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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-02-04 · Heft 3 (4.2.1921) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 3 (4.2.1921)
Date
1921-02-04
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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-29 Frauen zustchen. Dem vorläufigen Vorstande gehören an: Justizvait Dr. Cohn in Dessau, Vorsitzender; Dr. med. Paul Mose s in Dessau, stellvertretender Vorsitzender; Landesrabbiner Dr. Walter in Dessau, Fabrikbesitzer Louis C a l m in Berniburg, Kaufmann Schö n f e l d in Cötheu, Kaufmann Geis er in Zerbst und Kaufmann Otto Herz in Jeßnitz nls Beffitzer. . Die Begründung des Verbandes stellt den ersten Versuch dar, die anhaltischen Juden zu einer kirchlichen Organisation ’ zusammenzufassen. Der Verband hat sich zum Zweck gesetzt: „die Vertretung der Gesamtinteressen der anhaltischen jüdischen Gemeinden gegenüber dem Reich, dem Freistaat Anhalt, den Gemeinden und ihren Behörden wie gegenüber dem Gesamtjüdentum und seinen Organisationen. Religiöse und parteipolitische Fragen sind von dem Aufgabenkreis des Verbandes ausgeschlossen." *. Das deutsche Volk hat einen seiner edelsten und hervorragendsten Söhne verloren. Der stellvertretende Vorsitzende und Mitbegründer des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Geheimer Regierungsrat und ehemaliger Direktor der Berliner Sternwarte Professor Dr. Wilhelm F o e r st e x, ist am 18. Januar in Bornim bei Potsdam im 89. Lebensjahre verschieden. Am 14. Dezember 1890 ist unter Führung des Rechtslehrers Professor Rudolf v. Gneist und des Abgeordneten Rickert eine Anzahl von hervorragenden Männern verschiedener Parteirichtungen, unter denen sich der Abgeordnete Theodor Barth, Professor Wilhelm Foerster, Professor Erich Schmidt, Professor Albrecht Weber, Kommerzienrat Isidor Löwe, Charles L. Hallgarten befanden, zufammengetret-en, um den Verein zur Abwehr des Antisemitismus ins Leben zu rufen.' Alle die genannten hervorragenden Begründer des Vereins sind schon längst aus dem Leben geschieden, nun ist ihnen auch Geheimrat Professor Dr. Foerster ins Grab gefolgt. Seit der Begründung des Vereins wandte der Verstorbene diesem neben den Bestrebungen, die seinem Herzen zunächst standen und die der Pflege und Förderung der ethischen Kultur gewidmet waren, sein besonderes Interesse zu. Im Jahre 1910 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt; - er erfüllte die ihm hierbei obliegenden Pflichten mit einer mustergültigen Sorgfalt und Treue, und er bekundete noch einige Wochen vor seinem Tode seine besonderen Sympathien für den Abwehrverein dadurch, daß er diesem eine größere Anzahl seiner ausgezeichneten Schrift „Die internationale. Wirksamkeit des Judentums in Vergangenheit und Zukunft" zur Förderung der Ziele und Zwecke des Vereins übersandte. In der zweiten Januarnummer der Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus widmet Georg Gothein dem Verklärten folgenden ehrenden Nachruf: Mit Wilhelm Foerster ist -eine anima candida aus dem Leben geschieden. Ein Mann, der wohl Gegner, aber keinen Feind hatte. Denn alles in ihm war Reinheit, war vollendete Güte. Er war die Verkörperung der Gebote der Bergpredigt. In seinem Wörterbuch stand das Wort Haß nicht. Ja, er wollte auch nicht einmal etwas vom Haß gegen das Schlechte wissen, denn — meinte er — der Haß richtet sich nicht gegen die schlechte Eigenschaft, sondern übertrügt sich auf deren Träger, den Menschen. Urid die Liebe zum Menschen überwand bei ihm alles. Ein solcher Mensch mußte Pazifist werden; das Tragische für ihn war, daß er dessen furchtbarste Negierung im Weltkrieg, in den sogenannten Friedensverträgen — der Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln — erleben mußte. Aber den Glauben an die Menschheitsentwickelung konnte ihm auch das nicht rauben; er glaubte fest an den Sieg der Liebe, des freien Selbstbestimmungsrechtes des Menschen wie der Wlker. Glaubte ,daran, daß, -wenn diese Welle von Schmutz, Haß, Rachsucht und Leidenschaft aibgeebbt sein wird-, der Menschheit die Ueberzeugung aufgehen wird, daß höchste Güte höchste Weisheit sei. Und Wilhelm Foerster mußte Mitglied des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus werden. Sein Gerechtigkeitssinn, seine Menschenliebe bäumten sich dagegen auf, daß man jemanden seiner Religion, seiner Abstammung wegen zurücksetzen, entrechten wollte. „Alle Menschen gleich geboren sind ein adliges Geschlecht." Ihm galt der Mensch nur nach dem, was er an innerer, sittlicher Persönlichkeit wert ist; nach dorn, was er beiträgt zum Fortschritt, zur Erziehung des Menschengeschlechts- Da gedachte er dankbar dessen, was das jüdische Volk in seiner Religion, in seinen Dichtungen der Welt an höchsten ethischen Werten gegeben hatte. Dankbar gedächte er, der Astronom, was Juden vom grauen Altertum durch das finstere Mittelalter hindurch bis in die neuesten Zeiten für seine spezielle Wissenschaft, die Astronomie, geleistet hatten. Nicht minder dankbar dessen, was jüdische Gelehrte, jüdische Denker und Dichter zur Förderung von Wissenschaft und Kunst auf den verschiedensten Gebieten beigetragen hatten. So wurde er unserem Verein «ebenso wie seinen „Mitteilungen" ein eifriger Mitarbeiter. Wir aber werden dem Mann mit dem goldenen Kinderherzen und der Weisheit und Abgeklärtheit des Patriarchen ein dankbares, treues Gedächtnis bewahren. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Georg Gothein, Vorsitzender. # Anläßlich der Erinnerung an die Errichtung des Deutschen Reiches vor 50 Jahren -darf die interessante Reminiszenz erwähnt werden, daß es ein Jude war, dem am 18. Januar 1871, nachdem der König von Preußen, Wilhelm I., zum Kaiser proklamiert worden war, die Ehre zuteil wurde, auf dem Schloß zu Versailles die erste deutsche Reichsflagge zu hissen. Dieser Jude führte als Freiwilliger die Geschäfte der königlichen Kommandantur vom 20. September 1870 bis 10. März 1871 und wurde von dem damaligen Chef der dritten Armee, dem späteren Kaiser Friedrich,, für seine Leistungen mit dem Eisernen Kreuz dekoriert. Die betreffende Reichsfahne wurde von ihm, nachdem der damalige Chef der königlichen Kommandantur, Generalmajor v. Vogt-Reetz, mit den Offizieren der Kommandantur Versailles verließ, heruntergenommen und erstgenanntem Herrn (v. Vogt-Reetz) nach Liegnitz, wo derselbe die 18. Jnsanteriebrigade befehligte, zugesandt. Der jüdische Soldat war Bernhard Ursoll aus Soest i. Wests. Noch eine andere jüdische Reminiszenz verknüpft sich mit dem Tage der Reichsgründung. Ein jüdischer Komponist, A. W. Blumenfeld (geboren 28. Februar 1826), war der Komponist des „Berliner Einzugsmarsches" von 1866 und des deutschen Triumphmarsches von 1871. Beide Kompositionen wurden von dem ersten Deutschen Kaiser angenommen und bei dem Einzug der siegreichen Truppen in Berlin gespielt. Blumenseld schrieb 1888 den Trauermarsch, der die Ueberführung der Leiche Wilhelms I. begleitete. * Vom Exekutivkomitee der JWischM Welthilfskonferenz. Bei der letzten in Paris stattgefundenen Sitzung wurde beschlossen, einen Delegierten nach Polen, und zwar in die Gebiete von Rowno, Kowel usw. zu -entsenden, um die Aktion für die Ueberführung der dortselibst sich be sind enden ukrainisch-jüdischen Kriegs- und Pogromwaisen rn, diejenigen Länder zu organisieren, in denen die jüdischen Hilfsorganisationen sich bereit erklärt haben, die Erhaltung und Erziehung dieser Waisenkinder zu übernehmen. Mit dieser Mission wurde das bet der Sitzung anwesende Mitglied des Zentralrates, Dr. Markus Krämer (Bukowina), betraut. Dr. Krämer hat auch die Aufgabe, Erhebungen über den Zustand derjüdischen Flüchtlinge aus der Ukraine zu pflegen. Das argentinische Zentrale Volkshilfskomitee hat der Exekutive telegraphisch den Wunsch mitgeteilt. 100 Waisenkinder in Argentinien aufzunehmen. Ebenso liegt eine Nachricht vor, daß 50 Waisenkinder nach Rumänien verlangt werden. Dr, Krämer unterbreitete auch ein Projekt des Jüdischen Mediziner- Vereins in Wien, betreffend Errichtung einer Stellenvermittlung für jüdische Aerzte. Ebenso ein Projekt eines jüdischen Philanthropen, welcher sich bereit erklärt hat, in Osteuropa eine größere Anzahl von Waisenhäusern zu errichten. Die Exekutive wird sich mit den in Betracht kommenden jüdischen Organisationen und Gemeinden in Verbindung setzen, um die Erhaltung dieser Waisenhäuser zu sichern.

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