Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1921)
- Date
- 1921-01-07
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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s Wir erfahren unmittelbar darauf, daß Samuel einen Mann in der Vollkraft der Jahre zum König erkürt, ihn salbt und dem Volke als Herrscher vorstellt. lieber seine Abkunft erfahren wir so gut wie nichts., Er stammt aus dem kleinsten der Stämme Israels, aus gutem Bauernstand. Von Ansehen ist er groß und repräsentativ, und das ist wohl der wichtigste Empfehlungsbrief, den er dem alten Hievarchen mitbringt. Auch ist ec fügsam und weiß sich in die ihm zugedachte Rolle mit Würde einzupassen. Im übrigen weiß auch Samuel, daß es mit den persönlichen Gaben seines Königs nicht allzugut bestellt ist, aber ihm, der in den Vorschlag eines weltlichen Königtums nur widerstrebend einwilligte, ist ein Kronträger ohne größere Hausmacht und Herrscherprätentionen gerade recht. Der Hierarch versammelt gleich nach der Königswahl das Volk, läßt sich von ihm seine durchaus rechtliche und Demokratische Gesinnung bezeugen, mit einem Wort: sich ein Vertrauensvotum erteilen. Dann aber donnert Der Greis los, der, ein Bismarck seiner Tage, Könige salbt und ihr politisches Handeln bestimmt: Das Volk habe jetzt einen König nach seinem Willen; aber nun solle sich der einzelne nicht frei von sittlicher Verantwortlichkeit fühlen; Israel habe seine ethische Mission, das Königtum ändere daran nichts. Denn bliebe das Gebot Gottes unerfüllt, so würde der Abgrund das StaatSschifs mitsamt seinem Lenker verschlingen. Samuel ist übrigens nicht der einzige, der dem König die blinde Gefolgschaft versagt. Saul hat, wie wir erfahren, mit einer Oppositionspartei zu rechnen, deren politische Tendenz von der Bibel nicht näher bezeichnet wird. Immerhin wäre eine starke Persönlichkeit der Lage durchaus gewachsen gewesen, zumal sich der Hierarch für seinen König» da er es nun einmal ist, machtvoll in die Bresche stellt. Als die wankelmütige Menge die Einsetzung des Königtums als Widerspenstigkeit gegen Gott und Uebereilung bereut, da ist es Samuel, der die zerfahrenen Geister unter dem Hinweis auf die Belanglosigkeit der Regierungssorm im Gegensatz zur Wichtigkeit des ethischen Volksgedankens wieder sammelt. Schon die ersten militärischen Handlungen Sauls zeigen uns das eigentümlich Unsichere, Fahrige seines Wesens; der Krieg gilt den alten Erbfeinden Israels, den Philistern, und beginnt mit dem Opfer, der Einsegnung des Heeres. Der geistige Leiter Samuel ist noch nicht im Lager anwesend. Da erfaßt Saul eine Unruhe, der er nicht Herr zu werden vermag. Seine Unstetheit und Ungeduld über das Zögern Samuels teilt sich dem Heeve mit, Unordnung, Insubordination und Fahnenflucht reißen bei den Truppen ein. Endlich vollzieht Saul eigenmächtig die Einsegnung des Heeres, muß sich jedoch von Samuel, der inzwischen eingetroffen ist, seiner Uebereilung wegen heftig zurechtweisen lassen. Der Feldzug verläuft im ganzen nicht ungünstig, trotz der Unterlegenheit der hebräischen Bewaffnung. Jonathan, der Kronprinz, vermag erste bedeutende Teilerfolge zu erringen; aber immer wieder gerät das Heer durch die persönliche Unentschlossenheit des Königs in schwere innere Gefahr. Er vermag nicht den großen kriegerischen Akkord anzuschlagen. Da entsteht plötzlich im Lager der Philister eine Verwirrung, Saul läßt auf gut Glück angreifen, er erhält Zuzug aus dem Lande, die Stimmung seines Heeres hÄ>t sich, und ein Sieg wird erfochten. Aber obwohl die militärische Lage sich über Erwarten günstig gestaltet, kann der König den Wad beherrschter Ueberlegung nicht wiederfmden; er befiehlt eine Gewaltaktion gegen den geschlagenen Feind; ohne Speise und Trank läßt er sein müdes Heer den Tag durchkämpfen. Dieser sinnlose Tagesbefehl muß zu Gehorsamsverweigerungen führen und wird zunächst von Jonathan selbst übertreten, der sich und seine ermatteten Truppen an wildem Honig labt. Aber auch das übrige Heer wird durch den unüberlegten Befehl kopfscheu, und auf dem Wege des Ungehorsams vexletzen die Soldaten die Speifegefetze, indem sie nach barbarischer Sitte das blutige Fleisch des geschlachteten Bmteviehes verschlingen. Die Strafe dafür läßt auch nicht lange auf sich warten. Saul fragt Gott, ob er dem geschlagenen Feinde noch weiter Nachsehen solle, aber das Orakel verweigert die Antwort. Saul forscht nach! dem Grunde des Schweigens und findet ihn in der Gehorsamsverweigerung Jonathans. Die Erkenntnis der eigenen Schuld liegt ihm völlig fern; seinem Gerechtigkeitsbedürfnis genügt die Feststellung des unmittelbar Schuldigen, den er unbedenklich dem Gesamtwohl opfern will. Da siegt jedoch das natürliche Empfinden des Volkes, das in seinem Prinzen dm mutigen Heerführer liebt. Das Volksgericht läßt Gnade für Recht ergehen, und Jonathan ist gerettet. Nach einiger Zeit tritt eine neue politische Ausgabe an den König heran. Hat er in zahlreichen, von Erfolg gekrönten Grenzkriegen das Heer an Kampf und Sieg gewöhnt, so gilt es nun, dm entscheidenden Schlag gegen den prinzipiellen Feind des israelitischen Gedankens, gegen Amalek, zu führen. Der Heerkönig empfängt den Befehl Samuels, Amalek vernichtend zu schlagen. Es dürfe keine Beute gemacht und kein Leben geschont werden; denn dieser Krieg sei kein Wirtschaftskrieg, aus dem der Sieger reich, der Besiegte arm hervorginge, kein Krieg, in dem Sklaven und reiche Lösegelder gewonnen würden. Jetzt ginge es um die große kulturelle Abrechnung zwischen Monotheismus und Polytheismus. Saul schlägt seinen Feind. Aber ohne dem Prinzip dieses Krieges im entscheidenden Augenblick Rechnung zu tragen, läßt er, der einst unbedenklich den eigenen Sohn opfern wollte, sich von einer unbestimmten Regung billigen Mitleids dazu verführen, dm feindlichen König gefangen zu nehmen; reiche Beute wird gemacht und so der pathetische Charakter des Krieges gründlich verwässert. Dafür ist Saul aber gerade dabei, sich und feinem glorreichen Siege ein Steindenkmal zu errichten, als der Hierarch im Lager eintrifft und an Stelle eines in tragischer Größe ragenden Volkes einen Jahrmarktstrubel von Beutevieh und Schätzen und gefangenen Fürsten findet. Samuel verwirft jetzt völlig die Dynastie Sauls, und nur die inständige Bitte seines Königs, ihn vor seinem Volk nicht bloßzustellen, veranlaßt den Greis, wenigstens dm Schein der politischen Konformität zu wahren. Den gefangenen Herrscher von Amalek läßt Saul augenblicklich töten. Dann geht der Hierarch, um in der Einsamkeit den Schmerz ausblutm zu lassen, daß er Israels Krone einem Ungeeigneten auf das schwache Haupt gesetzt. Aber der greise Volkstribun kann nicht rasten. Die Gottesstimnic in ihm verschmäht nutzlose Klage um einen Verlorenen, sie treibt zu neuen politischen Taten. Eine andere Dynastie soll gegründet werden. Doch Samuel hat seine politische Erfahrung teuer erkauft; kein Repräsentativkönig soll von nun an die Krone des auserwählten Volkes tragen. Darum wählt Samuel nicht den stattlichen Eliab, obwohl der erste Eindruck zu dessen Gunsten ausfällt, sondern einer besseren, göttlichen Erkenntnis folgend, wählt er einen Jüngling mit all seinen reichen Fähigkeiten, der in seiner Jngendfrische die Glückshvsfnung des Volkes verkörpert. Zu gleicher Zeit, da in Bethlehem der Kronprätendent gesalbt wird, weicht der Geist Gottes von Saul, und sein Sinn wird schwermütig. Damit setzt der große Trauerakkord ein, auf den uns die Historie schon vorbereitet hat. Die Bibel, das grandioseste Primitivwerk aller Völker und Zeiten, verzichtet