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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-01-21 · Heft 2 (21.1.1921) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 2 (21.1.1921)
Date
1921-01-21
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
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21 und der Kraft, des Bewußtseins und des Geistes, von der Ursache der Welt und dem Dasein eines Gottes zu untersuchen. Er bekämpft dabei scharf einerseits den Materialismus der schulmäßigen Naturwissenschaften, andererseits den Scholastizismus der Schulphilosophie. Er huldigt einem philosophischen Idealismus oder genauer gesagt, einem Realidealismus. Er will denen, die zu den Höhen des Ideals und der Gotteserkenntnis aus naturwissenschaftlich philosophischem Wege gelangen wollen, als Führer dienen. Zunächst werden die wichtigsten Probleme der Physik und anderer Erfahrungswissenschasten, zu denen auch? die Probleme der Hypnose und der Suggestion, des räumlichen und zeitlichen Hellsehens, des MediumiSmus gehören, von der Tiefe aus ausgerollt, um hfle Unhaltbarkeit der materiälistisch»-mechanistischen Weltanschauung .darzulegen. Mt einer erstaunlichen Verwertung des gewaltigen Ouellenmaterials übt der Verfasser dann Kritik an den Systemen und Methoden der klassischen Philosophen und ihrer Schulen von Platon bis Schopenhauer — Kant und die Kantianer kommen dabei am schlechtesten weg — und pflichtet hierbei der Auslassung Schopenhauers, „daß die Herrschaft der Scholastik von Augustin bis dicht zum Auftreten Kants mit seiner Dernunftkritik gedauert habe", unter dem Zusatz bei, daß er diese Herrschaft um 138 Jahre verlängert. Die Scholastik, die Wortweisheit, die willkürliche Begriffsbildung haben sich als Weltweisheit ausgegeben. Keines der Systeme ist einwandfrei. Der Verfasser begeht darum eine „philosophische Sezession" in Form und Inhalt seiner Darlegungen. Unter Verzicht aus unmögliche Definitionen geht ■ der Verfasser dann zur Darlegung seines Weltbildes über, des Weltbildes, wie es ihm erfaßbar und darum annehmbar erscheint. Die Ursache alles Seins ist die Kraft, die uns durch ein unmittelbares „Schauen" in das eigene Innere als Geist schlechthin, losgelöst von Raum und Sinnlichkeit erscheint. Diese geistige Kraft, die nicht mit Maffe oder Stoff zu vergleichen ist, ist wirklich und wirkt; sie ist das Leben. Dynamozoismns ist dem Verfasser die Grundlage alles Seins unserer Welt, die ihrerseits nur eine Erscheinung ist. An der Spitze der Darlegung seines eigenen Weltbildes stehen die Worte des Upanishads: „Als Blendwerk die Natur erkenne, als den Zauberer den höchsten Gott." Ist auch die Welt nur eine Erscheinung, so liegen doch chren Einzeldingen die Kraft, KraftindividuaMäten, als Seiendes zugrunde. Die Kraft «ist beseelt, mit Bewußtsein, Denken, Wollen, Wcchrnohmen auSgestattet. Die Einzeldinge der Welt sind durch den Millen der mit höchster Vernunft und Macht ausgestatteten göttlichen Kraft, durch den Willen Gottes, geworden. Mit vollem Belwußtsein setzt der Verfasser hier dem menschlichen Erkenntnisvermögen eine Grenze. Ueber das wahre Wesen der höchsten Kraft, über das Ziel ihrer Willensschöpfung ist uns logisches Erfassen und Aussage versperrt. Das einzige Wissen, das wir haben, die matllesis, ist: 1. daß die Welt mit den Einzeldingen in ihr, wenn ihr auch ein Seiendes, die Kraft, zugrunde liegt, an sich nicht so ist, wie sie uns erscheint, daß sie etwas Ideales ist; 2. daß die Grundlage, die erste Ursache der Welt, etwas Metaphysisches, Metamechanisches, etwas anderes als Stoffliches. Totes, Mechanisches, Unbewußtes, Unvernünftiges ist. Diese Gewißheit ist für den Verfasser gleich der Gewißheit eines geometrischen Axioms. Abgesehen von dieser Gewißheit sind wir mit Unwissenheit (amathia) über die letzten Fragen gebunden. Mathesis kai amathia - Mathek a mathie ist so die letzte Folgerung des Systems. Die Ziele des Werkes, das auf 43 Seiten ein genaues Autoren- und Titelverzeichnis sowie ausführliche Literaturangaben enthält, sind hier kurz gezeichnet, aber nur eine eingehende Beschäftigung mit dem Werke kann den Reichtum des verarbeiteten Stoffes und das ringende Streben nach Erkenntnis, die das Werk enthält, zum Bewußtsein bringen. Es wird manchen Leser verblüffen, diese geistvolle, off satirisch und auch witzig geführte philosophische Umwertung zu verfolgen. Es wird aber mehr noch anregend und befruchtend wirken, zu sehen, wie in einer Zeit neuen Beginnens in der Lebenssühvung und in der Weltanschauung ehrlich geprüft und gesichtet, niedergerissen und aufgebaut wird. Kogrvm und Krieg. LE Schauspiel in fünf Akten. (1. Forts.) Von Meta Opet-Fuß (Breslau). Aufführungsrecht Vorbehalten. Nochdruck verboten. ea: Sie wissen noch nicht -einmal, wer 'ich bin, und bieten mir so sreundlich> Ihr Haus an. Wie soll ich Ihnen danken? Sarah: Lassen Sie das nur, es geschieht gern! David: Wenn wir Inden uns nicht gegenseitig helfen würden, dann gäbe es schon längst keine Inden mehr. (Bietet ihr Zeinen Stuhl an, sie setzt sich, während auch die anderen Platz nehmen.) Elias: Sie kommen wohl von weit her, Fräulein? Lea: Ich heiße Lea Grünzweig. Mein Heimatsort ist ein kleines Dorf nahe bei Skierniewice, wo mein Vater eine große Fabrik hatte. Er war ein Deutscher und daher wurde auch ich in deutscher Weise erzogen. Als er starb, hinterließ er uns ein Vermögen, das für die Mutter und mich zum Unterhalt ausreichte, und wir zogen in die Stadt selbst, weil mir die Mutter dort durch gute Lehrer einen besseren Unterricht zuteil werden lassen konnte. So lebten wir beide sorgenlos und glücklich bis zum Ausbruch des Krieges. Elias: Und dann? Lea: Dann begann unser Unglück. Wie ein Blitz aus ' heiterem Himmel traf es uns, als die Kosaken, die wir ferne glaubten, plötzlich in unser Städtchen einfielen, auf dessen zahlreiche Juden sie es in erster Reihe abgesehen hatten. Wie sie gehaust, das läßt sich gar nicht beschreiben. Ich könnte tagelang davon erzählen. Das waren keine Menschen mehr, das waren Bestien. Meinen Verwandten haben sie das Haus über dem Kopfe angezündet. Sie sollen sich zwar gerettet haben. Aber ich glaube es nicht, denn ich habe sie nicht wieder gesehen. Und meine beiden liebsten Freundinnen haben sie mir hingemordet. Die eine war die Tochter eines hochangesehenen Kaufmanns. Zwei Offiziere drangen, in dessen Haus. Sie wehrte sich. Ihr Vater eilte hinzu, um sie zu schützen. Da erstachen sie erst den Vater und dann die Tochter, nachdem sie ihr die fürchterlichsten Mißhandlungen zugefügt hatten. Die andere ist als eine Heldin gefallen. Ihr Bräutigam war ahnungslos kurz nach dem Eintreffen der Kosaken auf seinem Fahrrade angekommen, um sie zu besuchen. Weil dieses Rad zufällig eine deutsche Fabrikmarke trug, wurde er des Landesverrats angeklagt, in einen Sack gesteckt und vor ihren Augen lebendig begraben, und nicht genug, jüdische Soldaten wurden gezwungen, die teuflische Handlung an ihrem Glaubensbruder zu vollziehen. (David! ist bei ihren letzten Worten aufgestanden und geht erregt auf und ab, er scheint wiederholt, sie unterbrechen zu« wollen, schweigt aber.) Meine Freundin beschwor die entmenschten Kosaken, ihr den Bräutigam nicht auf diese entsetzliche Art zu rauben — umsonst. Da — die Verzweiflung verlieh ihr Riesenkräfte — streckte sie den Führer der Bande mit einer Axt zu Boden. Unmittelbar darauf wurde sie erschossen.

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