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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-02-04 · Heft 3 (4.2.1921) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 3 (4.2.1921)
Date
1921-02-04
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 Dr.- Salomonski (Frankfurt a. d. £.), Dr. Ahron Sandler (Berlin) und Geheimrat Dr. Stern (Berlin). Hierauf erstattete die Mandatsp rüßun-gskommission ihren Bericht. Von der Gesamtzahl der Mandate sind nur 22 ungültig, die verspätet eingegangen sind. Der Bericht wird ohne Debatte genehmigt. Das Hauptinteresse der Tagung konzentrierte sich auf die Umänderung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes in eine Gesamtorganisation des deutschen Judentums. Dr. Jsmar Freund, der Urheber des Verfassunasentwurfes, erstattete hierzu ein groß angelegtes Referat, das hier nur im Auszuge folgen kann: Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft Deutschlands und der deutschen Judenheit, daß diese in der Not der Zeit den Grund legt zu einem neuen Bau für die Zukunft. Der Gedanke, eine Gesamtorgansfation zu schaffen, ist in den deutschen Juden seit mehr als einem Jahrhundert lebendig. Mit dein Deutschen Bunde wurde auch der Deutsch-Israelitische Gemeindebund gegründet, und der Gedanke, diese Private Organisation zur öffentlichen zu erheben, hat ihren Gründern immer vorgeschwebt. Heute ist die Notwendigkeit stärker als je hervorgetreten, begründet durch die Veränderung in der Siedlung der Juden, chrer veränderten Stellung im Volke und im deutschen Rechts- und Verfassungsleben. Die Weltumwälzung hat auch das deutsche Judentum schwer betroffen. Die .Gesamtorganisation ist nicht nur eine Lebensfrage für die Klei-ngemeind'M, sondern auch für die größten geworden, wie z. B. für Berlin, das mit großen Sorgen Deckung für die materiellen Forderungen des Tages suchen muß. Die finanziellen Grundlagen des gesamten Judentums sind erschüttert. Nur Sparsamkeit und strenge Oekonomie der Kräfte, intensive Arbeit an Stelle der bisherigen extensiven müssen -durch den Zusammenschluß erreicht werden. Neben der finanziellen Zukunft muß für die geistige Zukunft Sorge getragen werden. Um der jüdischen Jugend und unserer Zukunft willen müssen endlich alle geistigen, sittlichen und kulturellen Kräfte zusammengefaßt werden. Aber auch die bitterernste Frage des Antisemitismus zwingt uns zürn Zusammenschluß. Im deutschen Volke gärt ein so wilder Haß gegen aie jüdischen Mitbürger, wie er seit den finstersten Tagen des Mittelalters nicht zu verzeichnen war. Die inneren Kämpfe des deutschen Volkes werden sich auch weiter auf unserem Rücken abspielen. Das bedeutet -für uns einen Kampf auf Leben und Tod run unsere soziale und rechtliche Geltung in Deutschland, und dieser Kampf ist nur in geschlossener Phalanx zu führen. Heute gilt es, zunächst einen Rohbau zu schassen, dessen Ausgestaltung der gemeinsamen Arbeit überlassen werden muß. Die in der ganzen jüdischen Welt vorhandene Kongreßbewegung oder kws Streben nach einer jüdischen Gesamtvertretung entspricht der tiefgefühlten Notwendigkeit nach einer Stelle, wo alle Klagen vorgebracht und alle Kräfte gesammelt werden können. Die neue Organisation muß alle jüdischen Interessen repräsentieren. Da es sich um eine Körperschaft des öffentlichen deutschen Rechts handelt, können nur die Interessen der deutschen, Juden vertreten werden, aber die Interessen der deutschen Judenheit haben bisher nie an Landesgrenzen aufgehört und werden es auch in Zukunft nicht tun. In der Sorge um die Finanzgebarung werden die kleinen und bte großen Gemeinden sich die Hand reichen müssen. Die Ausländerfrage kann nicht übergangen werden. Der Bund ist die Repräsentanz einer Religionsgemeinschaft. Für eine Religionsgemeinde aber müssen die Grenzfragen ohne Bedeutung sein. Jeder in Deutschland wohnende Jude muß das Recht haben, zu diesem Bunde zu wählen. Das wird manchen hier vertretenen Kreisen aus verschiedenen Gründen unangenehm sein.. Es gilt aber, den Blick auf das Ganze zu richten; da die Autonomie der Gemeinden erhalten bleibt, ist die Gefahr begrenzt. Der Redner schließt seine mit großem Beifall aufgenömmenen Ausführungen mit dem Hillel- Wvrte: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist es dann?" Die Generaldebatte wird von G o l d r e i ch (Beuel) eröffnet, der im Namen der Kleingemeinden des Rheinlands sich für die schnelle Begründung der Gesamtorganisation einseht. Die Kleingenieinden sind in größter Not; sie können ihre Lehrer nicht mehr besolden, und die Kinder wachsen vielfach ohne Religionsunterricht auf. Da die Kleingemeinden die jüdischen Kraftquellen der großen Gemeinden sind, eröffnet sich, wenn bicf-e versagen, eine traurige Perspektive für das deutsche Judentum. In Anbetracht ihrer, Wichtigkeit wollen die Kleingemeinden nicht mehr Objekt, sondern auch Subjekt der Gesetzgebung sein. (Großer Beifall.) Dr. Alfred Klee (Berlin) gab im Namen seiner Freunde der Genugtuung Ausdruck, daß die jahrelangen Vorarbeiten bis zur Realisation gediehen sind. Der Entwurf entkräftet viele Bedenken, die gegen, seine Vorgänger erhoben wurden. Die Zionisten haben deshalb große Opfer gebracht und im Interesse der Einheit schweren Herzens auf den vorzüglichen Entwurf von Viktor (Hamburg) verzichtet. Wenn der Geist der neuen Organisation derselbe Geist sein wird, der aus den Erössnungsworten des Vorsitzenden sprach', dann eröffnet sich dem neuen Bunde eine gewaltige Perspektive. Hierauf brachte der Redner eine Anzahl Wünsche vor.. Er möchte den § 1: „Der Bund bezweckt die Zusammenfassung aller Kräfte im deutschen Judentum zur Pflege der gesamten jüdischen Interessen" in dieser vom Gemeindebund vorgeschlagenen Fassung erhalten wissen, im Gegensatz zu einem Anträge der Berliner Jüdischen Gemeinde, welcher eine Begrenzung „der gesamten jüdischen Interessen" auf die innerdeutschen jüdischen Interessen vorsieht. Herr Dr. Freund habe schon ausgesührt, daß die deutsche Judenheit sich auch allgemein-jüdischen Düngen uicht entziehen würde; das habe sie auch in der Vergangenheit nicht getan. Wenn diese Engherzigkeit in Zukunft auch wirklich vermieden werden soll, dann dürfe man auch -ehrlich die erweiterte Fastungzulasten, um jeder Möglichkeit einer späteren engherzigen Auslegung vorzubeugen. Diese Einschränkung raubt dem Verbände große Möglichkeiten. So z. B. könnte er dadurch von der Mitarbeit um Aufban Palästinas ausgeschlossen werden. Palästina ist heute keine zionistische Angelegenheit mehr, sondern eine Sache des gelaunten Judentums der ganzen Wett, die auch jeden deutschen Juden angeht. Wi-r erwarten die intensivste Mitarbeit der deutschen Judenheit. (Lebhafter Beifall.) Die Autonomie der Gemeinden soll felbstverstiändlich in allen Gewissensfragen, in Kultus, Unterricht und Wohlfahrtswesen erhalten bleiben, dagegen muß der Bund einen Einfluß auf die Verfassung der Bundesgemeiuden zur Herbeiführung eines modernen Wahlrechts ausüben; -es geht heute nicht mehr an, eine Richtung in der Gemeinde mit roher Gewalt auszuschalten. (Protestrufe.) Wir fordern also: 1. jedes jüdische Int ermesse gehört vor die Gesamtorganifation; 2. eine absolut demokratische Verfassung; 3. den sicheren Schutz aller Minoritäten. Diese Forderung gewährleistet der Entwurf, auf dessen Boden wir uns stellen. (Lebhafter Beifall.) Leopold Badt (Berlin): Die Fassung des § 1 ist ein Angelpunkt für die Verhandlungen geworden. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde wünscht den Aufgabenkreis des Bundes auf Deutschland zu beschränken, ohne sich engherzig an die Grenzen zu halten. Der Bund hat m erster Linie die Ausgabe, innerhalb Deutschlands zu wirken. Die Demokratisierung des Wahlrechts in den- Einzelgememden mag wünschenswert sein, doch darf der Bund nicht in die Rechte der Einzel gemeindeneingreif-en. Der Redner bittet deshalb die Zionisten, aus diese Forderung zu verzichten. Justizrat B a e r w a l d (Frankfurt a. M.) erklärt die Bereitschaft seiner Gemeinde zur Mitarbeit und stellt folgende Grundsätze auf: 1. Sicherung der Autonomie der Gemeinden; 2. Mitarbeit aller Juden in Deutschsland, auch der jüdischen Ausländer. Die Frankfurter Gemeinde zählt unter ihren Mitarbeitern zahlreiche besonders wertvolle Kräfte, die Ausländer sind. Die Fassung des § 1 ist belanglos, weil stets die Majorität des Bundestages die Entscheidung haben wird. Wenn ein ehrlicher Verständtgungswillen -auf allen Seitendie kleinlichen Bedenken -außer acht läßt, wird das Judentum nicht vergeblich aus dief-e Stunde gewartet haben. Oberlandesgerichtsrat N e u m ayer (München) begrüßt als Vertreter der Gesamtorganisation der jüdischen Gemei-nden in Bayern -den Bundestag. Die bayerische Lanidesorganisation ist bereit, sich dem Reichsverbande anzuschließen. Staatsrat Dr. Cohn (Dessau) bittet, in dieser Zeit höchster Gesahr, alle Einzelwünsche zurückzustellen. Der Kampf -nach innen muß der Konzentration aller Kräfte -gegen den gemeinsamen Feind weichen. Da -alle öffentlichen Einrichtungen zu unserem Schutze versagen, müssen wir zur Selbsthilse -auf breiter demokratischec Basis schreiten.

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