Unvergeßlich ist Jellineks Erklärung des B u ß - g e b e t s: „Wißt ihr, was eine jüdische S e l i ch a (ein jüdisches Bußgebet) ist? Das ist der Jammerruf eines Menschen, der außer reuigen Stammesgenossen keinen Freund, keinen Fürsprecher, keinen Hort auf der ganzen großen weiten Erde hat, der gehest wird wie ein wildes Tier von Land zu Land, von Dorf zu Dorf, dem die Jugend höhnend und fingerzeigend nachrennt und nachruft, den das Alter kalt und herzlos von sich stößt, den man beschuldigt, daß er Kinder tötet, Brunnen vergiftet, um seines Nächsten Leben zu nehmen, dem man den Vater erschlagen, die Schwester geschändet, den Bruder lebendig begraben hat. Dieser Mensch, dieser Jude hat nur einen Freund noch: Gott im Himmel; ihm klagt er sein tiefes Weh, ihm öffnet er sein wundes Herz, zu ihm schreit er, auch um Schutz für seine nackten Kinder, ihm beschwört er bei dem Bunde Abrahams, bei dem Opfer Isaaks, bei dem Verdienste Jakobs, beim Verdienst aller Frommen, beim Märtyrertod aller Heiligen, zu retten, zu helfen, die Oualen zu schließen, den Martern Halt zu gebieten, die göttliche Gerechtigkeit gegen Dränger und Peiniger walten zu lassen. Das ist eine Selicha, das der Racheschwur, den die hassende Liebe den Juden vorwarf, das die Gebete, von denen die Mauern ihrer Gotteshäuser im Mittelalter widerhallten." Wie oft ist dies leider Gottes auch in unseren Tagen anzuwenden in der Trauerperiode der Pogrome! Oft rügte man Jellineks Neigung zur Eitelkeit. Welchem großen Manne, gefeiert und gehuldigt von Hohen und Höchsten, kann ein Schein ähnlicher Anwandlung verübelt werden? Bei Jellinek, der wie alle Sterblichen Fehler hatte, war es im Sinne des Talmud „Melech schemachal al Kebodo" — das ist kein Verzicht auf Ehre der Hohen — keine Eitelkeit, wenn er auf seine Ehre hielt und Verletzungen derselben mannhaft entgegentrat. Wie wenig eitel Jellinek wirklich war, geht aus folgender Tatsache hervor: Bis auf Jellinek und Güdemann existierte der Ti tel O b er r a bb i - ner in Wien nicht. Dieser ist von der Gemeinde erst vielspäter den beiden Hauptrabbinern als Epitheton ornans honoris causa auf Anregung des Reichsratsabgeordneten und verdienstvollen Redakteurs der „Oesterreichischen Wochenschrift" Dr. Bloch, erteilt. worden. Jellinek hat von diesem Titel niemals Gebrauch gemacht und Güdemann hat in seiner Gedenkrede aus Jellinek hervorgehoben, Jellinek habe ihn nie fühlen lasten, daß er, Jellinek, der Bedeutendere, Größere sei! Damit ist das Vorurteil zur Genüge entkräftet. Alles Aeußerliche stand bei ihm im Dienste des seelischen Hohen. Der höchste Grad von Verstimmung und Verbitterung konnte seines Antlitzes Zügen abgelesen werden, wenn sich irgendein Jude rechtlich und ethisch vergangen dermaßen, daß er zu einer „Entweihung des göttlichen Namens" kommen konnte. Ebenso wenn er ungerechte Verdammung und Verlästerung seines Glaubens und seiner Glaubensgenossen gewahrte. Da lernte man seinen heiligen Zorn kennen, da flammte sein Auge in Entrüstung, da war er, der Lehrer des Friedens „A h r o n", ein unerschrockener Kämpe für des Judentums reinen Ehrenschild, der seine Waffen aus der Rüstkammer der Wissenschaft hervorholte, sie kühn und mutig schwang. (Schluß folgt.) Die Milche Sühne. Eine theatergeschichtliche Studie. (i. Forts.) Von Samuel Weisels (Wien). lle diese Stücke, die teils in belustigender, teils in belehrender Form Begebenheiten aus der biblischen und jüdischen Geschichte behandelten, haben im Getto des Ostens wenig Anklang gesunden. Sie wurden dort wenig gelesen, selten oder säst gar nicht aufgeführt. Volkstümlich im eigentlichen Sinne wurden nur zwei Spiele, die für gewöhnlich auf fliegenden Bühnen in den Häusern der Reichen am Purimabend zur Aufführung gelangten, nämlich: das „Achaschwerosch- Spiel" und das „Joses-Spiel". Eines dieser in jiddischer Sprache abgefaßten Spiele, das Achaschwerosch-Spiel, ist in mehreren Bearbeitungen vorhanden und wurde auch mehrfach als Beitrag zur jüdischen Volkskunde oder als literarische Seltenheit in deutscher Schrift gedruckt und unter dem Titel „Purimspiel" herausgegeben. Auch sonst wird bei den Juden des Westens und in den Geschichtsbüchern der jüdischen Literatur das Achaschwerosch-Spiel schlechtweg Purimspiel genannt. Demgegenüber sei festgestellt, daß im Getto diese Bezeichnung' nur als Sammelname für eine bestimmte Literaturgattung gebräuchlich ist. Das Getto kannte nur das Achaschwerosch- Spiel und das Josef-Spiel und nannte auch die Darsteller demgemäß Achaschwerosch-Spieler und Josef-Spieler. Vom „Purimspiel" im westlichen Sinne war im Getto nie die Rede, obgleich beide Stücke am Purimfest von Behelfern (Supplenten in den Chedarim) ausgeführt zu werden pflegten. Erwähnenswert ist, daß das Josef-Spiel bei den Gettojuden viel beliebter und volkstümlicher war als das Achaschwerosch- Spiel, ungeachtet dessen Aktualität am Purimfeste. Das Josef- Spiel war sozusagen das Kassenstück: das sahen und hörten sie gerne. Der alte Vater Jakob und der keusche Josef, die waffengewaltigen Brüder Simon und Levi und der kleine Benjamin standen offenbar ihrem Herzen näher als der Tölpel aus dem Throne, Achaschwerosch, und der am Galgen baumelnde Haman, ja selbst als Mardochai, der Sohn Jairs, und die „grünlich" anmutige Esther. Das Josef-Spiel sagte ihnen vielleicht deshalb mehr zu, weil es im Grunde einstehr ernstes,, beinahe schon rührseliges und vor allem ein belehrendes Stück war, während das Achaschwerosch-Spiel mit seinen faden Witzen doch eigentlich nichts bot, was aufheiternd und belehrend zugleich hätte wirken können. Das Josef-Spiel enthält in der Tat einige Szenen und Bilder, die recht eindrucksvoll und zum Teil sogar dramatisch wirksam sind. Der unbekannte Verfasser dieses Spiels verrät in mancher Beziehung ein gewisses dramatisches Talent, nur wird er mit Aristoteles' Poetik nicht sonderlich vertraut gewesen sein. Er dichtete darauf los, ohne sich den Teufel um Regeln und einen geordneten Szenenbau zu kümmern. In einem Punkte zeigte er sich kühner als Goethe. Der deutsche Dichterfürst, der in Weimar auch Theaterdirektor war, hat bekanntlich gegen das Auftreten eines Hundes auf.

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