Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1921)
- Date
- 1921-01-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229483--76094-3288656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 letzten Monate geschrieben habe, zur Verfügung. gestellt, in denen er seine Kindheit, Jugend und Alter schildert. Dr. Vogelstein stellte den Verstorbenen als einen Mann bat, der stets nach! dem Guten gestrebt und von reichen Erfolgen gesegnet gewesen lei. Das Geheimnis dieser Erfolge Hube in seiner Persönlichkeit gelegen, die, jeder Aeußerlichkeit abhold, sich die Weisheit des Herzens als Ziel gesetzt habe. Er tröstete die Hinterbliebenen, indem er ihnen vorstellte, daß eine Persönlichkeit wie Siegfried Haber im Herzen aller, die ihn gekannt haben, fortleben, da!ß sein Leben zwar erlöschen, sein Andenken aber beständig sein werde. Danach ergriff Oberbürgermei'stier Dr. Wagner das Wort. Er sagte!, daß die Stadt gerade ohne Licht und sie alle in banger Sorge über die Entwicklung des Streikes waren, als die Nachricht vom Tode Siegfried Habers eintraf. Er wolle aus dessen Wunsch nicht im einzelnen auf die Verdienste, die er sich um seine Vaterstadt erworben hat, eingehen. Nur so viel sei gesagt, daß er die Stadt geliebt und alles daran gesetzt hat, seinen Aemtern gerecht zu werden, um ihr zu nützen. 25 Jahre war er rastlos tätig, und bei Kriegsausbruch organisierte er tatkräftig wie ein Jüngling die Nahrungsmittelversorgung der Stadt. Auf Wunsch dies Verstorbenen spräche er he icke am Sarge Siegfrieds Habers, zu dem er 12 Jahre lang in den engsten persönlichen' Beziehungen gestanden habe. Als er als junger Stadtrat nach Breslau gekommen wäre, da hätte er im Magistrat seinen Platz neben dein Siegfried Habers gehabt, und der viel ältere Ataun hätte ihm durch sein Wissen, seine Erfahrung und, als geborener Breslauer, -durch seine genaue Kenntnis der Bevölkerungsschichten, es ihm ungemein erlei-chert, sich in sein neues Amt einzuleben. Ihm hätte er es zu verdanken, daß er das Wesen der Breslauer Bevölkerung so schnell kennenlernte. So könnte er uns sagen: „Ich halt' einen Kameraden, einen besseren find'st du ntt." Dann wurde der Sarg emporgehoben und fror Ruhestätte entgegengetragen, um dort nach kurzem Gebet versenkt zu' werden. — Stadtrat Siegfried Haber war der Vater des' großen Chemikers und Physikers Dr. Fritz Haber. r. Breslau, 31. Dezember. Um die zum Verkauf ausgestellten Handzeichmmgen und Steindrucke ihres im Jahre 1911 verstorbenen Bruders, des durch seine Bildnisse und oberschlesischen Studien bekanntgewordenen Malers Alfred G r a e tz e r, gruppiert Frau Dr. Freudenthal in ihrer Goethestraße 11 gelegenen' Wohnung eine abwechslungsreiche Ausstellung« von Griffelblättern und kunstge!- werblichen Arbeiten, die, fast ausnahmslos von jüdischen Künstlern herrührend und zum größten Teil für den sakralen und Kultusgebrauch bestimmt, hauptsächlich das Interesse der jüdischen Kreise oder Sammler in Anspruch nehmen, dürften. Neben alten Tempel- Vorhängen, mit reicher Ornamentik gestickten „Misrachs", eigenartig geformten, Zum Teil künstlerisch viertvollen Gewürzkästchen und Bechern aus Silber, sehr interessant konstruierten Osterfchüsseln mit Einzelstücken für die am Sederabend vorgeschriebenen Vorspeisen sieht man alte und .moderne, gestickte bzw. gedruckte Mazzoth- und Striezeldecken, Leuchter und Menorahs, ein geschriebenes Gebetbuch mit Miniaturmalereien, metallene Thoraschilder, Wickelbänder und vieles andere. — Eine Sammlung von hervorragend Porträt- und Figurenstudien A. Graetzers, unter denen sich einige wirkliche Kabinettstücke befinden, ruft die Erinnerung an diese der Kunst allzufrüh entrissene.Begabung wach. Von jüngeren Ausstellern interessieren in erster Reihe die Lichtbilder nach ausgeführten Grabdenkmälern des Breslauer Architekten und Baugewerks,chulprofessors Grotte, von dem auch eine reizvolle Teilzeichnung, der alten Koschminer Synagoge da ist, sowie die hübschen Radierungen von Käte Ephraim-Markus und die gut komponierten und auch farbig geschmackvoll behandelten Silhouetten von Erna Selten. Mit talentvollen Zeichnungen, Aquarellen bzw. Aetzblättern debütieren hier erstmalig Lessie Sachs (Ausdruckskunst von starker Empfindung), I. K 0 n und der Hamburger Erich Brill. Von den nu> dernen Kunstgewerblern verdienen nächst den gemalten Keramiken von Irene W 0 l f s 0 h n und anderen ein in Eisen getriebener Chanukaleuchter von Krause und die ebenso vielseitigen, wie von einer gewissen Eigenart zeugenden Leistungen des jungen Breslauer Tischlers Günther H i r s ch e l ausdrückliche Erwähnung. München, 31. Dezember Dem Ausschuß, der im vergangenen Jahr unter dem Vorsitz des/ hiesigen Rabbiners,, Herrn Dr. B a e r w a l d, gegründet wurde, ist es nach langen Bemühungen .gelungen, ein geeignetes Anwesen für ein jüdisches Laindheim zuerwerben.: d«as' ^»o-tel zur Kronen mühle in Wolsratshaüsen. Das Landheim soll vor allein einer Reihe von Kindern ans dem Mittelstand einen Ferienaufenthalt ermöglichen. Diese Gelegenheit wird Zweifellos allen Eltern willkommen sein, die unter den heutigen Verhältnissen nicht mit der ganzen Familie verreisen können und die doch ein oder das andere Kind der Wohltat eines Landaufenthaltes möchten teilhaftig werden lassen. Ferner soll das Heim schwächlichen oder erkrankten Kindern einen langausgedehnten Geuefuugs Urlaub bieten mit der Möglichkeit eines geordneten Schulunterrichtes. Neben diesem Hauptzweck soll das Landheim gleichzeitig der Ausbildung junger jüdischer Mädchen in Kinderpflege, Küche, Haus- und Gartenarbeit dienen. Das Heim, das eine den kindlichien Verhältnissen angepaßte, d. h. einfache, aber gute und reichliche Verpflegung bieten soll, muß natürlich auf streng ritueller Basis geführt werden. Das altbekannte Hotel zur Kronenmühle ist rin Mit und solid gebautes, geräumiges Haus, dessen prächtige Veranda zu einem Parkähnlichen, weitläufigen Garten hinunterleitet und in dem eine Obstkultur, ein Fischweiher und ein Hühnerhof sich befinden. An den Garten grenzen weite, sonnige Wiesen, die einen herrlichen Tummelplatz bilden. Daß das mit der Bahn in einer Stunde von München aus zu erreichende Wolfratshausen als einer der reizvollsten Punkte im wunderschönen Isartal gilt, begreift jeder, der einmal den Blick über das hügelige Vorland zur nahen Atpenkette hat schweifen lassen. Der bewaldete Berghang, der das Tal nach Norden hin abschließt, hält alle rauhen Winde fern. Die nähe Loisach mit ihrem weichen Moorwasser gibt im Sommer Gelegenheit 31t kräftigenden Flußbädern, und im Winter lädt die dicht hinter der Kronenmühle ansteigende Rodelbahn zu fröhlichem Sport ein. Rodelschlitten stehen in reicher Auswahl bereit. Das stille Wolfratshaufen mit seiner köstlichen, kräftigen Luft, mit seinen herrlichen Wäldern bietet in der Tat den denkbar besten Aufenthalt für erholungsbedürftige Stadtkinder. Für manche Gruppen rekonvaleszenter Kinder können im Winter die starke Besonnung und die günstigen Schneeverhältnisse noch als besonders heilkräftige Faktoren gelten. Die äußeren Bedingungen sind gegeben: Hoffen wir, daß es gelingen möge, in den idealen Nahmen ein ideales Bild einzufügen — das jüdische Landheim, wie es der Gruppe vor Augen steht, die unter recht erheblichen finanziellen Opfern das Haus erworben hat. Eine Insel des Friedens soll dieses Haus für unsere Kinder werden inmitten des Meeres von Haß, das um uns brandet. Wenn die Wünsche der Gründer sich erfüllen, dann soll auf dieser friedlich,on Insel eine Pflanzstätte echten Judentums entstehen. <r/D Duisburg, 31. Dezember. Hier fand unter Beteiligung der städtischen Behörden die Weihe des deu Gefallenen von. 1914 bis 1918 errichteten Ehrendenkmals auf dem jüdischen Friedhof statt. Nach einer Begrüßung der zahlreich Versammelten durch das Vorstandsmitglied Herrn Max L e v y hielt Herr Rabbiner Dr. Neu m ark die Weiherede, die in den feierlichen Appell ausklang, auch im Tageslärm der Parteikämpfe die Stimme der Toten nicht zu überhören, die zu Gerechtigkeit und Versöhnung mahnen. Namens des Bundes jüdischer Frontsolda.te'n widmete Diplomingenieur Plaut den. Kameraden einen warmen Nachruf. Unter Mitwirkung des v-o«n Herrn Lehrer Nnßbau.m geleiteten Shnag,ogenchors gestaltete sich die schlichte Feier sehr ergreifend-. DasDenkmal, ans! freiwilligen Beiträgen fast aller Gemeindemitglieder errichtet, erhebt sich, in sehr wuchtiger und monumentaler Form .auf einem bevorzugten Platze des jüdischen Friedhofes, der ein Teil des städtischen ist. Es ist ein Werk des Düsseldorfer Bildhauers Leopold Fl ei sch hack er und wirkt in Verbindung mit der Gartenarchitektur in eindrucksvoller und künstlerischer Stimlnung. Derselbe Künstler führt letzt mtd) im Aufträge der Stadt Duisburg die im Rathaus angebrachten Ehrentafeln für die gefallenen städtischen Angestellten aus. 22 Ahlem, 31. Dezember. Am Sonntag, den 19. d. M., hat die diesjährige ordentliche Kuratori.uurZsitzung der I sraeli ti schen Gartenbauschule Ahlem in Hannover stattgefunden. Nach Erledigung •frier satzungsmäßigeu Geschäfte (Wahlen, Re chnung sa b ta ge usw.) wurde die mehrstündige Verhandlung hauptsächlich du-rch bte Erörterung der Finanzlage der Schule ausgefüllt. Nach hmx Bericht des Vorstandes ist das Defizit der beiden Jahre 1919 und 1920 in Höhe von etwa 200 000 Mark durch die SammÄungj des vor kurzem errichteten „Hilfskomitees für Ahlem" etwa nur zur Hälfte gedeckt. Es fehlen noch rund 100 000 Mark. Unter solchen Umständen hat der Vorstand