Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1921)
- Date
- 1921-01-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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sich wieder in Erinnerung zu bringen. Er ließ gegen Mittag im alten Kollegienhause Flugblätter verteilen, die von Beleidigungen strotzten. Schon die Ueberschrift „Die 19 murigen Professoren" charakterisiert das Machwerk des Herrn, der bekanntlich am liebsten „mit Dolch und Messer", wie er es selbst in einer Frankfurter Rede aussprach, gegen seine Widersacher losgehen möchte, zur Genüge. Köstlich ist besonders auch die Unterschrift: „Dr. Arnold Rüge, Privatdozent an der Universität Heidelberg, z. Zt. infolge jüdischen Terrorismus am Abhalten von Vorlesungen verhindert." Man weiß nicht, ob man den Mann eher als Geisteskranken bedauern oder als Verleumder verachten muß, denn unverantwortlicher ist wohl selten mit der Wahrheit umgesprungen worden. Privatdozent ist er gewesen, bis ihm vom Ministerium nach dem bekannten Disziplinarverfahren die Lehrbefugnis entzogen werden mußte; der jüdische Terrorismus existiert nur in seiner Wahnvorstellung, aus der heraus er ja auch den damaligen Kultusminister Hummel zum „Juden" machte. In dem Flugblatt rühmt er sich, am 7. Dezember einen Anschlag vom Schwarzen Brett abgerissen zu haben, „weil er grobe Unwahrheiten und Verdrehungen der Tatsachen enthalten habe". Was man von dieser wie von allen anderen Anschuldigungen zu halten hat, versteht sich von selbst. Als Dr. Rüge persönlich in der Vorhalle laut auf seine Gegner zu schimpfen begann, gab es einen Auflauf, in dessen Folge es zu Tätlichkeiten kam, worauf der Störenfried aus dem Hause gewiesen wurde. Der Allgemeine Studentenausschuß hat sich mit der Angelegenheit beschäftigt und, trotzdem er ja wohl auch antinationalistischer Gesinnung kaum verdächtig sein dürfte, folgende Entschließung gefaßt: „Der Allgemeine Studentenausschuß mißbilligt aufs schärfste das Verhalten des Herrn Dr. Rüge bei der letzten Universitätsfeier und wendet sich gegen die Beleidigungen der philosophischen Fakultät und der jüdischen Studenten, ohne zu dem Streit zwischen Dr. Rüge und der philosophischen Fakultät sachlich Stellung zu nehmen." Was der letzte Satz bedeuten soll, ist nicht recht ersichtlich, da der ganze „Streit" gar nicht „sachlich" ist, sondern nur von Dr. Rüge einseitig durch die wüstesten Schimpfereien und Verleumdungen geführt wird. Sehr ungehalten über die Heidelberger Studenten wird nun wohl die „Deutsche Zeitung" sein, die am 17. Dezember (Morgenausgabe) über die Vorgänge unter der Spitzmarke: „Dr. Arnold Ruges Kampf um sein Recht" berichtet. Für sie ist Rüge der „deutschnationale Führer", die Beleidigungen gegen die Fakultät sind „angeblich", und den Skandal, den er bei der Feier machte, umschreibt sie mild: „Rüge, der -gegen seine Widersacher sich äußerte". Ein Zufall allerdings mag es sein, daß das Blatt bei der Unterschrift des Flugblattes statt „jüdischen Terrorismus" nur „Terrorismus" schreibt; denn wo hätte -es sich anderwärts eine solche Gelegenheit zur Judenhetze entgehen lassen! * Der frühere Reichskanzler Dr. v. B e t h m a n n H o l l >w e g ist in der Nacht zum 2. Januar nach kurzer Krankheit in Hohenfinow verschieden. Er war ein vornehmer, fleißiger und charaktervoller Mann, frei von völkischer Engherzigkeit und konfessioneller Unduldsamkeit, ein treuer Diener feistes kaiserlichen Herrn und gleich diesem stets bestrebt, seinem Volke zu -dienen, Deutschlands Glück und Größe zu fördern. Trotzdem haben ihn in späteren Jahren die Deutsch,nationalen mit ihrem Haß verfolgt und nicht unwesentlich zu seinem Sturz beigetragen, der sein völliges Scheiden aus dem politischen Leben herbeiführte. Man schreibt ihm die Hauptverantwortung für jene verblendete Politik zu, die Deutschland in den Weltkrieg hineingetrieben. Das zu beurteilen, ist nicht unsere Aufgabe. Diese Zeilen gelten nicht dem Politiker, sondern -dem hoch¬ 4 —, , gebildeten, feinsinnigen Menschen, und als ein solcher' wird v. Bethmann Hollweg im Gedächtnis der NÄHE fvMebM: / * '* Der. preußische Unterrichtsminister HaeniWHat vor EiutLer Zeit erklärt, er habe die Absicht, die deutschenHochWulen den Angehörigen der östlichen Länder, in denen nÄh seiner Meiuung die Zukunft Deutschlands liegt, .MbMrrgt offen zu halten. Diese Erklärung, die vom ,AädagGSischerr. Wnträlanzeiger" veröffentlicht wurde, hat in den deutschen Studentenkreisen eine heftige Agitation zur Folge gehabt. - Der. Verband der Turnerschaft auf deutschen Hochschulen, der über 19900 Akademiker zu seinen Mitgliedern zählt, beschloß auf seiner Tagung in Marburg einen Protest, worin ausgesprochen wird, daß dieses Verhalten des Unterrichtsministeriums für die Studenten nur ein neuer Grund ist, den Kampf gegen die Ostjuden mit aller Energie weiterzuführen. — Wie dgs Auskunftsamt der Berliner Universität mitteilt, ist entgegen den Behauptungen der reaktionär-studentischen Agitation die Zahl der ausländischen Studenten sehr gering. Nur etwa jeder zwanzigste Student ist ein Ausländer. Im übrigen wird bei Aufnahme jedes einzelnen Ausländers seine persönliche Eignung geprüft und sein Gesuch auf Grund, dieser Prüfung und der mit Rücksicht auf die Jnländerzahl bestehenden Möglichkeiten entschieden. * Aus Weimar wird geschrieben: Der T hä rin g i s che L a n d t et g beba-nbelte in seiner 25. Sitzung ein Gesuch der Ortsgruppe Gera des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes um Verhinderung der Einwanderung von Juden. Das . Gesuch fordert die Schließung, der Grenzen gegen die weitere Eintoimbcvmvg der Juden: alle nach dem 1. August 1914 .eingewanderten Juden seien unverzüglich auszuweisen. Der Ausschuß beantragte, über das Gesuch zur Tagesordnung überzugehen. Rennert (Soz.) ' erklärte, daß es sich hier um einen Vorstoß handelt, der in gleicher Weise ein Zeugnis von Gefühlsenteignung wie Gefühlsverrohung bedeutet. Man kann ohne weiteres zugeben, daß eine gewisse 'Absperrung notwendig sein kann; dann darf sich diese aber keinesfalls gegen eine bestimmte Rasse richten. Die baltischen Barone nehmen auch unsere Wohnungen und Nahrungsmittel in Anspruch. Der Antrag ist eine Heuchelei. Im Falle der Absperrung muß mit der Vergeltung des Auslandes gerechnet werden, die für uns bei der bevorstehenden Auswanderung sehr bedenklich ist. Abgeordnete Frä-U'- lein Dr. Schulz (Dem.) bezeichnete den Antisemitismus als besondere Gefährlichkeit unseres politischen Lebens. Von 'deutschnationalen Abgeordneten wurde beantragt, die Petition d.'r Regierung zur Kenntnisnahme zu überweisen. Der Landtag ging jedoch über Petitionen und Anträge zur Tagesordnung über. * Die Teilnahme der Inden am Weltkrieg. Der Herausgeber Der Wochenschrift „Auf gut Deutschs, Dietrich Eckart, hatte im Verlaufe einer Polemik mit einem'Rabbiner, die sich auf den Vorwurf der u.ngenügendw Beteiligung der Juden im Krieg erstreckte, in seinem Blatte einen Preis von 1000 Mart für den Nachweis ausgesetzt, daß eine jüdische Familie drei Wochen lang auch nur drei Söhne beim kämpfenden Teil einer Kampfestruppe bezieh'ur'g'sweise im Schützengraben hatte. Darauf legte Rabbiner Dr. Freund in Hannover eine Liste von 20 Familien seiner Gemeinde vor, auf die diese Voraussetzung zutreffe; er erbot sich, für jede beliebige Familie den gesonderten Nachweis zu erbringen. Da Eckart diesen Nachweis nicht gelten lassen wollte, stellte Dr. Freund auf Grund des 8 57 Bürgerlichen Gesetzbuchs Mer die Auslobung beim Landgericht München I Klage auf Zahlung des ausgesetzten-Preises. Im Prozeß legte er zu der erwähnten Liste noch ein Verzeichnis von weiteren 56 jüdischen Familien aus anderen Gemeinden vor, die sogar 7 und 8 Söhne im Felde stehen hatten und von denen einige den Verlust von drei Söhnen zu beklagen hatten. Nach Durchführung der Beweiserhebung erkannte der Beklagte an, daß -der geforderte Nachweis erbracht sei; er zahlte, ohne »das Urteil 'des Gerichts abzuwarten, den Preis von 1000 Mark aus, 'den der siegreiche Klager jüdischen Organisationen überwies. *