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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-01-07 · Heft 1 (7.1.1921) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 1 (7.1.1921)
Date
1921-01-07
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 darauf, uns eine detaillierte Krankheitsgeschichte vorzuführen; sie skizziert mit wenigen, gewaltigen Pinselstrichen das Bild des Kranken mit einer Treffsicherheit, die dem modernen Psychiater den Atem versetzt. Das Leiden beginnt mit einer Phase tiefer Depression. Wir können sie als den Ausdruck des Jnsuffizienzgefühls ansehen, als die Folge all der viel zu vielen Erlebnisse, durch die und in denen Saul seiner Unzulänglichkeit inne ward. Immer wieder sind seine Ansätze zu militärischer Größe, zu politischer Entfaltung auf halbem Wege abgefallen, immer wieder sind große Spannungen ohne entsprechende Erfüllung geblieben. Während aber im Innern die negativ gefühlsbetonte Erkenntnis der Unterlegenheit immer mehr Platz greift, muß Saul nach außen hin den Schein der Souveränität wahren, muß herrschen, obwohl er längst sich als den niedersten Untertan fühlt. Gewaltsam wird die widrige Empfindung der eigenen Schwäche unterdrückt und verdrängt. (Schluß folgt.) Ludwig osn Beethovens erste Liebe. IN 17. Dezember v. I. waren ISOJahre verflossen, seitdein ■£\, Beethoven in Bonn das Licht der Welt erblickte. Lange stritt man darüber, an wen die in der ehemals Königlichen Bibliothek zu Berlin im Autvgraph vorhandenen Liebesbriefe des genialen Tonmeisters gerichtet sein mochten. Bald wurde die junge schöne Gräfin Giulietta (Julia) Guicciardi, bald die Gräfin Therese von Brunswick als die Adressatin angesehen. Wenig bekannt dürfte aber sein, daß Beethoven im Jahre 1792 während seines Aufenthalts in Wien ein damals 17 Jahre altes jüdisches Mädchen, Rahel Löwenstein, kennenlernte. Zu dieser Jüdin, die sich durch wunderbare Schönheit sowie außerordentliche Geistes- und Herzensbildung auszeichncte, faßte der junge Meister eine ernste und tiefe Neigung. Er war entschlossen, sie zu ehelichen, wenn sie zum Christentum übertreten wollte. Aber Rahel Löwenstein lehnte die Taufe ab, und an ihrer Glaubenstreue scheiterte Beethovens Liebeswerben.. Zwischen beiden hatte ein Briefwechsel stattgefunden, dessen Originale in der ehemals Königlichen Bibliothek zu Paris aufbewahrt sind und von Alfred Prins der Oeffentlichkeit übergeben wurden. Die Liebenden schrieben einander teils in Prosa, teils in Poesie. Am 8. Mai 1792 richtete Beethoven an die Angebetete seines Herzens folgende Zeilen: „Wie lange sucht vergebens Dich doch mein düstrer Blick? Die Sonne meines Lebens Keht erst mit Dir zurück. Auf allen meinen Pfaden Erlischt des Tages Schein. Ich bin mit Schmerz beladen. Verlassen und allein." Wenige Tage darauf, am 11. Mai, antwortete Rahel mit den Worten: „O eitler Wahn! Schon schwindet Das holde Traumgesicht; Mein Auge sucht und findet, Mein Arm erreicht Dich nicht. Uns trennen hohe Hügel, Ewig fern bleibt uns Glück. Gieb Deiner Liebe Zügel Und trage Dein Geschick." Heimlich trafen sich die beiden Liebenden in der Umgebung Wiens am 19. des Wonnemonats. Der in Liebe entbrannte Meister wollte das Mädchen entführen und schwur ihm ewige Treue und Liebe. Bei jener Zusammenkunft gab sich Rahel als Jüdin zu erkennen. Dies hinderte aber den liebeglühenden Jüngling nicht, ihr am 26. Mai zu schreiben: „Ich nenne Dich Du! Du verzeihst mir es gewiß! Ich kann Dich nicht lassen, wenngleich Du eine Jüdin bist! Die Heilige Schrift kennt die Namen der Männer Deines Volkes, sie erzählt, was sie einst für glänzende Taten getan. Aber ich wandte den Blick und sah in der Tiefe meines Herzens meines Tempels Heiligtum: Den Heiland! Oh, warum stehen nicht alle Menschen einig um das Feld des Erlösers? Welche Verwüstung ist hier auf Erden — und welch ein neidisches Schicksal hat in Trümmer und Nacht uns Menschen alle gestürzt. Rahel, geliebtes Wesen, um meiner zärtlichen Sorge willen, erkenne des Erlösers Herrlichkeit an, denn von Geschlecht zu Geschlecht wird glänzender sein Name auf Erden! Für Dein Volk hat man keine Gnade; des Pfaffen Wort ruft das Vergangne stets zurück. Bekehre Dein Herz zum Heiland und mehre in Stille den Schatz der Erfahrungen! Deines Volkes Glück ist Leiden! Werde mein, lerne kennen Freuden, christliche Freuden!" Diesen Bekehrungsbrief beantwortete Rahel Löwenstein am 28. Mai durch folgendes Schreiben: „Heute, und nie mehr, schreibe ich. Ihr tadelt mein Volk, Ihr lobt wen? — — Segen und reichen Gewinn haben die Leiden unserer Väter kommenden Enkeln gebracht. Kein Volk steht so fest wie Israel. Was nachdenkend Israels Geist im Laufe der Zeit hat ersonnen, nutzt Ihr, die Späteren, ohne Verehrung und Dank! Wir haben auf zerbrechlichem Holz tobenden Stürmen getrotzt und mit heiliger Ehrfurcht betrachten wir der Vergangenheit Nacht. Seh' ich ins Antlitz meines Vaters, so sehe ich die ganzen hohen Gestalten Israels. Eures Volkes Herz, voll arger Entwürfe, hat die Besten meines Volkes dem Verderben geweiht. - Ihr habt mit heiligem Munde Sprüche gelehrt. Kläglich sind sie gefallen, verfolgt von Quälern und Mördern! Einst, nach lang entschwundener Zeit, werden Eure Enkel das Unrecht erkennen und Israels verstümmeltes Leben frei lassen! Eure Priester sogar, die Geweihten des Herrn, haben ihr Saitenspiel durch Lügen entehrt. Nicht der Würdigen in Israel achteten sie, nicht die Besseren vermochten sie zu ehren. Geifernd erhoben sie im Namen des Himmels ein Gezeter — und wollten unser Volk belehren und bekehren! Wohl buhlten viele vom Hause Israels um der Gewaltigen Gunst. Daher sind sie für Israel verloren und von Israel verachtet! Verlaßt mich, lieber Fremdling, verlaßt mich! Darum bitte ich Euch! Verfolgt mich mit Eurer Liebe nicht mehr! Isis Vorgefühl von Schwachheit und Angst, was mich so verwandelt, Erich zu bitten, fern zu bleiben? Mächte des Himmels! Mein Vater sollte wissen, was ich getan! Erbarmt Euch mein — und macht nicht sorgenvoller mein banges Leben!" Einige Tager später, am 3. Juni, schrieb Beethoven an die glaubensstarke, charakterfeste Jüdin: „Rahel, Du Holde! Ich und Du — wir Kinder! Oh. lebe wohl, lebe wohl! Wir können uns nicht besitzen! Nimm Dir. mein letztes Derschen zu Herzen: „Geh mit Deinem kranken Herzen Mutig aus Dir selbst heraus! Komm und blute Deine Schmerzen Am Altar des Herren aus!" Dr. A. Lewinsky (Hildesheim).

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