Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 2 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
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20 aus der Erde steigen; ein alter Mann ist unter ihnen mit langem, wallendem Gewände!" Jetzt besinnt die suggestive Macht auf Saul zu wirken, und auch er hat seine Wunsch- Vision: Samuel. Er erkennt den Hierarchen, spricht ihn an, und in einer Art von Hypnose ringen sich nun all die verdrängten Pshchismen an die Oberfläche, tritt das Unterbewußte über die Schwelle des Bewußtseins. Die bisher gewaltsam unterdrückte Erkenntnis der eigenen Schwäche, die als böser Geist sein Leben untergrub, liegt offen vor seinem entsetzten Blick, der mühsam aufrechterhaltene Schein des Herrschertums versinkt, und Saul sieht zum erstenmal in seinem Leben sein wirkliches Ich. Nicht Jonathan, nicht das Volk, nicht David, die er bisher als Ursachen seines Unglücks sich vortäuschte, klagt die Stimme Samuels an, sondern nur ihm, dem König, gilt der Vorwurf; und jetzt, da alle Vorwände und Hemmungen schwinden, sieht Saul auch das Ende vor sich, den nahen Tod, an den er, die Augen gewaltsam schließend, noch immer nicht geglaubt hatte. Das Ende der Hypnose bildet ein ohnmachtsähnlicher Schlaf, aus dem Saul sich kaum wieder zur Besinnung zurückfindet. Er wird von seinen Dienern gelabt und kann die Höhle verlassen. Saul ist geheilt. Aber zu lange hat die Krankheit seine Seele gefangen gehalten; die nun befreite findet sich in der Welt nicht mehr zurecht, und bald lesen wir von Sauls Tod. Während seine Söhne an der Spitze ihrer Truppen im Kampfe fallen, flieht er selbst; die Feinde holen ihn ein, und aus Furcht vor qualvoller Gefangenschaft legt er Hand an sich selbst. Suchen wir. zu einem psychiatrischen Gesamtbilde zu kommen, so sehen wir einen psychisch nicht Vollwertigen an einen Platz gestellt, den er von vornherein nicht auszufüllen vermag. Das negativ betonte Gefühl eigener Schwäche ist, da gewaltsam unterdrückt, der Ursprung einer reaktiven Psychose mit ausgesprochen querulatorischen Zügen, die wir als Abwehrmechanismen gegen die drängend unterbewußte Selbsterkenntnis anzusprechen haben. Das Leiden führt allmählich zu einem Zustande affektiver Geistesschwäche. In einer hypnotischen Ekstase tritt eine Art von Lysis, von psycho-analytischer Klärung ein, die aber bei der langen Dauer der Krankheit eine restitutio all integrum nicht mehr zu bewirken vermag. Das Ende des seelisch Entwurzelten ist der Selbstmord. Das Psychiatrische Urteil über die Persönlichkeit Sauls steht in keinem oder doch nur in einem scheinbaren Widerspruch zu dem historischen; Grätz, der verdienstvolle, feinsinnige Interpret biblischer Geschichte, rühmt Saul als den Begründer der strategischen Macht Israels. Wir können dem Kranken diesen Ruhm um so eher gönnen, als er ihm ja auch von seinen Zeitgenossen neidlos gezollt wurde; man erinnere sich des Denkmals, das, uere pereuuius, David seinem königlichen Herrn in seinem tönenden Trauerliede setzte. Die Anerkennung der organisatorischen Verdienste Sauls vermochte jedoch auch bei seinen Untertanen die schwere Enttäuschung nicht zu bannen, die sein Königtum in ihnen auslöste; der Nachwelt blieb es Vorbehalten. Sauls Herrschaft als den Dornenweg anzusprechen, der zu Davids heroischer und Salomos kultureller Höhe führte. Von Menschlichem und Göttlichem". Bon Rabbiner Dr. S. Levi (Mainz). ^^on Menschlichem und Göttlichem" nennt Dr. Max Mechanik sein zweibändiges Werk, das als eine Neubearbeitung feiner im Jahre 1909 erschienenen „Marsiana" das Resultat i) „Von Menschlichem und Göttlichem", ein Versuch, die wichtigsten Welt- und Menschheitsfragen zu beantworten. Von Dr. Max Möchanik. B. Vehrs Verlag (Friedrich Fedderfen), Berlin und Leipzig 1920. 8°. Bd I 376 Seiten, Bd. H 496 Seiten. mehr als zwanzigjähriger Gedankenarbeit darstellt. Im ersten Teil, „Von Menschlichem", nimmt der Verfasser Stellung zu den Praktiken der menschlichen Daseinsformen und Lebensansichten und unternimmt den Nachweis, daß man die Fragen nach „Nützlich" und „Schädlich", nach „Gut" und „Uebel", nach „Schön" und „Häßlich" ebensowohl mit Nein (me) als mit Ja (nai) beantworten könne, daß es bei der Wertung der Dinge und Verhältnisse bei dem Standpunkt der M e n a i - ologie fein Bewenden haben müsse, d. h. daß in diesen Fragen der Sine Standpunkt ebenso berechtigt ist wie der entgegengesetzte. Er begründet die Auffassung, daß in der moralischen Welt ebenso wie in der physischen immer das, was auf der einen Seite gewonnen wird, auf der anderen Seite verloren geht, daß an sich alles im Gleichgeivicht und Gleichivert bleibt, und nennt diese Auffassung das soziologische Aequivalenzprinzip. An der Meinungsverschiedenheit der Menschen, betreffend das Nützliche, das Gute und Schöne, seien zum größeren Teil ererbte Psychische Komponenten, zum kleineren Teil die Erziehung und das Interesse schuld. Er bestreitet, daß es ein Gutes und Schönes an sich, ein Gutes und Schönes von dauernder, allgemeiner und notwendiger Wertung gebe. Er legt dar, daß vielmehr die ethischen und ästhetischen Gefühle des Menschen ein Produkt der Vererbung, der Entwicklung seien, deren letzter Grund nicht materiell mechanischer, sondern Metaphysischer Natur sei, daß diese Gefühle durch einen zielbewußten Willen der Natur in die menschliche Psyche gelegt wurden. Der Standpunkt der Menaiologie hindert aber den Verfasser nicht, vom Standpunkt der Norm aus. die er als den Ausdruck der in der zielstrebigen Natur in Erscheinung tretenden Lebens- und Entwicklungstendenzen ansieht, manche Lehre und Meinung als nicht normal, als naturwidrig, krankhaft zu erklären, auf dem Gebiete des Guten z. B. die Lehren Stirners und Nietzsches, auf dem Gebiete des Schönen die Lehren der Vertreter des heutigen Expressionismus. In einem auf bewundernswert reichem Ouellenmaterial der Geschichte, Naturwissenschaft und Soziologie aufgebauten Disput vertreten die beiden fiktiven Wortführer Cajus und Sempronius das Ja und Nein in zahlreichen Fragen der Politik. Wirtschaftslehre, Kultur, Religion, Lebensbewertung und Lebensführung. Im Disput über den Wert der Religion und der Kirchen nimmt der Verfasser auch Gelegenheit, das Für und Gegen in der Bewertung des Judentums auseinanderzusetzen. Wir können zwar nicht jede Bemerkung in diesen Ausführungen als berechtigt anerkennen, wie z. B. (S. 196) in der Behauptung des Cajus: „Das reformierte Judentum tut so gut wie nichts, um diese ästhetischen Fehler seiner Bekenner zu beseitigen", oder wenn selbst der Verneiner von den Juden sagt: ".Sie haben aber während dieser Zeit einen religiösen Starrsinn bekundet, wie er in der Religionsgeschichte selten seinesgleichen findet." (S. 193.) Dem Verfasser sind wohl die unermüdlichen Kämpfe aller Richtungen und Organisationen des Judentums gegen Protzerei und Aufwand seiner Bekenner nicht -bekannt, und der „Starrsinn" der Indes, muhte auch in den Augen des Casus als immerhin subjektiver Idealismus und als eine sittliche Norm, die keinem anderen als dem Juden selber ein Opfer auserlegt, weniger verurteilungswürdig erscheinen. Trotzdem bietet dieser Disput zahlreiche anregende Gedanken, und der Gegenüberstellung von Ja und Nein ist das Bemühen um Sachlichkeit nicht abzufprechen. Im zweiten Teil seines Werkes, „Von Göttlichem", geht der Verfasser daran, die letzten, überirdischen Fragen, die metaphysischen Rätsel vom Wesen der Zeit und des Raumes,.der Ewigkeit und Unendlichkeit, vom Wesen der Dinge, des Stoffes