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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-01-21 · Heft 2 (21.1.1921) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 2 (21.1.1921)
Date
1921-01-21
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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19 allem wiederfinden, was Saul gegen sein eigentliches Ich unter dem Zwange des äußeren Lebens unternimmt. Die Bibel schildert uns in erschütternder Kürze ein Hauptsynrptom der tiefen Depression: das Schweigen. Die Seele, völlig mit der Verarbeitung schwerer Psychischer Objekte beschäftigt, vermag nicht in lebendigen Verkehr mit der Umwelt zu treten. Die treuen Diener empfehlen dem Kranken Zerstreuung, milde Musik, jugendliche Gesellschaft, und Saul nimmt diesen wohlgemeinten Rat an — ein letzter Rest von Krankheitseinsicht. David kommt an den Königshof, und für wenige kurze Stunden vermag sein Saitenspiel im Herzen des Kranken wieder Helle zu erwecken und dem gesamten Affekt ein Rinnsal zu graben. Aber allmählich hat das Leiden Sauls weitere Fortschritte gemacht. Das Denken, das bisher, wenn auch ohne besondere Tiefe, so doch formal richtig war, beginnt in krankhaftem Maße von der schweren negativen Gesühlsnote, die vorherrscht, beeinflußt zu werden. Der König gerät völlig in den Bann von Stimmungen, die sich um die verneinende Affektbetonung gruppieren: Mißtrauen, Scheelsucht, Egoismus und Engherzigkeit . . . Ein ^erster elementarer Wutausbruch leitet äußerlich den psychischen Verfall ein: Saul rast im Palast. Am Tage darauf ist der Zustand der Verwirrtheit abgeklungen, um einem zielstrebigeren, aber darum nicht weniger gewalttätigen Handeln Platz zu machen: Saul schleudert die Lanze gegen David, die zum Glück ihr Ziel verfehlt. Es beginnt nun der fürchterliche Leidenspfad des hassenden Geisteskranken, dem vor seiner eigenen Tat graut, der, dauernd zweifelnd und verzweifelnd, sich selbst zerfleischt. Saul ernennt David, den er fürchtet, zum Heerführer über eine beträchtliche Streitmacht, er gibt ihm, den er haßt, seine Tochter zum Weibe — lauter Handlungen voll inneren Widerspruches, die das Wirrsal widerspiegeln, das in der Seele des Königs herrscht. Daneben läßt er durch seine Kreaturen Davids Sinnesart ausspüren, der zwar die verschrobenen und angstgepeitschten Intrigen seines Königs nicht versteht, aber herzlich gern dreinschlägt, wenn es auf Befehl Sauls gegen seine alten Feinde, die Philister, gehen soll. Im Zustande qualvoller Beängstigungen begeht der Gemütskranke eine neue Triebhandlung. Ein zweites Mal schleudert er seinen Speer gegen den ahnungslosen Meister der Leier und des Schwertes, obwohl er noch am Tage vorher mit heiligen Eiden es sich und feinem Sohn geschworen hatte, Davids Blut nicht zu vergießen. Wir sehen den König immer tiefer sich ins Netz der Psychose verstricken. Die ethischen Hemmungen des Eides haben ihre Wirkung verloren, das gesamte Denk- und Willensleben Sauls spiegelt sich unter dem einen Gesichtswinkel ab: David zu vernichten. Allmählich schwindet auch der Rest , rationaler, Erfassung der Sachlage: die Psyche, die früher noch nach Gründen oder wenigstens nach Scheingründen für ihre gefühlsmäßige Konstellation suchte, ist jetzt völlig «füllt von dem Strebungsinhalt, der für ordnende und sichtende Nebenvorstellungen keinen Raum mehr läßt. Nebckn der Entwicklung der Krankheit, die die Bibel, uns nur kurz andeutet, schreitet die äußere Handlung unentwegt fort. Saul will seinen Schwiegersohn im Ehegemach erschlagen lassen, der Anschlag mißlingt. David flüchtet zum Hierarchen. Aber selbst die prophetisch verklärte Figur Samuels bedeutet für Sauls Verblendung kein Hemmnis mehr. Er will, da seine Schergen zurückschrecken, selbst die Bluttat an David verüben, den er inmitten eines Korybantenschwarmes von gottcrfüllten Prophetenjüngern des Weges ziehen sieht. Aber da bricht die schwer alterierte Seele des Königs zusammen, die psychische Infektion der mänadischen Horde übt eine fürchterliche Wirkung aus; ein Anfall von Tobsucht, schlimmer als alle bisherigen, wirft ihn zu Boden, er zerreißt seine Kleider und liegt einen Tag und eine Nacht in schwerem deliranten ParoxysmuS. David muß, um fein Leben zu retten, flüchten. Er gelangt in das Gebiet der Philister und wird von seinen alten Feinden erkannt. Da stellt er sich wahnsinnig, er kritzelt auf die Türen und läßt den Speichel in den Bart laufen. Die List hat den gewünschten Erfolg; der Philisterkönig jagt den vermeintlichen Geisteskranken davon. Es mutet uns wie eine Shakespearesche Idee an: — dort Saul mit der tatsächlichen Psychischen Erkrankung, hier David, der sich irre stellt. Wer dächte da nicht an Lear und Hamlet? Sicherlich hat' die Bibel nicht ohne Absicht diese Gegenüberstellung vorgenommen, ihr Leitgedanke liegt ja auch deutlich genug zutage. Wer sich mit der Schilderung oder Ergründung krankhafter Geisteszustände abgibt, wird es bald als eine Hauptaufgabe betrachten, den wirklich Geisteskranken vom Simulanten zu scheiden, den Dersteller womöglich zu entlarven oder, wenn dies nicht seiner Forscherabsicht entspricht, zu zeigen, wie unsicher und schwer erkennbar oft die Grenzen zwischen seelischer Gesundheit und Krankheit sind. Wir können also die kurze Erzählung von Davids List als einen neuen Beweis für die hervorragende psychologische Reife der Bibel ansprechen, die schon damals das Problem der Differentialdiagnostik als solches empfunden hat. Kehren wir zu Saul zurück! Der König hat sich zwar von seinem deliranten Anfall erholt, aber der Insult hat schwere Defekte hinterlassen; wir sehen nunmehr einen völlig Siechen vor uns. Während Davids Handlungen sich aus immer breiterer Basis aufbauen, seine Macht durch Anlehnung an das Volk einen gesunden, allgemeinen Charakter gewinnt, sinkt Saul immer mehr zum hilflosen Krakehler und Lärmmacher herab. Beim Mahl beschimpft er vor versammeltem Hofstaat seine Familieuehre, verunglimpft ohne Selbsterkenntnis sich selbst und verübt endlich sogar einen Mordanschlag gegen den eigenen Sohn. Hochtönende Friedensbeteuerungen David gegenüber wechseln mit öden Verunglimpfungen des jungen Volkslieblings, dessen große soziale Leistungen er durch hämische Bosheiten vergeblich zu versteinern sucht. Das Geschenk des eigenen Lebens nimmt er aus der Hand seines großmütigen Widersachers mehrmals entgegen, ohne eine Spur wirllicher Ergriffenheit. Immer wieder wendet er den eingeengten Blick auf das eine Ziel: die Vernichtung Davids. Unterdessen brechen Feinde ins Land ein. Aber der König kehrt die Schärfe seines Schwertes gegen die eigenen Untertanen; anstatt gegen die Philister zu kämpfen, läßt er ein hochnotpeinliches HalSgericht über eine Stadt abhalten, die David gegenüber ihr Asylrecht ausgeübt hat. Sowohl die Gerichtsverhandlung, in der die zähneknirschende Erbitterung des königlichen Anstägers den Rechtsgrund vertritt, als auch die verhängte Strafe, nämlich „Tod für Mensch und Vieh der ganzen Stadt", zeigen den völligen psychischen Verfall Sauls. In seiner inneren und äußeren Not wendet sich der König der Magie, der schwarzen Kunst, zu. Er, der ftüher alle Totenbeschwörer aus dem Lande verbannt hatte, sucht die Hexe von Endor auf, um den Geist des verstorbenen Hierarchen Samuel zu zitieren, um mit ihm, der ihn im Leben oft genug zurechtgewiesen, eine letzte Rücksprache zu nehmen. Folgen wir dem König zur Wahrsagerin! Er hat, wie es einem Adepten zukommt, gefastet und eilt verhüllten Hauptes im Dunkel der Nacht zur Höhle der Hexe. Alles trägt den Charakter des Ungewöhnlichen und übt eine stark suggestive Wirkung auf die hilfesuchende Psyche Sauls auf. Die Nekromantin weigert sich anfangs, ihre Kunst auszuüben, sie fürchtet die Todesstrafe. Saul dringt in sie; sie gibt endlich nach, und der Zauber beginnt. Die Dünste des Zauberfeuers steigen, und die Hexe gerät in ekstatische Verzückung: „Ich sehe Richter

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