Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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38 orthodoxer gelehrter Rabbiner aus talmudischen und rabbinischen Quellen streng wissenschaftlich nachgewiesen, daß man der Frau nach jüdischem Religionsgesetz das Wahlrecht einräumen darf. Es liegt also kein Grund vor, die Weiterentwickelung der Gemeinde nach dieser Richtung hin nicht vorzunehmen. Auch andere Bedenken prinzipieller Natur wird man wohl kaum geltend machen wollen. Daß den Frauen leider häufig eine tiefere Kenntnis des Judentums fehlt, ist ein Uebel, das sie mit den meisten Männern von heute teilen. Auch die Oberflächlichkeit der Frau sollte man nicht als Argument ins Feld führen in einer Zeit, wo das Schlagwort auch in der männlichen Welt viel mehr als die wahre Bildung gilt. Die Frauen bringen oft warme Begeisterung und praktischen Sinn mit, und das sind Tugenden, die für die Entfaltung des Gemeindelebens von Segen sein können. Den Anfang müssen die großen Gemeinden mit ihrer Fülle von weiblicher Intelligenz machen, die mittleren und kleinen würden dann von selber folgen. Die Regierung wird sicherlich dieser Reform keine Schwierigkeiten entgegensetzen. Das Wahlrecht der Frau soll kein Schlagwort der Parteien bei Repräsentantenwahlen sein, sondern eine Neuerung, die die Notwendigkeit erzeugt, eine Reform a u s d e m i n n e r e n L e b e n s g e b o t e h e ra u s. Schwere Kämpfe dürfte diese Reform kaum Hervorrufen. Es ist eine reife Frucht, die leicht zu Pflücken ist, und nur die hartgesottenen Philister, die aus Eedankenträgheit sich jeder Neuerung entgegensetzen, werden auch hier ihre alten weisen Sprüchlein aufsagen. Darauf zu achten aber hieße, jeden Fortschritt verneinen. Die Frau war häufig im Laufe der jüdischen Geschichte nicht nur die Stütze des Hauses, sondern auch die Trägerin des Idealen, die Priesterin des Schönen. Wo das Leben zu verkümmern und zu verdorren drohte, trug sie Poesie und Wärme hinein, und mit zarter Hand nahm sie dem Leben alle Bitterkeit und alle Schärfe und weihte es dem Höchsten, dem Dienste der jüdischen Zukunft. Auch heute sind die Frauen dazu berufen, dem jüdischen Leben eine neue Wendung zu geben, es ausder EngedesParteigeistes und der leeren S ch a b l v n e. z u r H ö h e e t h i s ch e r u n d künstlerischer Auffassung u n d zur großen Einheit des jüdischen Ideals zu führen. Wochenschau. Berlin, 14. F'bruar. n einem Augenblick, in dem die wahnwitzige Gewalt- \ Politik übermütiger Sieger den Bestand Deutschlands zu vernichten droht, müssen in Preußen Landtagswahlen vorgenommen werden. Die gemeinsame Not sollte nun nach menschlichem Ermessen alle Parteien, deren Weltanschauungskampf gewiß natürlich und notwendig ist, zur Vermeidung alles dessen bewegen, was den gemeinsamen Staatswillen aller Deutschen irgendwie gefährden könnte. In diesem Sinne ist ja auch bereits die D. D. P. mit einem Aufruf ihres Vorsitzenden Dr. Petersen an die Oeffentlichkeit getreten. „Wir fordern deshalb (im Interesse der Einheit und Geschlossenheit des deutschen Volkes. R. d. M.) alle unsere Parteigenossen aus, bei der ganzen Wahlbewegung diese Notwendigkeit der vaterländischen Einheit voranzustellen." So mahnt der als „Judstize" verschriene Führer der „gänzlich verjudeten" Demokratischen Partei. In ähnlicher Richtung bewegen sich die Versuche des „Juden" Rießer, der als Führer der Deutschen Volkspartei in diesem Schicksalsmoment Deutschlands die Deutschnationalen zur Aufgabe ihrer Opposition und zum Eintritt in ein großes Einheitskabinett des deutschen Volkes zu bewegen versuchte. Der Führer der Partei aber, die sich stets als die „nationale" im höchsten Sinns des Wortes brüstet, vergaß die Parole, die man in diesen Kreisen sonst mit besonderer Vorliebe im Munde führt: „Das Vaterland über die Partei." Herr HerKt erklärte kalt, die D. N. V. könne nicht in ein solches Kabinett eintrete'n, sonst würden ihr bei den Wahlen 4 000 000 Wähler weglaufen, weil sie einen solchen Schritt nicht verstehen würden. Ein vernichtenderes Urteil über die Wirkung der bekanntlich größtenteils mit antisemitischen Argumenten arbeitenden politischen Erziehung unserer Nationalisten ist wohl kaum je von anderer Seite gefällt worden. Welch ein Geschrei würden die antisemitischen Kreise erheben, wenn irgendein Jude unter einer ähnlichen egoistischen Begründung sich in der Stunde der Not dem Vaterlande entziehen wollte. Herr Hergt weiß allerdings natürlich, was er tut, denn Verzicht auf die „antisemitische Welle" würde alle Hoffnungen der Partei auf den Ausgang des Wahlkampfes zunichte machen. Finden wir doch auch diesmal wieder auf den deutschnationalen Kandidatenlisten die Namen der bekannten Antisemitenführer Werner (Hersfeld), Nippel (Hagen), L o g e m a n n (Rathlosen), Dr. Kauf m a n n (Berlin), Hürtgen (Berlin), und manches anderen, dazu die Christlichsozialen Stuhrmann (Godesberg), Rüffer (Hagen) und Pfarrer Voß (Büttel). Nicht wieder aufgestellt scheint dagegen der bisherige Abgeordnete Fr ahm zu sein. Auch der Knüppel-Kunze, der gedroht hatte, falls er auch diesmal kein Mandat erhalte, selbständig vorzugehe'n, scheint sein Ziel nicht erreicht zu haben. Der 20. Februar wird ein Schicksalstag für Preußen und darüber hinaus für ganz Deutschland werden. Hoffen wir, daß gesunder Menschenverstand und politisches Derantwortlichkeitsgefühl den Sieg über Rassenverhetzung und völkische Verfolgungssucht davontragen mögen. (Aus den „Mitt. z. Abw. d. Antis.".) # Minister Koch über ostjttbische Arbeiter. Kürzlich hat sich-, wie wir stinerzeit berichteten!, der Hauptausschnß des Reichstages mit dem Erlaß 'des preußischen Ministers des Innern über oft jüdische Einwanderungen beschäftigt. Reichs - minister Koch verteidigte dabei seine ostjudenfeiudliche Stellung vor allein damit, daß «die Auswanderung deutscher Aobei-ter erschreckende Formen angenommen habe. Er hat, w schreibt dazu die „Freiheit", die knriote An"cha'u-ung, idiaß jeder Etnwaaiderer vom Osten einen nnswandernden giutguM-fizilerten!bc 114^10111 Arbeiter im Westen verdränge. Stabt in dein furchtbaren Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft den Grund der deutschen Auswanderung zu suchen., erblickt ihn dev Minister in der zahlennmßig unbedeutenden ostjüdischen Einwanderung. Tie Einwlanid-erungiszitfern der Ostjnden sind so gering, daß die „Verdrängung" deutscher Arbeiter durch ostjüdische Arbeiter gar nicht in Betracht kommt; sie machen nur einen mini malen Prozentsatz dev deutschen Arbeitslosen und nnr einen kleinen Bruchteil eines einzigen Prozents gegenüber den beschäftigten de u-t schien Arbeitern aus. Aber 'die zweifellos vorhandenen Schwierigkeiten, die mit der Einwanderung verbunden sind, „löst" Herr Koch ganz einfach .durch ein allgemeines Verbot der Beschäftigung ostjudischer Arbeiter. Dadurch .gibt er mir Herrn M u m m und seinesgleichen Gelegenheit — wenn sich die jüdischen Arbeiter notgedrungen unwsrtfchastlichen Geschäften zuwenden, weil eine weise Negierung ihnen die normale Arbeit verbietet —, ein lautes Geschrei über „jüdisches Schiebertum" anzustiimmen. * Entschließung des Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens. Das mustergültig friedliche Einvernehmen der Glaubensgemeinschaften unserer Provinz wird in einer gegen die Juden gerichteten Hetze aufs stärkste bedroht. Der Verband der Synagogengemeinden Ostpreußens, in Allenstein. zu seiner Generalversammlung zusammengetreten, legt dagegen