Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 2 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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22 £ e a (mit einem Seitenblick auf David, der zusamnienzuckt). Oh, wäre ich ein Mann, 'daß ich Rache nehmen könnte für alles, was sie uns angetan haben. Sarah (schaudernd): Furchtbar, furchtbar. Elias (kopfschüttelnd): Haben Sie es^ selbst gesehen, wie man >den blühenden, jungen Menschen lebendig begraben hat? Lea: Ja, von einem Keller aus, wo ich mich mit der Mutter drei Tage lang verborgen hatte. An diese drei Tage werde ich Zeit meines LebenS denken. Vor uns, an einem Laternenpfahl, sahen wir Tag und Nacht die Leichen von zwei erhängten Juden. Essind aber noch viel mehr auf diese Weise ums Leben gekommen, wie wir später hörten. David: Am dritten Tage wagten Sie sich also aus dem Keller heraus. Lea: Wir mußten, sonst hätten wir verhungern müssen. Als wir heraufkamen, verließen unsere Glaubensgenossen gerade die Stadt, so daß wir uns ihnen noch im letzten Augenblick unauffällig anschließen konnten. An diesem dritten Tage war nämlich der Befehl ergangen, daß sämtliche Juden die Stadt innerhalb zwei Stunden zu verlassen hätten. Man hatte uns unter dem völlig grundlosen Verdacht ausgewiesen, Verrat von uns befürchten zu müssen. Der Pöbel, der gern einmal nach Herzenslust rauben und plündern wollte, hatte uns bei dem General verleumdet. Ließen wir ihm doch fast alles zurück, bis aus die notwendigsten Lebensmittel, die wir als Wegzehrung brauchten. Es war eine qualvolle, lange Wanderschaft. Nicht einmal die Richtung, die man unS angegeben hatte, konnten wir innehalten. Kein Weg und Steg, nur ein unübersehbares Schneefeld, dehnte sich vor unseren Blicken, und so mußten wir aufs Geradewohl hinausziehen, wohl mehrere tausend Köpfe stark, denn auS den Nachbardörsern schlossen sich immer noch mehr Juden unserem Zuge an. Die Kranken führten wir zuerst auf Wagen mit uns. Dann aber, als viele vor Erschöpfung starben, und wir alle Wagen für die Toten brauchten, da trugen wir die Leidenden auf selbstgezimmerten Bahren aus Holz. Elias: Warum wurden die Toten nicht sofort begraben? Lea: Wir durften ja nirgends vasten, aber schließlich haben wir es trotz des Verbotes gewagt. Es war eine eisige Nacht. Da schaufelten wir, so schwach, wie wir waren, beim Scheine kleiner Lämpchen ein tiefes Massengrab. Jeder mußte helfen. Hart wie Stein war die Erde gefroren. Noch jetzt schüttelt mich ein Grauen, wenn ich daran denke, wie wir die Körper unserer armen Verstorbenen in die Grube geworfen haben; voller Hast, in beständiger Furcht, entdeckt und aufgescheucht zu werden. Wie Tiere mußten wir sie verscharren, kaum, daß wir uns Zeit nehmen konnten, ein kurzes Gebet zu sprechen. Ich konnte nicht beten, ich konnte nur mit den Zähnen knirschen und die erstarrten Hände ballen in ohnmächtiger Wut aus die, welche uns so elend gemacht hatten. Beim Morgengrauen wandelten wir weiter bis zum Abend. Des Nachts rasteten wir aus freiem Felde trotz der strengen Kälte, weil uns kein Ort Unterkunft gewähren durste, undweitere sieben solcher Tage stehen meinen armen Leidensgenossen noch bevor. Wenn wir wenigstens unbelästigt hätten wandern können! Aber wie oft wurden wir von vorübergehenden Kosakentrupps beschimpft, angespien, ja sogar mißhandelt! Auch meine arme Mutter, die infolge ihrer Schwäche immer unter den Nachzüglern war, hatte viel von ihnen zu leiden. Sie wünschte sich selbst den Tod, und ich hoffte längst nicht mehr, daß sie die Reise überstehen würde. Wie dankbar bin ich Ihnen, daß ihr doch wenigstens ein ruhiges Sterben vergönnt war. (Pause, man sieht Lea die mühsam unterdrückte Bewegung an.) Sarah: Armes Kind, was mußten Sie leiden! Jetzt aber kommen Sie mit mir, Sie müssen sich unbedingt jetzt niederlegen! Lea: Wer wird bei meiner Mutter Wache halten? Elias (zu David): Gehe einmal zu Samuel Bärenthal hinüber, der wird mit seinen fünf Söhnen kommen, und zu Rüben Beitel, der hat einen Sohn, dann haben wir einen Minjan beisammen. (David ab.) Lea (dem Ehepaar die Hand reichend): Möge Gott Ihnen vergelten, was Sie an mir tun, ich kann es nicht! Elias: Ja, Kind, Gott möge uns Helsen! Sonst sind wir verloren. Ichfürchte, auch uns steht hier noch Schlimmes bevor. (Sarah geht mit Lea durch die Küchentür ab. Elias, allein geblieben, geht in sorgenvollein Sinnen auf und ab.). Sarah (nach einigen Minuten wieder «intretend): Das arme Ding! . Wenn sie nur bald einschlasen könnte nach all der Aufregung! — Und die anderen, die weitergegangen sind? Was müssen die Aermsten durchmachen! Ob es uns auch so gehen wird? (Elias zuckt mit den Achseln, beide sitzen mit sorgenvollen Mienen schweigend da. Sarah sänigt schließlich an, leise zu weinen, Elias legt ihr die Hand beschwichtigend aus die Schulter mit den Worten): Gott hat uns bis hierher geholfen, und er wird weiter helfen. (Man hört außen Schritte.) Da sind sie schon. (In diesem Augenblick tritt David mit zwei älteren und sechs jüngeren männlichen Personen ein, unter letzteren Knaben von 13 bis 15 Jahren. Elias schließt sich ihnen nach kurzem Gruße an, und alle zehn Männer verlassen das Zimmer durch die Küchentür, um sich ins, Sterbezimmer zu begeben. Sarah sieht ihnen, traurig mit dem Kopse nickend, nach. Der Vorhang fällt.) II. Akt. (Freitagabend. Auf dem Tisch brennen zw>ei Lichter. Loa ordnet einiges am Tische. Zuerst ist Lea allein, dann tritt David in Uniform einh Lea (auf ihn zueilend): David, wie werden sich die Eltern freuen! David: Und du nicht? Lea: Wie kannst du das erst fragen? David: Mutter habe ich in der Küche begrüßt. Vater ist wohl noch in der Synagoge? — Wie gemütlich es hier ist! Wochenlang hatte ich mich danach gesehnt, wieder einen Freitagabend in eurer Mitte zuzubringen. Lea: So hast du endlich Urlaub bekommen? David: Ja, es war Zeit, (sich dehnend) wieder einmal Mensch auf ein paar Stunden. — Wie wohl das tut! Lea: Habt ihr es immer noch so schlecht trotz eurer Beschwerde? Davi d: Wir hatten die Beschwerde erst gar nicht abgesandt. Der Kommandierende soll der schlimmste Judenfeind sein von allen. Juden und Hunde, das ist für ihn ein und dasselbe. Die Offiziere richten sich natürlich, nach ihm. Das Soldatenleben an sich würde mir gar nicht mißfallen. Ich hatte in der ersten Zeit meinen Dienst besser ausgeübt als viele andere. Aber nie gab es eine Anerkennung, desto mehr rohe Schimpsworte und Fußtritte für den Judenlümmel bei dem kleinsten Versehen. Der dümmste Bauernbursche wird besser behandelt. Will man auf diese Weise Liebe und Begeisterung für 'das Vaterland in uns wecken? — Doch, sprechen wir nicht mehr davon! Wie geht es bei euch? Ist etwas Neues vorgefallen? Lea: Nichts — oder doch, etwas — worüber du dich freuen wirst. Deine Eltern wissen — David: Daß wir heimlich verlobt? Und sind einverstanden? Lea: Ja.