Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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85. Jahrgang. Nr. 4 Berlin, 18. Februar 1921 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements.Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tllthült*Das Frau'enwahlrecht im Judentum. Von Fab ins HIJOll -»Schach.— Wochenscha u. — Juden und Araber in Palästina. Von Margarete M-arrasse (Rom). — Adolf Jellirnk (mit Bild). IForts.j Von Rabbiner Dr. D. Leimdörfer (Hamburg). — Die jüdische Bühne. [1. Forts.^I Von Samuel M>eisels (Wien). — Liebermann-Ausstellung. Von Dr. S. A s ch n e r. — Feuilleton: Pogrom und Krieg. [3. Forts.^I Schauspiel in fünf Akten. Von Meta Oped - Futz (Br-eslau). — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg i. Pr.. Wreschen, Mhslowitz, Liegnitz. Leipzig. Stuttgart. — Von Nah und Fern. Dss^jfrsuemoshlrkcht im Judentum. Bon Fabius Schach. er große Revolutionssturm hat viele Fragen, über die man früher so klug gestritten hat, mit einem Schlage gelöst. Bei der Demokratisierung des Staatswesens und des öffentlichen Lebens mußte man die politische und soziale Gleichberechtigung der. Frau als selbstverständlich anerkennen. Man gab den Frauen gleiches Wahlrecht, man gab ihnen Aemter im Staate und in der Kommune, und man hat damit keine schlechten Erfahrungen gemacht. Schon heute sehen wir Frauen in wichtigen Stellungen im Dienste der Gemeinschaft tätig, und es wird nicht lange dauern und wir werden in Deutschland weibliche Professoren und weibliche Minister haben. Daß wir Juden, die wir stets ein fortschrittliches Element bildeten, für diese Wandlung im öffentlichen Leben warm eingetreten sind, ist wohl begreiflich. Bei uns nahm ja im Laufe der Geschichte die Frau stets eine geachtete Stellung ein. Merkwürdig «der ist es, daß wir Juden mit dem Fortschritt immer im großen Kreise und nicht im kleinen, engen, anfangen. Es ist ein Hohn auf alle Logik und alle Gerechtigkeit, daß die Frau heute in Deutschland gleiches Wahlrecht im Staate und in der Kommune, und nicht in der jüdischen Gemeinde besitzt. ■ Und diese Reform ist in der religiösen Gemeinschaft noch dringender nötig als im Staate und in der Kommune. Ganz davon abgesehen, daß man in einer sozial gestimmten Zeit es als schreiendes Unrecht empfinden muß, der Frau Pflichten aufzudrängen, ohne ihr Rechte einzuräumen, ist es eine unverantwortliche Torheit, die hier reichlich vorhandenen Kräfte brachliegen zu lassen. Die geeigneten Männer, die jüdische Ehrenämter annehmen, werden immer geringer, und da ist ein großes Feld wichtiger Kräfte, das ungenützt bleibt. Trotz aller Verirrungen unserer Zeit, die unsere jüdischen Frauen häufig mitmachen, gibt es doch noch viele jüdische Frauen in Deutschland, die eine warme tiefe Religiosität in ihrer Brust tragen und die berufen wären, dem jüdischen Leben neue Impulse zuzufühven. Sie harren der Tätigkeit, denn die Familie allein ist ihnen zu eng geworden, und wir weigern ihnen den Eintritt zur gemeinschaftlichen Arbeit. Dazu kommt, daß unsere Gemeinde keine bloß religiöse Organisation darstellt, sondern eine Fülle sozialer Ausgaben hat. Hier fehlt es häufig an geeigneten Kräften, weil diese Aufgaben durch die Not der Zeit immer größer werden, und die Frauen könnten uns hier die beste Hilfe leisten. Namentlich das ganze Gebiet der sozialen KIeinarbeit kann nur von der Frau bewältigt werden. Denn nur die Frau kann mit ihrem zarten Empfinden und ihrer reichen Erfahrung da eindringen, wo den Männern das Verständnis fehlt. Und diesen berufenen Mitarbeiterinnen im . sozialen Leben der Gemeinde geben wir keine Tätigkeit und ihr Schaffensdrang erlischt oder wendet sich fremden Gebieten zu. Gewiß, sie arbeiten in den Wohltätigkeitsvereinen und hie und da zieht man sie auch zu den Gemeindekommisswnen als beratende Mitglieder heran, aber das ist etwas Halbes. Wer arbeitet und Tüchtiges leistet, wird stets verlangen, daß er auch mitzubestimmen hat, denn nur so ist ein freudiges, großzügiges Arbeiten möglich. Es ist gar kein Zweifel, daß die Leistungen der Frau ganz anders sein würden, wenn sie als in jeder Beziehung vollberechtigt anerkannt würde. Eine Frau, die in einer religiösen Körperschaft tätig ist, würde danach trachten, das jüdische Haus reicher und schöner zu gestalten. Ein junges Mädchen, das sich jüdisch-sozial betätigt, würde es auch als ihr Ideal ansehen, einen religiös empfindenden Mann zu wählen und später ihre Kinder im jüdischen Geiste zu erziehen. In jeder größeren Gemeinde gibt es intelligente jüdische Frauen und Mädchen, die für jüdische Interessen zu gewinnen wären, wenn man sie in der geeigneten Weise heranzöge. Es gibt auch überall jüdische Mädchen mit idealem Sinn, die man für die soziale Arbeit ausibilden könnte. Wir brauchen in der Gemeinde mehr Wärme, mehr lebhafte Teilnahme und Begeisterung, und die könnte uns die Frau bringen. Es gab eine Zeit, wo das jüdische Leben von der Familie den Ausgang nahm und die Gemeinde befruchtete. Heute, wo die Familie, die letzte Zuflucht des jüdischen Gemüts, häufig arm und dürftig geworden ist, sollten wir den umgekehrten Weg einschlagen: von der Gemeinde ins Haus. Wir leben in einer Zeit, wo es bitter not tut, die Gemeinde mit religiösem Leben zu füllen. Schwer lastet auf uns das Schicksal unserer Brüder im Osten, wir sind bedroht von Verkennung und Haß. Dazu kommt die Zersetzung, die sich auf allen Gebieten zeigt. Wir sind verloren, wenn wir es nicht verstehen, ein Mächtiges Band idealen Lebens um die Gemeinde zu schlingen und im engen Kreise das zu ersetzen, was die große Welt versagt. Sollten wir da nicht alles versuchen, was das Judentum zu stärken und mit Wärme und Schönheit zu erfüllen geeignet ist? Religiöse Bedenken wird man wohl kaum gegen das Wahlrecht der Frau anführen können. Es gibt wohl religiöse Pflichten, von denen die Frau entbunden ist, als minderwertig aber hat die jüdische Anschauung die Frau nie betrachtet. Bor kurzem hat in einer hebräischen Zeitschrift in Amerika ein