Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 2 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Juden volle Befriedigung fand. Aber schon die zweite Peribde führt ihn zur Verfestigung des seelischen Zustandes seiner Modelle. Seine Gestalten-wenden jetzt von einem höheren Nimbus umwehrt, in dem das Individuelle schwindet: der Jude als solcher tritt hinter dem Individuum zurück, die Gestikulation verliert ihre Lebhaftigkeit, sie konzentriert sich -auf das Undefinierbare, Ähnlich wie die scharfen Lichtkontraste einem Jneinandersließen von Hell und Dunkel weichen. Diese Vertiefung!des 'Seelischen führt!!ihn zur Wedergabe des jüdischen 'Familienlebens in den beiden rührenden Gestalten der wertenden Eltern' -des Tobias. In der 'letzten Periode wird Rembrandt zum Metaphysiker. Die Menschen erhalten jetzt etwas Gottähnliches, die Stimmung, weicht einem höheren Zustande, und wenn der frühere Rembrandt Maler des Raums, der mittlere der Maler der Zeit ist, so sieht der späte Rentbrandt die Menschen im Sinne Spinozas sub specie aeternitatis. Und hier in der letzten und größten Periode seines Schaffens wird sein Verhältnis zum Judentum ein besonders inniges. Gerade im Judentum und im Volke der Bibel findet er die Zeitl-ostgkeit des Orients und Die Dertieftheit einer uralten Rasse. Seine Juden sind jetzt nur noch. Köpfe und seine Köpfe nur noch Augen. Die metaphysische Zusanunengehörigkeit seiner Gestalten -tritt .am stärksten in dem Bilde hiervor, auf dem. Hamann zum Tode abgesührt wird. Aeußerlich vollkommen unabhängig, sind die drei Menschen durch die Stimmung des Abschiedsschmerzes vollkommen verschmolzen. Wie Spinoza die von Descartes zerspaltene Welt vereint und seine Philosophie ein Manifest 'gegen diese Zerspaltung bedeutet, so hat sie Rembrandt in der Kunst sestgeh-alten. Spinozas Phiilosophie ist ReurbranDts Malerei. Wie der größte jüdische Denker die Welt in seiner Philosophie ausgefaßt hat, so hat sie der größte germanische Künstler in seiner Kunst empfunden und dargestellt. — Berlin, 18. Januar. Alex n n d e r M o s z k o w s k i, der vor einigen Tagen das 70. Lebensjahr vollendete, sprach kurz vorher im Verein für jüdische Literatur vor überfülltem Saal über die Philosophie des jüdischen Witzes. Ueber ein Thema, das sich scheinbar der theoretischen Behandlung entzieht, wußte der Vortragende entwickelungsgeschichtlich und psychologisch sehr Wertvolles und Ernstes zu sagen. Er kennzeichnete das Wesen des jüdischen Witzes, der für ihn „der Witz an sich" ist, aus dem Ursprung und der Gettoqual, aus der scharf denkenden Logik und der raschen Assoziationsgabe der Juden. Indem er sein ganzes Wissen auf philosophischem Gebiet ausbreitete, gab er zugleich bezeichnende Proben dieses Witzes, gewissermaßen die Keimzellwitze, deren Abkömmlinge dann immer wieder durch die Witzpresse gehen. So mischte sich in höchst anregender Vereinigung Scherz mit wissenschaftlicher Gründlichkeit. Der Beifall war sehr groß. E. M. Berlin, 18. Januar. Im Rahmen eines Vortrages im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach Oberkantor Magnus Davidsohn über biblische Weisen in Wort und Ton. Ter Ernst der Zeit hat uns die Bibel wieder näher gebracht, dieses gewaltige Menschheitsbuch, aus dem alle Zeiten geschöpft haben. Meister der Töne und des Wortes haben auf diese Quelle unserer geistigen Kultur wieder in verstärktem Maße zurückgegriffen. In ausgezeichneter Weise verstand es Oberkantor Davidsohn als Sänger und Sprecher die modernen Nachbildungen der Bibel den Zuhörern nahezubringen,. Die Manen Beethovens ehrte der Vortragende durch einen formvollendeten Vortrag der „Ehre Gottes in der Natur". Das zahlreiche Publikum kargte nicht mit dem wohlverdienten Beifall. $ Berlin, 18. Januar. Ter Verein stlbständiger Handwerker jüdischen Glaubens beging fein 25. Stiftungsfest mit -einer großen Feier in den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten, zu der etwa 1800 Teilnehmer erschrenen waren. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die großen Organisationen des deutschen Judentums hatten Vertreter entsandt, ebenso die Ortsvereine jüdischer Handwerker in Hamburg, Hannover, Breslau und andere mehr. Der Vorsitzende des feiernden Berliner Vereins begrüßte die erschienenen Abordnungen und gab einen kurzen Ueberblick über die Vereinsgeschichte. Aus den Ansprachen sind die Ausführungen des Obermeisters Rettich, Vorstandsmitglied der Berliner Handwerkskammer, besonders hervorzuheben. Er lobte - den Fleiß der jüdischen Gehilfen und Lehrlinge und wies darauf hin, daß die jüdischen Handwerksmeister zur loyalen Konkurrenz gehören. Es ist ein besonderes Verdienst der jüdischen Handwerker, daß sie die Arbeiten genau kalkulieren, wozu sie auf Grund ihrer gewissenhaften Ausbildung m der Lage seien. Der jüdische Handwerksmeister halte auf angemessene Preise und trete auch für das Ansehen -des Handwerkerstandes ein. Zum Schluß forderte der Obermeister die anwesenden Meister, Gehilfen und Lehrlinge auf, in den Innungen, Verbänden usw. die falschen Vorurteile gegen die Juden durch ihr persönliches Verhalten zu zerstreuen und 'dem Gegner Gelegenheit zugeben, den jüdischen Handwerker aus eigener Anschauung kennenzulernen. An den offiziellen Teil der Feier schloß sich ein Ball an. Berlin, 18. Januar. Gibt es jüdische Geheimgesetze? Diese Frage war neulich, Gegenstand eines Vortrages und einer freien Aussprache in einer Versammlung, die, vom Zentralverein einberufen, in der Philharmonie tagte. Referent war Eie. tbeol. Dr. Paul Fiebig (Leipzig), der sich 'durch seine Arbeiten über Mischna und Talmud in Fachkreisen einen Ruf erworben hat. — Schon bei dem Beginn der Versammlung zeigte sich, daß diese von antisemitischen Elementen stark durchsetzt war, die fortwährend durch Zwischenrufe versuchten, den Redner zu stören. Zeitweise wurde der Lärm so stark, daß die Weiterführung der Versammlung ernstlich in Frage gestellt war. In seinen rein sachlichen Ausführungen wies Dr. Fiebig nach, daß es jüdische Geheimgesetze nicht gibt und daß weder Talmud noch Schulchan Aruch Lehren enthalten, die als unmoralisch bezeichnet werden könnten. Uebrigens sei es nicht zutreffend, daß diese jüdischen Schriften als Gesetzbücher des Judentums angesprochen werden müßten; als solche könnten nur die Bücher Moses gelten, die von den gläubigen Juden als Offenbarung Gottes angesehen werden. Der Schulchan Aruch fei das Werk eines einzelnen Mannes'; ein Gesetzbuch fei diese Schrift nicht, ebensowenig könnten hier-aiuf Der palästinensische wie der babylonische Talmud Anspruch machen. Leide«r fei eine lückenlose Ueberfetzung Dieser Schriften nicht vorhanden, unD vollständige Zitate führen leicht zu. falschen Auslegungen. — An Der freien Aussprache beteiligte sich zunächst Dr. D-inter (der Verfasser des bekannten Tendenzromans „Die Sünde wider das Blut"), der sich selbst als Laie aas talmuDischem Gebiete bezeichnete. (Stürmische Heiterkeit.) Er gab ferner zu«, daß große Bildung dazugehöre-, die beregten Schriften zu« lesen unD zuverstehen. Weiter -gestand Der Redner, der sich wiederholt als zur Deutsch-völkischen Partei gehörend bezeichnete, Die Tatsache zu.. Daß es> in seiner Paotei auch Radaubrüder gebe. „Aber die Ahlwardtschen Zeiten sind für immer vorüber" — meinte er. „Wir wollen keinen Pogrom der Juden, sind jedoch stolz darauf, die vorliegende Frage in Fluß gebracht zu haben." (Beifall und Lärm. Zuruf: Geschäftssache!) Redner befürwortet eine Ueberfetzung der jüdischen Schriften. An der weiteren Aussprache beteiligten sich Prediger Dr. Lehmann von Der Jüdischen Reformgemeinde, der hervorhob, .daß nichts für Da>s Bestehen jüdischer Geheimgesetze habe vorgebracht werden können, Pastor Schaffer, Kaplan Fahsel und Rabbiner Dr. Löwenthal, die für eine ruhige, friedliche Verständigung sprachen. Wenn hierzu ein redlicher Wille vorhanden sei, werde sich diese gewiß erreichen lassen. — Eine Verständigung mit Den- Antisemiten halten. w!i,r für ausgeschlossen. — Königsberg i. Pr., 14. Januar. Im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach in Der Aula Der HinDenburg- Oberrealschule unter Vorsitz von Professor RuDolf Cohn Rabbiner Dr. Baeck (Berlin) über „Die Gottesanschauung des Judentums". Der Vortragende verglich einleitend den Gottesbegriff des Buddhismus mit dem 'des Judentums, das eine Bejah'UN'g im Gegensatz zu der Verneinung des Buddhismus darstellt. Obwohl die Bibel ein Buch voll von Pessimismus ist, erscheint das Judentum als die Religion des Optimismus, des Glaubens an Die Pflicht, das Gute zu vollbringen. Dem Schicksalsw-ort des Altertums: „Du -mußt" stellt es das Wort: „Du -sollst" entgegen. Charakteristisch für die jüdische Religion ist d-a-s Unmytho-logische Derselben.' Während im Altertum das Schicksal der Gottheit im Mittelpunkt des Lebens Der Menschheit stand, geht das Judentum -davon -aus. Daß das Handeln Der Menschen zum Schicksal der W-elt wird. Kennzeichnend ist ferner der Begriff des Geheimnisses: ein Wort, das im Hebräischen mit dem Begriff des Geborgenseins verschmilzt. Mit Dem Gefühl, geschaffen zu sein, verbindet sich Die Gewißheit, Daß Der Mensch ein Schöpfer ist, ein Schöpfer Des Guten. Das große Wort d-es Judentums: „Du sollst, Denn Du kannst", unterscheidet es von allen anderen Religionen und gibt ihm neben Dem Gefühl Der Demut auch Das Der Ehrfurcht. Dies Doppelte, Geheimnis un'd Gebot, geht als ein großes „Un'd dennoch" durch Das Leben Des Judentums.