Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1921)
- Date
- 1921-01-07
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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SS. Jahrgang. Nr. I. Berlin, 7. Januar 1921 VeLlage zur „Allgemeinen. dc^ Judentums". OorrrsponLrn?kn und Nachrichten. Srutfchland. & Berlin, 4 Januar. Die Repräsentantenversämmlung genehmigte in ihrer Sitzung vom 19. Dezember die Annahme einer Zuwendung des Herrn Leopold A lb u im Betrage von 2000 Mark zur Verstärkung der Doris-Holzmann-Stiftung und erörterte eingehend die Verhältnisse des Krankenhauses. Rechtsanwalt Stern (lib.) ' wünschte eine gründliche Besprechung. der Verhältnisse dieser Anstalt, die der Jüdischen Gemeinde hohe Lasten auferlegt. Er hoffe, daß die zur Aufbringung neuer Deckungsmittel eingesetzte Kommission sich mit dieser Frage bereits beschäftigt hat. Dr. Klee (Jüd. Volksp.) bemängelte die relativ geringe Anzahl der jüdischen. Patienten im Gemeindekrankenhaus und bittet den Dezernenten des Krankenhauses im Gemeindevorstand um Auskunft, wie sich dieser die zukünftige Entwicklung des''Instituts denkt. Direktor Kareski vom Vorstand erwiderte auf diese Anfrage, daß das Krankenhaus'eine besondere Reorgamfationskommisston eingesetzt habe, welche sich mit dieser Frage eingehend beschäftigte und diesbezügliche Versuche ausführe. Die starke Belegung des Krankenhauses mit nichtjüdischen Patienten erklärt sich teilweise aus der Lage in einem Stadtviertel mit geringer jüdischer Bevölkerung. Die Anstalt hatte sehr erhebliche Zuschüsse erfordert. Wenn der Verpflegungskoftensatz für die dritte Klasse, wie geplant, auf zwanzig Mark festgesetzt sein wird, dürsten mit diesen: Betrage die Kosten des Einzelpatienten gedeckt sein, allerdings ohne Berücksichtigung der sehr erheblichen Generalkosten. Vorsitzender GeheirnratDr. Minden bemerkte hierzu: Der Herr Vorsitzende des Krankenhauses hat von „i dealen Zuständen" gesprochen. Ich habe ihn doch wohl richtig dahin verstanden, daß) es ein idealer Zustand wäre, wenn, wir ohne jede Beschränkung Kranke aller Konfessionen ohne Unterschied darin aufnehmen könnten, daß wir daran' aber nur durch die BeschrärMheit unserer Mittel verhindert werden. Dr. Klee erklärte dann, daß selbstverständlich kein Patient, der auf dieses Krankenhaus angewiesen ist, ausgeschlossen werden soll, daß die Gemeinde aber keinerlei Veranlassung habe, der Stadtgemeinde Berlin Verpflichtungen abzunehmen, deren / Begleichung aus dem Gemeindesäckel eine schweres Belastung der Steuerzahler bedeutet. Nach einigen weiteren Ausführungen wird der nachgeforderte Betrag bewilligt und dem Vorstand für diesen Abschluß Decharge erteilt. — Ein gemeinsamer Antrag der Jüdischen Volkspartei und. der konservativen Fraktionfordert die Gewährung der Besoldungssätze, welche die Gemeindelehrkräfte beziehen, für die Lehrer an den subventionierten Religionsschulen der Privatgemeinden. James Goldschmidt (kons.) begründet den Antrag damit, daß an die Lehrkräfte der Privatgemeinde dieselben Anforderungen gestellt werden wie an die Gemeindelehrer, so daß die Gewährung gleicher Honorarsätze lediglich ein Akt der Billigkeit wäre, und fordert die. Ueberweisung. dieses Antrages an den Schulvorstand zur beschleunigten Berücksichtigung. Professor Dr. Türk (lib.) bezweifelt, daß sich die Antragsteller über die finanzielle Tragweite ihrer Forderung klar geworden. sind. Bei einer früheren Prüfung eines derartigen Wunsches wurde festgestellt, daß die Unterrichtskosten der subventionierten Gemeinden bei Gewährung -gleichet Sätze etwa 124000 Mark, betragen würden, von denen jetzt nur 40000 Mark verausgabt werden. Die Bewilligung, der fehlenden 80 000 Mark würde eine starke Belastung der Gemeinde darstellen, die für ihre jetzigen Ausgaben bereits nach neuen Deckungsmöglichkeiten suchen muß. Die Gemeinde ist um so weniger in der Lage, dieser Forderung nachzugeben, als sie auf die Anstellung und Leistungen dieser Lehrkräfte ohne Einfluß ist. Augenblicklich sollen aus Ersparnisrücksichten die Religionsschü^en der Vereine B e t h-Z i o n und A h a wa s-Z i o n mit einer konservativen Gemeindereligionsschule vereinigt werden. Auf diesem Wege wird fortgefahren werden müssen, um Ersparnisse zu erzielen. Der Dezernent im Gemeindevorstand, Dr. Freund, glaubt, daß eine bedingungslose Gleichstellung kaum erfolgen kann, obwohl die Vertreter aller Parteien eine Aufbesserung der Gehälter wünschen. Die Frage hängt mit der Reform des gesamten Religionsschulwesens zusammen und wird auch nicht vor dieser erledigt werden können. Wenn, ein neues Schulsystem kommt, das durch Zusammenlegung schwach besuchter Schulen Ersparnisse ermöglicht, wird eine bessere Besoldung! dieser Lehrkräfte in Erwägung zu ziehen sein. Die Vorlage wird schließlich dem Schulvorstand zur Berücksichtigung überwiesen. — Aus der Versammlung wird eine Abänderung der Geschäftsordnung der Repräsentantenversammlung beantragt, welche bei Stimmengleichheit dem Vorsitzenden die Entscheidung überläßt. Dr. Löb berichtet aus den Ausschußverhandlungen, daß allgemein der Wunsch bestand, dem Vorsitzenden die Entscheidungen in religiösen Fragen zu ersparen. Am zweckmäßigsten wäre der in allen Parlamentär übliche Brauch, einen Antrag bei Stimmengleichheit als abgelehnt anzusehen. Da die Aenderung dieses Paragraphen eine Statutenänderung voraussetzt, soll die Beschlußfassung bis zur Durchführung dieser Statutenänderung zurückgestellt werden. — Die Konservativen und die Volkspartei' wünschen durch eine Vermehrung der Mitgliederzahl des Schulvorstandes die Möglichkeit zu erhalten, Vertreter ihrer Anschauungen als Gemeindemitglieder in diese Körperschaft zu entsenden. M. A. Lo.eb (kons.) betont 'bk Wichtigkeit dieser Forderung!, da eine Stärkung! d-er positiv-jüdischen. Parteien im Schulvorstand unerläßlich ist. Der Redner bittet, zwei Repräsentanten und vier Gemeindemitglieder ans den neuen Parteien in der Versammlung zu wählen. Professor Dr. Türk begreift den Wunsch der beiden Parteien, macht jedoch auf Schwierigkeiten aufmerksam, die eine solche Erweiterung des Kollegiums mit sich bringen wird. Der Schulvorstand wird sich in Unterkommissiouen teilen müssen, um arbeitsfähig zu bleiben. Amtsgerrchtsrat Wolfs wendet sich als Vorstandsdelegierter gegen die Vermehrung der Sitze im Schulvorstand. Der kleine Kreis soll die Intensität der Verwaltung gewährleisten, er darf nicht ins Ungemessene wachsen. Er bittet, die Wünsche der Parteien bis zum. Ausscheiden eines Teiles der bisherigen Mitglieder zurückzustellen. Direktor G u t mann (lib.) bemängelt die Zusammensetzung! des Schulvorstandes, dem mehr Fachmänner aus dem eigenen Schulwesen der Gemeinde angehören müßten. Rechtsanwalt Stern (lib.) kann , nicht -einsehen, welche großen Schwierigkeiten sich dieser berechtigten Forderung! entgegenstellen. Die geforderte Vermehrung des Schulvorstandes sei nicht so groß, daß eine wesentliche Erschwerung der Arbeit eintreten müsse. Dr. Klee (Jüd. Volksp.) gibt der prinzipiellen Unzufriedenheit seiner Freunde mit der Arbeit des Schulvorstandes Ausdruck, in den mit den neuen Männern auch neue Anschauungen einziehen müssen. Seit Jahren wird die jüdische Volksschule gefordert, ohne daß die Gemeinde in dieser Frage etwaig getan hat. Lediglich die Adaß-Jisroel-Gemeinde habe vor kurzem eine eigene Volksschule eröffnet, für welche die Bedürfn'isf>r.a'g!e durch, die .große Schülerzahl bereits beantwortet sei; von. zionistischer Seite wurden vorläufig zwei Privatschjulen eingerichtet. Die Errichtung jüdischer Volksschulen ist! eine Aufgabe der Jüdischen Gemeinde und wird von weiten Kreisen in der Gemeinde gefordert. Amtsgerichtsrat Wolfs erwidert, daß der Schulvorstand nicht bedauert, daß die Zionisten mit ihm unzufrieden sind. Er hat nicht nach parteiischen Grundsätzen gearbeitet, sondern das Wohl des gesamten Judentums nach besten Kräften wahrgenommen. Geheimrat Dr. Minden: Es lohnt nicht darüber zu streiten, ob der Schulvorstand aus 17 oder aus 20 Mitgliedern bestehen soll. Die Zusammensetzung desselben trotz seines hebräischen Namens T a l m u d - T o r a - Vo r st and war' während des ganzen Jahrhunderts seit der. Emanzipation darauf gerichtet und mußte darauf gerichtet sein, die jüdische Jugend Berlins zu guten Deutschen zu erziehen. Jetzt macht sich seit einiger Zeit im Erziehungswesen die Tendenz geltend, j u n g e N a t i o n a l j u d e n zu schaffen. Vor der Tatsache, daß jetzt auf dem Boden Palästinas ein staatenähnliches Gebilde jüdischer Nationalität im Entstehen begriffen ist, können wir die Augen nicht, verschließen. Die Rückwirkung aus unser Schulwesen über diese wichtigen Fragen muß erörtert werden und kann nicht durch Majoritäten von einer oder mehreren Stimmen erledigt werden. Es stehen hierüber heiße Kämpfe bevor. Ferner entbehrt auch bisher unser Schulwesen einer festen Politik. Die Frage., ob Neligi.onsschu.lem oder Religi.onsu>nter>r i cht in Pr ofan - schulen vorzuziehen sei, ist hier schon gestreift worden. Unser Schul-