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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-02-04 · Heft 3 (4.2.1921) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 3 (4.2.1921)
Date
1921-02-04
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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land studierte ich -rer Jahre, und diese Zeit war die glücklichste meines Lebens. . - L e a: Du darfst nicht kämpfen geH-en die Mutschen! David: Weil du selbst eine DeuEcheÄst,Meinst du? Aber Hier gibt es kein Wollen, nur ein Müssen. Lea: Nicht deswegen, sondern. . .'HW du Mut? (David sieht sie fragend an.) '(V L ea: Nicht den Heldenmut des Soldaten, mehr ist es, was' ich von dir erwarte. . David: Erkläre dich deutlicher! . Lea: Haft du die Drohung des-Beamtenrichtig verstanden? , . ■ David: Sie ließ an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Lea: Du hörtest seine Worte, aber das. was er nicht aus» spracht hast du auch das begriffen? David: Spann mich nicht auf die Folter! L e a (leise): Es droht uns ein Pogrom. -- Ich täusche mich nicht. Sie sind froh, wenn sie einen Vorwand haben. Das war heute der Anfang. David: Ein Pogrom? (GeMumArn lachend): Du siehst Gespenster. Lea: Gebe Gott, daß du recht hättest! David: Und wenn es dazu kommt, kann ich es verhindern? Lea: Ja, du kannst es ahmenden. - David: Ich? Willst du mich verspotten? Lea: Es ist ein großer Entschluß, detstdu fassen mußt. Ungeheuerlich wirst du es nennen, was ich von dir verlange. Aber bedenke, wenn es gelingt, dann hast, du nicht nur uns beide gerettet, sondern deine Eltern, die Juden unserer ganzen Stadt. David: So sprich doch! L ea: Die Rettung kann uns nur von der Besetzung unserer Stadt durch die Deutschen kommen. Der Feind, den ihr zurückjagen sollt, muß hier sein, bevor sich das . Volk gegen uns Inden erhebt. — Dafür zu sorgen, daß dies geschieht, das ist deine Aufgäbe. . 1 D avid: Ich als russischer Soldat soll . . . Lea: Mögest du ein Gefangener der Deutschen werden, besser, als daß du unseren Mördern zum'Siege verhilsst. David: Lea, zum Verräter willst du mich machen? Lea (kalt): Zum Verräter: An wem? Soll ich es wiederholen? An einer Horde" von Räubern und Mördern! Das Wort .verrat" schreckt dich. Nein, so darfst du es auch nicht nennen. Setze „Rache" an seine Stelle, Oh, du würbest solche Bedenken nicht kennen, wenn du die Schrecken der Verfolgung an dir selbst erfahren Hättest. Vor meinem geistigen Auge werden die furchtbaren Tage in diesem Moment wieder - lebendig. Ich sehe wieder die Freundinnen äls Leichen vor mir liegen, mit denen ich noch eine Stunde vorher geplaudert und gescherzt hatte; ich sehe den Bräutigam der einen, glücklich lächelnd, auf seinem Rade des Weges kommen, und noch gellt, mir in den Ohren der erstickende Hilferuf des lebendig Begrabenen, und ich sehe mich und meine selige Mutter in dem finsteren, unheimlichen Keller, wo wir doch, nicht wagten, die Augen nach dem Fenster zu richten, weil der Anblick der Erhängten uns mit noch größerem Schauder erfüllte. Das kann ich nicht noch einmal erleben. Lieber bald den Tod, wenn du; uns nicht retten willst. . David: Wenn ich auch wollte, kann ich es denn, ein einzelner? Lea: Nicht du allein, die jüdischen Kameraden müssen dir; beistehen. D ä v i d: Aber selbst dann wären wir zu schwach bei unserer geringen Anzahl. Lea: Auch das habe ich -beacht. Ich trage meinen Plan schon lange in der Seele, weil ich die Gefahr kommen sehe, an 35-- die du kmch> immer nicht glauben willst. Ihr müßt euch Helfer werben unter den ändertzn» Rekruten, den Bäuern —. den Arbeitersöhnen. Käuflich ist ein großer Teil deiner "Kameraden, sagtest du mir, ohne Moral. Gleich dom Vieh lassen sie sich auf das. Schlachtfeld treiben, und die meisten von ihnen wissen nicht einmal, wofür und gegen wen sie kämpfen. Der Zar verdient keine besseren Soldaten als solche, er möge auch keine - besseren Juden haben, als er verdient. David (toulaS): Ich darf nicht hören, was du sagst. Doch — sprich weiter! Lea: Dein Vater ist reich.. Er weiß, daß du sparsam bist, -daß du ihn nie um Geld gebeten hast. Tue es jetzt, verlange eine große Summe; er wird sie dir nicht verweigern, wenn du ihm auch den Zweck nicht angibst. David: Dein Plan ist also, daß — es geht nicht, Lea, alles hnagst du von mir verlangen, -aber nur das nicht. Lea: Du kommst über das häßliche Wort „Verrat"-nicht hinweg. Du sollst ja dein Vaterland gar nicht verraten, du brauchst nicht zu den Feinden überzugehen. Es genügt, wenn du deine Kameraden! dazu bringst, dem Vordringen der Dent- - scheu keinen kräftigen Widerstand entgegenzusetzen. David: Das ist ein. Spiel mit Worten. Verrat bleibt es doch. Noch! sind wir nicht bedroht, und nur die höchste Gefahr würde vielleicht ein solches Handeln rechtfertigen können. — Hast du auch bedacht, daß ich sicher dem Tode verfallen bin. wenn dieser Anschlag mißlingt? L ea .(mit leichtem Spott): Ja. schreckt dich-dieser Gedanke? David: Nicht der Tod, aber — ich fürchte —, daß du mich nicht liebst. L e a: Verstehe mich recht! Auchich bin bereit, mein Leben einzusetzen. Stirbst du, so folge ich dir. Ist dir das genug? — Bedenke, wenn wir untätig bleiben, so sind wir verloren; denn daß die Verfolgung losbricht, halte ich für sicher. — Und auch dich muß ich als verloren betrachten, wenn du nicht das Glück hast, gefangengenommen zu werden. Wo die Gefahr am größten ist, dorthin stellt -man den jüdischen Soldaten, und hat er sein Blut verspritzt, dann werden feine Angehörigen von dem d-ankbiairen Vaterland«' zu Tode mißhandelt. — Nur von den Deutschen kann auch dir die Rettung kommen, dir und uns! Wäge . es! Wir haben nichts zu verlieren, nur zu gewiniM.,. , David (erregt): Laß mich nur zur UeberlegUMHpMMn! Gib mir Bedenkzeit — wenigstens bis morgen! >|ir, 'VJ,u, Lea: Morgen triffst du mich nicht mehr hier.: . Ich-darf hier keine Nacht mehr sein. Sonst sind auch deine Eltern bedroht. Laß mich ziehen! D a v i d: Nimmermehr — ich werde dich in einem anderen Hause unterbringen. Doch bei wem? — Halt, ich habe es. Du kennst doch den -Schammes Veilchenblum. Er hat eine kranke Frau und- «in Häuflein Kinder. Du würdest dieser Familie durch- -deine Anwesenheit sogar einen großen Gefallen erweisen. Dort wärest -du geborgen. Die Leute wohnen so abgelegen — hinter der Synagoge, daß dich niemand ausspüren kann. Le«: Gehen wir bald, hier brennt mir der Boden unter den Füßen —noch ehe der Vater kommt? David: Ja, ich möchte ihm heute nicht mehr -unter -die Augen treten, zu einer harmlosen Unterhaltung bin ichdiesen Abend nicht mehr fähig, — Morgen besuche ich dich bei Milchenblums. Dann sollst du -wissen, ob ich mich entschlossen fäbe. Wer eines mußt du mir heute schon versprechen, meine ea: Falle ich, -dann soll der Tod uns scheiden. Lege nicht Handan dich! Das wäre gegen Gottes Gebot. Gib mir die Beruhigung, daß du meinen alten Eltern Stütze bist, wenn 'ich es nicht mehr sein kann! - Lea: Ich verspreche es -dir; aber der Himmel verhüte, daß dieser Fall eintritt. Dich überleben zu müssen, daswäre das härteste Geschick, welches mich treffen könnte.

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