Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 2 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
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17 ureigenster Zug, und er blieb sich bis zu seinem letzten Atemzug treu. Me Familie Mosenthal führte bis zum Jahre 1808 den gemeinsamen Namen Marburg. Als die Israeliten Kur- Hessens durch König Jerome veranlaßt wurden, deutsche Familiennamen anzunehmen, nannten sich die Brüder seines Großvaters Mosenthal, Rosengarten, Hahndorf und Gustorf, letztere später v. Gustorf. Der Name Marburg weist auf den Ursprung der Familie hin. Im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts lebte in Marburg der Schutzjude und Proviantmeister Hertz Isaak aus St. Goar. Nachdem in Marburg durch den Tod Abraham Fuldas eine Judenstelle frei geworden war, bat Hertz Isaak, seinem Verwandten Abraham Moses die Niederlassung daselbst zu gewähren, „da dieser in solchem Proviantwesen lange Jahre treulich serviret und sich 'dabei fleißig aufgeführet". Landgraf Karl gestattte das Wohnrecht für Marburg am 21. Oktober 1717. Mosenthals Großvater, Moses Abraham Marburg, war ein direkter Nachkomme des Genannten. Er und sein Bruder Süßmann Abraham genossen als Hofjüden beim Landgrasen Wilhelm volles Vertrauen. Sie versorgten das hessische Militär beim Feldzuge in die Champagne mit Lebensmitteln und Ausrüstungen zur vollsten Zufriedenheit ihres Landesherrn, der sie mit vielen Gnaideübeweisen bedachte. MofenthalS Vater, Herz, war Inhaber eines angesehenen Kaufhauses in Kassel; sein Sohn Salomo war das älteste -Kind aus zweiter Ehe mit Betty Weil aus Frankfurt am Main. Diese junge Frau reichte dem kinderreichen Manne die Hand zum Lebensbunde in der Hoffnung, sorgenfreie Tage zu verleben. Aber am 14. Januar 1821 brach das Verhängnis über das angesehene Handelshaus herein; es mußte seine Zahlungen einstellen. Um die Ehre des Hauses zu retten, gab die Wöchnerin dem gebeugten Manne den Familienschmuck zum Verkauf; fast reichte es, die Gläubiger zu befriedigen. Verschämte Armut weilte nun bei Mosenchals Eltern; aber die tatkräftige Mutter sorgte durch Eröffnung eines Kaufladens für Handarbeiten für ihre Familie. Zwei Faktoren waren es, die Mosenthals Erziehung beeinflußten. Bei aller Dürftigkeit pflegte man in seinem Elternhause alles Gute und Schöne. An den. Abenden wurden Gedichte gelesen, und so bereicherte sich der empfängliche Sinn des geweckten Knaben bald mit den Schätzen der Poesie. In seinem Onkel, dem Schuldirektor Dr. Büdinger, hatte -er seinen ersten Lehrer, uud als Gymnasiast war es der Dichter Dingelstädt, der die dichterischen Anlagen seines Schülers sehr beachtete und im „Salon" Mosenthals erste Gedichte bekanntgab; er vermittelte auch die Bekanntschaft mit Rückert. Nach bestandenem Abiturientenexamen zog Mosenthal nach Stuttgart, um an der dortigen Technischen Hochschule sich dem Lebensberufe als Ingenieur zu widmen. Seinen Neigungen entsprach dieser Beruf nicht, und so war er entschlossen, eine Hauslehrerstelle bei einem russischen Fürsten in Simbirsk anzunehmen. Eine glückliche Wendung in seinem Lebensschicksal vereitelte jedoch dieses Vorhaben. Auf ^einstimmige Empfehlung dreier Frankfurter Herren wurde er Erzieher beim Generalkonsul Goldschmidt in Wien, dem Vertreter des Bankhauses v. Rothschild. Für Mosenchals Entwicklung war die Uebersiedlnng nach Wien von weittragender Bedeutung. Ledig aller Sorgen ums tägliche Brot, nur seiner Pflicht lebend, konnte der Poet hier schassen, ohne durch eine äußere Sorge behindert zu sein. Ferner war es Grillparzer und sein Kreis, die fördernd auf Mosenkhal wirkten. Nach der „Allgemeinen deutschen Biographie" hat Mosenthal 18 Dramen und 20 Operntexte geschrieben, auch mehrere Bände Gedichte und einige Novellen. Die Texte zu den Opern „Die lustigen Weiber von Windsor", „Judith", „Die Fvlkunger", „Makkabäer", „Königin von Saba", „Das goldene Kreuz" sind von ihm verfaßt. Den ersten großen Erfolg gewann seine „Deborah", Volksschauspiel in vier Akten. Ein Zeitgenosse behauptet davon ohne Uebertreibung, sie sei das populärste Drama des Jahrhunderts, und nicht bloß in Deutschland, sondern fast in allen Kulturländern. Die berühmte englische Schauspielerin Bateman stellte die Heldin zu London an dreihundert aufeinanderfolgenden Abenden dar. In 15 Sprachen übersetzt, wurde sie in der Alten und Neuen Welt aufgeführt. Adelaide Ristori, Italiens berühmteste Tragödin, zog mit „Deborah" überall hin, sich und Mosenthal Rühm erwerbend. In der „Deborah" verkörperte Mosenthal die Versöhnung der religiösen Gegensätze, Duldung uud Humanität; aber auch selbstlose Ueberwindung der eigenen Leidenschaften zugunsten des Glückes des Geliebten bilden einen wesentlichen Teil. Die Vorgänge sind mit großer Anschaulichkeit und Lebendigkeit geschildert. Es ist merkwürdig, wie sehr sich Mosen chal in eine ihm ursprünglich ganz fremde Welt und Vorstellungsweife, die der katholischen Gebirgsbauern von Steiermark, eingelebt hat. Unwillkürlich denkt man an Schillers „Tell" und die Schweiz. Auch die Nebenfiguren sind trefflich erfunden. — Noch ein zweites Mal ist Mosenthal auf dramatischem Gebiete ein Wurf gelungen: „Der Sonnwendhof" 1854. Wir sehen wieder ganz einfache, klare, von sich selbst entwickelte Vorgänge. Auch hier wird eine Neigung geopfert, ein Vorurteil bekämpft und ein Unrecht gutgemacht. Der Schluß versöhnt. Allgemein wird der „Sonnwendhof" als Mosenchals beste Arbeit bezeichnet; er ist in fünf Sprachen übersetzt, darunter von Andersen ins Dänische. -- Mosenchals Gedichte haben wenig Eigentümliches und lehnen sich oft an fremde Muster. In den letzten Lebensjahren Mosenthals, als Mißerfolge auf der Bühne und heftige Angriffe der Kritik ihn sehr verstimmten, schrieb er seine „Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben". Sie enthalten reichen Stoff aus des Dichters eigenen Erlebnisscn und schildern Personen und Zustände seiner Kasseler Heimat und deren Umgebung. Die Wärme und Treue der Darstellung haben den Leserkreis der Novellen bis heute erhalten, während man kaum von „Deborah" spricht. Der in seiner Jugend mit Not kämpfende Dichter hatte in seinem Alter ein sorgenloses Dasein. Der Ertrag seiner Werke, seine Stellung als Regierungsrat, seine Erhebung in den österreichischen Adelsstand sicherten ihm einen behaglichen Lebensabend. Mosenthal erreichte nicht das biblische Alter. Am 17. Februar 1877 beendete er sein arbeitsreiches Leben und wurde wie ein Fürst zu Grabe geleitet. In seinem Nachruf sagte Dr. Jellinek: „Mosenthal war Dichter und Jude; deshalb hatte er als Dichter Verständnis für die poetischen Seiten des Judentums, für dieses große weltgeschichtliche Epos, dessen Held Israel ist." ssürlorge kür Milche Lriess- und Kogromwsilen. oweit ich aus Aeußerungen zahlreicher deutscher Juden, die ihr Soldatenberuf im Laufe der Kbiegsjahre nach Galizien geführt hat, entnehmen durfte, haben dieselben von ihrem Aufenthalt in unserer Mitte den Eindruck davongetragen, daß es hierzulande eine Anzahl wackerer jüdischer Männer und Frauen gebe, die ihr bestes Können in den Dienst der sozialen und kulturellen Hebung der durch die mehrjährigen Kriegsereignisse und Umwälzungen auf das tiefste Lebensniveau herabgedrückten jüdischen Massen gestellt haben. Unsere Brüder aus dem Westen werden sich auch überzeugt haben, wie es unter den damaligen politischen und sozialen Verhältnissen, bei dem Tiefstände der Moral in allen Schichten der Bevölkerung, bei dem mangelnden Verständnis für größere Aktionen und nicht zuletzt bei den geringen finanziellen Mitteln schwer fällt, in wenigen Jahren das nachzuholen, was jahrzehntelang vernachlässigt worden ist.