Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 2 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229484--76102-3288665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
18 Um so mehr müßte das ehrliche, aufopferungsvolle Streben aller Gutgesinnten die werktätigste Förderung der unter besseren Daseinsbedingungen lebenden Judenheit der Westländer finden. Mit Genugtuung dürfen wir in dieser Hinsicht auf sehr verheißungsvolle Anfänge verweisen. Ohne an dieser Stelle näher auf das große, noch immer fortdauernde Rettungswerk der amerikanischen Juden für die notleidende jüdische Bevölkerung im Osten einzugehen, fei hier aus den sehr erfreulichen Erfolg einer von Galizien aus mit zielbewußter Energie unternommenen Aktion hingewiesen, die ausschließlich die Fürsorge für die verlassenen jüdischen Kinder im Auge behält. Erschreckend ist der Hintergrund, von dem sich diese Aktion abhebt. Für wen es Interesse hat, der höre und merke es sich, sofern seine menschlichen und Stammesgefühle durch den Werdegang der letzten Jahre nicht abgestumpft worden sind. In Ostgalizien allein gibt es heute ungefähr 14 000 jüdische Kriegswaisen, Kinder, denen ihre Eltern und Ernährer im Laufe der letzten sechs Jahre unmittelbar oder mittelbar als Opfer des Krieges entrissen wurden. Die einen fielen als Soldaten auf dem Felde der Ehre, die anderen gingen massenweise an Cholera, Flecktyphus und anderen Seuchen zugrunde, unzählige jedoch starben den Märtyrertod gelegentlich der von verschiedener Seite und in verschiedenen Zeitabschnitten veranstalteten Pogrome. Ich möchte nicht weiter schildern, aber muß doch -an den Nerven unserer Leser rütteln und sie daran erinnern, daß im Laufe der letzten zwei Jahre in der russischen Ukraine rund 140 000 Juden ins Jenseits hinübergeschasft worden find. Daß dort Tausende und aber Tausende jüdischer Kinder nackt und hungrig herumirren, -manche von ihnen in diesem zarten Alter infolge der -ausgestandenen Schrecknisse irrsinnig wurden. Nun gilt es mit einem Worte, möglichst viele dieser unglücklichen Geschöpfe vor dem physischen und moralischen Untergang zu bewahren, sie zu braven Menschen und zu guten Juden zu erziehen. Di-e staatliche Hilfe ist minimal; was von feiten der galizischen Judenschaft geschehen konnte, ist zum großen Teile geschehen. Eine Anzahl von Waisenhäusern und Tagesasylen, die leider während der letzten Bolschewikeninvasion stärk in Mitleidenschaft gezogen wurden, beherbergt einen kleinen Teil der verlassenen Kinder. In letzter Zeit hat das amerikanische Joint Distribution Committee eine Organisation geschaffen, dank der etwa 3000 Waisen auf Kosten der amerikanischen Juden bei jüdischen* Pflegeeltern untergebracht werden sollen. Abgesehen davon hat nun die jüdische Frauenorganisation für Ostgalizien, an' deren Spitze die unermüdliche, durch seltene Tatkraft hervorragende Staatsbahnratsgattin Frau Rosa Melzer tätig ist, eine Aktion eingeleitet, die, gehörig fortgesetzt und in bisherigem Ausmaße gefördert, die Waiscnfürsorge um ein beträchtliches Stadium vorwärtszubringen vermöchte. Frau Melzer, die nahezu seil Kriegsbeginn im Vordergründe der jüdischsozialen Frauenarbeit weit über die Gemarkung der ostgalizifchen Hauptstadt steht, hat weder Mühe noch Opfer gescheut, um die große jüdische Oeffentlichkeit für die große Sache anzurufen. Im Herbst des vorletzten Jahres, zu einer Zeit, da eine Reise ins Ausland mit Gefahren und -unsäglichen Schwierigkeiten verbunden war, hat sie den Weg zu den Herzen der westlichen Brüder gesucht und gefunden. Nahezu ein halbes Jahr währte die Reise, und alle diejenigen unter uns, die dem Beginnen der wackeren Dame, der vom Vereinsausschuß Frau Flora Rotfeld Gefolgschaft leistete, einigermaßen skeptisch gegenüberstanden, sind durch den schönen Erfolg auf das angenehmste überrascht worden. Frau Melzer hat auf ihrem Wege nach einem kurzen Aufenthalt in Wien die Schweiz, Frankreich, England, Holland und Belgien, auf der Rückreise nochmals Paris besucht und dank ihrer einnehmenden Individualität und ausgezeichneten, auf streng sachlichen Darlegungen fußenden Beredsamkeit die werktätigsten Sympathien der maßgebenden Persönlichkeiten erworben. Wenn auch hier und da der Anfang nicht allzu leicht gewesen sein mag, die lebendigen, von innerstem Fühlen getragenen Schilderungen der Sendbötin, der die glänzende Beherrschung der französischen Sprache zustatten kam, konnten ihre Wirkung nicht verfehlen. Besonders ersteulich waren die Resultate in Paris und London, wo dem Werk ebenso wie in den übrigen größeren Gemeinden (Zürich, Luzern, Brüssel, Antwerpen) in erster Reihe seitens der Rabbiner aller Richtungen, wie nicht minder seitens der Repräsentanten der großen jüdischen Hilfsorganisationen und der jüdischen Frauenvereine wärmste Förderung zuteil wurde. Besonderer Dank gebührt der durch ihren Wohltätigkeitssinn bekannten Familie Rosental in Paris, in deren Salons unter der Patronanz des GranD-Rabbin von Frankreich nach einem eingehenden Referat der Frau Melzer ein ständiges Hilfskomitee für die jüdischen Kriegswaisen im Osten ins Leben gerufen wurde. Ein ähnliches Komitee bildete sich in London dank der Initiative der Präsidentin des angesehensten jüdischen Frauenvereins, Lady Swaythling, gefördert von Chief Rabbi $r.. Herz, Oberrabbiner Dr. G a ft e r und Sir Stuart Samuels. Frau Rotfeld hat auf einer Extratour mehrere Gemeinden in Skandinavien besucht und dort durch Die Fürsprache des Oberrabbiners von Stockholm. Dr. Ehrenpreis, einen dankenswerten finanziellen Erfolg erzielt. Nach ihrer Rückkehr nach Lemberg hat Frau Melzer mit dem hier bereits bestehenden Zentralkomitee für jüdische Kriegswaifen Fühlung genommen und die als Erfolg ihrer Reise allmählich einfließenden Gelder, unter denen sich auch eine sehr ansehnliche Subvention des Barons Rothschild in Paris befindet, zur Errichtung neuer bzw. Förderung schon bestehender Waisenhäuser, Tagesheimstätten, Haushaltungs- und Handwerkskurse, landwirtschaftlicher Farmen u. dgl. bestimmt. Diese Aktion ermöglichte es auch dem Jüdischen Frauenverein in Lemberg, den vor zwei Jahren mit geringen Mitteln in 'Angriff genommenen Bau eines Internats für verwaiste Mädchen im Rahmen eines Vereins- Hauses zu Ende zu führen. Frau Melzer, die ein so wertvolles Stück Arbeit geleistet, glaubt jedoch noch lange nicht ruhen zu dürfen, sondern denkt wieder an die großen ungelösten Aufgaben, die ihrer harren, an die Kosten der Erhaltung der bestehenden Anstalten, vor allem jedoch an die vielen Kinder, die noch unversorgt dem Untergang preisgegeben sind. Sie beabsichtigt in der nächsten Zukunft neuerdings die Werbetrommel zu rühren, und diesmal ihre Schritte nach Italien, Deutschland und der Tschechoflowakei zu lenken, wo es hoffentlich nicht an gutherzigen Frauen und Männern fehlen werde, die diesen edlen Zweck nach Kräften zu fördern gewillt sein werden. Es gilt die Rettung unserer kommenden jüdischen Generation, ein Zweck, der für sich selbst spricht und der unseren Sendboten, wir wollen es hoffen, ihren mühseligen, aber dankbaren Weg wie bisher ebnen wird. H a i w r i. Mül Eine pathopsychologische Studie. Von Dr. B e r n t> t Götz (Berlin-Wittenau). (Schluß.) i-e sich entwickelnde Psychose können wir als die äußere Erscheinungsform des inneren Zwiespalts und Kampfes anfehen, in dem der Titan der Selbsterkenntnis überwunden wird, ohne dadurch seine vulkanische Kraft einzubüßen, die wir als causa movens, als fiebernd glühender Unterstrom in