Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 2 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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wuchern des deutschen Judenhasses, der älter als der moderne j Zionismus ist, dessen eifvige-n Beken-n-ern auszubürden, ob- > gleich sie ihre Pflichten als deutsche Staatsbürger nicht minder ' als ihre Gegner erfüllen; glauben wir alle diejenigen, die nur im Verdacht jüdisch-nationaler Aspirationen stehen, mit echt „teutonischem" Haß verfolgen zu müssen, sie sogar, wie es in letzter Zeit vorgskommen ist, ohne Bedeubm ans langjährigen Ehrenämtern und Lebensbevufen verdrängen zu dürfen, dann begeben wir uns des Rechtes, uns als Juden auch nur dem Glauben nach zu nennen, liefern selbst uns als willkommene Beute dem lauernden Feinde aus, und jede weitere Abwehrtätigkeit ist überflüssig. — Doch so weit sind wir Gott sei Dank noch nicht. Das Judentum ist mächtiger als jene Pächter des von ihnen selbst geeichten und gestempelten Liberalismus, die sich aus eigener Machtvollkommenheit als seine Wortführer gebärden, sich zu Richtern über die Gesinnung anderer aufwerfen und den Lauf unserer Geschichte meistern zu dürfen und zu können glauben. Der überwiegende Teil der deutschen Judenheit, ohne Unterschied der religiösen Richtung, beginnt bereits aus seinem Dornröschenschlaf, in den man ihn künstlich hineinlullte, zu erwachen und fängt an zu begreifen, daß dem Kampf gegen den äußeren Feind der gegen den inneren vorangehen muß: der Kampf gegen die» Maximen einer falschen, trügerische Erwartungen weckenden Aufklärungsepoche, die allein so viel Unheil in unserer Mitte angerichtet haben. Noch sind diese Maximen nicht überwunden, aber schon im Abflauen begriffen. Indes können wir schon jetzt konstatieren, daß die krasse Unwissenheit in jüdischen Dingen, die länger als ein halbes Jahrhundert die große Masse der deutschen Judenheit, wahrlich nicht zu ihrem Ruhme, auszeichnete, allmählich abnimmt, und daß in allen Kreisen, auch in denen der äußersten Resormrichtung, der nur Unwissenheit, Intoleranz und Fanatismus die Zugehörigkeit zum Judentum abzusprechen wagen, das redliche Streben sich bemerkbar macht, jüdisches Wissen und jüdisches Leben zu pflegen. Als ein besonders günstiges Omen für die Zukunft möchten wir die bei unserer Jugend wiedererwachte Liebe zur hebräischen Sprache bezeichnen. Mehr Hebräisch, lautet jetzt auch die Parole unserer Lehrerschaft, und der Ruf nach der jüdischen Schule findet auch in liberalen Kreisen lauten Widerhall. Deutschlands Juden sehen endlich ein, daß sie vor lauter Rücksicht auf die Außenwelt nahe daran waren, ihre innere jüdische Welt zu zerstören. Die Einsicht kam etwas spät, aber noch nicht zu spät. Sie bedeutet einen gewaltigen Schritt vorwärts auf dem Wege zum Judentum im Sinne unserer alten Lehrer, die den Frieden in Israels Mitte als fein höchstes Gut betrachteten, als eine sichere Schutzwehr gegen den Zerfall im Innern und den Feind von außen. Wochmlchsu. Berlin, 17. Januar. lück aus zum Gemeindetag! Vielversprechende Anzeichen verkünden, daß der Ruf nach einheitlicher Zusammenfassung aller tat deutschen Judentum vorhandenen Kräfte zur Förderung der Gemetafchastsaufgaben ringsum int ganzen Reiche in den Herzen Wurzel geschlagen hat. Am kommenden Sonntag auf dem Gemeindetage möge die reiche Frucht verheißende Saat fröhlich, aufgehen! Die Erkenntnis des Gebotes der Stunde hat den Drang zur Einheit geweckt und genährt: die deutsche Judenschaft will sich der höchsten' Anerkennung würdig machen., dadurch, daß bei chren wichtigsten beteiligten Gruppen eine selten beobachtete Opferwilligkeit an den Tag gelegt wird. Wir stehen nicht an, zuzugeben, daß es von zionistischer Seite ein der großen Sache gewidmetes Entgegenkommen bedeutet, wenn sie ihren eigenen Entwurf zugunsten des vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde vorgelegten zurückgestellt hat. Daß selbst „Der Israelit" in seinem „Der Weg zum Frieden" überschriebenen jüngsten Leitartikel ,-die Hand ausstreckt, um dem nunmehr sich bildenden liberal-neutralen Deutsch-Israelitischen Gemeindeverbande eine Zusammenarbeit bis zur Grenze des praktischen Notwendigen und des prinzipiell Möglichen anzubieten", bedeutet ja gewiß noch nicht die Schließung der breiten Kluft, die die starre Orthodoxie zwischen sich und dem übrigen Judentum als vorhanden betrachtet, aber doch immerhin den Willen einer Ueberbrückung. Opferwillig zeigen sich auch die Großgemeinden, die aus dem Wunsche heraus, der Sache des Judentums und besonders ihren leistungsschwachen Schwestern zu dienen, sich zu großen materiellen und so manchem ideellen Opfer bereit finden. Auch die bereits vorhandenen öffentlich-rechtlichen Verbände jüdischer Gemeinden, seien sie seit längerer Zeit durch Staatsgesetz organisiert, seien sie auf Grund des Artikels 137 der Reichsverfassung freiwillig zusammengetreten, bezeigen ihre Sympathie und vielfach die Geneigtheit, sich, korporativ der geplanten Gesamtor'ganisation einzugliedern, sofern der Weg gefunden wird, dies ohne Verletzung ihrer eigenen Verfassung zu tun. Auch die Berufsorganisationen wünschen trotz mancher schwer erfüllbaren ideellen und materiellen Wünsche das Zustandekommen der Gesamtorganisation. Möchte das von so vielen Stellen gegebene schöne Vorbild der Verzichtleistung aus so manchen Wunsch bei ihnen Nachfolge finden. Ein weiteres Opfer wird von allen Beteiligten zu bringen sein: die freiwillige Selbstbeschränkung im Vortrag von Sonder- und Verbesserungswünschen. Es stehen leider nur so viele Stunden für die Beratung zur Verfügung, als eigentlich Tage gebraucht wenden. Wie die Dinge nun einmal liegen, heißt es die Mahnung Shakespeares befolgen: „We must obey the time." Eine geschickte Leitung, getragen von dem guten Willen aller Beteiligten, wird .auch hier den glücklichen Ausweg finden, und so schließen wir mit dem Wunsche, daß der Opfertag auch die von allen erhoffte Verwirklichung eines Herzenswunsches der Wei-testblickenden und Edelsten im deutschen Judentum bringen wird. * Der Hauptausschuß des Reichstages beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung wieder einmal mit der Ostjudenfrage: Abg. Dr. Schreiber (Ztr.) äußerte beim Kapitel Reichswanderungsamt Bedenken gegen die Zweigstellen und machte auf die bedeutenden Leistungen der privaten Organisationen aufmerksam. Abg. Frau Wurm (U. Soz.) sprach ihre Genugtuung darüber ans, daß die Verfügung, wonach jüdischen Durchwanderern in Schneidemühl die Pässe abgenommen wurden, auch wenn sie bereits mit dein amerikanischen Visum versehen wären, nun endlich aufgehoben worden sei. Hoffentlich handeln auch die untergeordneten Behörden danach. Ter neue preußische Erlaß vom 17. November verfüge die Unterbringung^ ostjüdst'cher Einwanderer in die Konzentrationslager der Kriminellen, der Verdächtigen und der Arbeitslosen. Wer verdächtig sei, entscheiden untergeordnete Behörden; da der größte Teil der Durchwanderer polnische Flüchtlinge seien, so wären fast alle arbeitslose und kämen nach dem Wortlaut des Erlasses sofort in Konzen trat ionslager, wo jede MöA'ichkeit, Arbeit zu erlangen, aiufhöre: Reichs minister K o ch erklärte, er denke vom preußischen Minister des Innern, den er als selbständigen und kraftvollen Mann kenne, viel zu hoch, um anzunehmen, daß Preußen seinen wohlerwogenen Standpunkt in dieser Sache irgendwie modifizieren würde. Die Behandlung der Frage im einzelnen sei eben lediglich eine. Sache Preußens. Alle Erörterungen seien im besten Einvernehmen, mit Preußen erfolgt. Seinen Standpunkt präzisierte der Reichsminister wie folgt: Es läge kein Anlaß vor, irgendwelchen Ausländern Vorzugsrechte einzuräumen., es handle sich nicht um Antisemitismus, sondern um Gleichnvähigkeit in der Behandlung aller Ausländer.