Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1921)
- Date
- 1921-01-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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überzeugen, daß ihm nur durch Einrichtung einer Präparandenklasse abgeholfen werden könne. 1885 wurde eine solche eröffnet, und aus ihr entstand — wiederum auf seine Vorschläge—allmählich die dreiklassige Präparandenanstalt. — Alle Neuerungen im staatlichen Lehrerbildungswesen wurden auch an seiner Anstalt sofort eintzesührt und diesen unausgesetzten Bemühungen um die Erhaltung der Jüdischen Lehrerbildungsanstalt auf der Höhe de« staatlichen Seminare sind die mannigfachen Vergünstigungen zu verdanken, die unsere Anstalt gerade unter Holzmans Leitung erfahren hat. Daß Holzman, trotzdem die Lehrerbildungsanstalt keinen öffentlichen Charakter hat, 1961 vom Untevrichtsmiuister die Amtsbezeichnung ..Direktor" verliehen, daß er mehrfach durch hohe Orden ausgezeichnet wurde, durfte er gewiß als eine Würdigung auch der Leistungen der Anstalt ansehen; aber er hatte auch die größere Freude, die Leistungen des Seminars durch die Behörden direkt anerkannt zu sehen: 1963 erhielt die Jüdische Lehrerbildungsanstalt als erstes Privatseminar das Recht, gültige Zeugnisse über die wissenschaftliche Befähigung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst auszustellen, und 1909 wurde ihr die Berechtigung zur Abhaltung von Entlassungsprüsungen gewährt. Wer in der von chm verfaßten Geschichte der Jüdischen Lehrerbildungsanstalt von den langwierigen Kämpfen gelesen hat, die von seinem Amtsvorgänger um dieses Recht mit dem halben Erfolge geführt worden waren, daß die Lehrer der Anstalt von der besonders hierfür eingesetzten Prüfungskommission in einzelnen Fächern an der Prüfung beteiligt werden konnten, und wer aus dieser Darstellung herausfühlt, wie sehr Holzmay diesen Zustand als unwürdig angesehen hat, wird verstehen, welche Genugtuung ihm diese späte Anerkennung bereitet hat. Man tritt wohl niemand zunahe mit der Behauptung, daß diese Vergünstigungen in erster Linie, ein Verdienst unseres Jubilars sind, der durch sein Wissen und sein Können, seinen Eifer und seine Pflichttreue, seine Offenheit und Mannhaftigkeit auch die Vertreter der staatlichen Behörden davon überzeugt hat, daß eine von einem solchen Manne geleitete Anstalt auch eine besondere Behandlung verdient. Holzman war auch ein Meister der Unterrichtskunst. Ich habe selbst längere Zeit seinem Unterricht beiwohnen dürfen und von seiner hisziplinierendcn Kraft, von seiner Energie in der Erziehung zu scharfein, selbständigem Denken, zu die Gedanken genau wiedergebendem Sprechen, zu strenger Selbstzucht einen unvergeßlichen Eindruck gewonnen. So, denke ich mir, muß Diesterweg seine Schüler gepackt haben, dem ja namentlich seine die Geister zu regem Leben erweckende Kraft nachgerühmt wird. In seinem Pädagogikunterricht trug er nur selten zusammenhängend vor. Er besaß die Kunst der anregenden, zu eigenem Nachdenken herausfordernden, die Schüler zu zusammenhängender Gedankenbewegung bringenden Frage in Hervorragendem Maße. Seine Stunden waren erfüllt von angestrengter geistiger Arbeit und die von ihm geübte Geisteszucht war für seine Zöglinge eine heilsame Schulung des Willens. Sein Vortrag aber, war von anschaulicher Lebendigkeit, durchglüht von der Begeisterung, die er'für einen Comenius, einen Rochow, einen Pestalozzi selbst im Herzen trug, und als Meister des Worts, dem immer der adäquate Ausdruck für seine Gedanken zu Gebote stand, entwarf er vor seinen Zöglingen plastische Bilder vom Leben und Wirken der hervorragenden Pädagogen und weckte in seinen Schülern ein dem Willen richtunggebendes Verständnis für ihre Größe. Aber wir würden dem Lehrer Holzman nicht gerecht werden, wenn wir ihn nicht auch als jüdischen Lehrer würdigten.' Er konnte es nicht begreifen, daß an einem jüdischen Semingr der Unterricht in der Pädagogik von einem Nichtjuden erteilt wurde. Er selbst hat bei seinem Unterricht in diesem Fache nicht nur die Geschichte der Erziehung bei den Israeliten sehr eingehend behandelt und in der Methodik die Fächer der jüdischen Religion gebührend berücksichtigt, er hat auch die Erziehungslehre vom jüdischen Standpunkt aus begründet und keine Gelegenheit vorübergehen lassen, auf Stellen unseres religiösen Schrifttums hinzuweisen, und zwar nicht nur, weil sie in pädagogischer und psychologischer Hinsicht interessant waren, sondern weil sie geeignet erschienendem jüdischen Lehrer seine besondere erzieherische Aufgabe zum Bewußtsein zu bringen. Aber auch in seiner übrigen Tätigkeit war er sich immer bewußt, daß er jüdische Schulen zu leiten habe. In seiner bei der Einweihung des neuen Anstaltsgebäudes gehaltenen Rede bezeichnete er es als die Aufgabe seiner Schulen, dahin zu wirken, daß ihre Schüler sich als Deutsche jüdischen Glaubens erweisen . . . Sie sollen sich als verständnisvolle und treue Glieder der jüdischen Glaubensgemeinschaft erweisen, die sich der Sendung des Judentums als eines Mittels der Weltkultur bewußt sind und die Lehren der Propheten, dieser Sachwalter der reinsten Sittlichkeit, betätigen. Darum wurde auch der Pflege des Hebräischen in den Schulen eine verhältnismäßig große Zahl von Stunden gewidmet, und als ihre wesentlichen Erziehungsmittel bezeichnet er in der erwähnten Rede die Erzeugnisse des deutschen Geistes und die aus dem hebräischen Urtexte der Bibel zu schöpf enden Le hren des Judentums. So hat er segensreich fast 30 Jahre an führender Stelle im Schuldienst der Berliner Gemeinde gewirkt und die von ihm geleiteten Anstalten zu Blüte und Ansehen gebracht. Er ließ sich vor 10 Jahren in den Ruhestand versetzen, weil er zu fühlen glaubte, daß er den mannigfachen Pflichten seines Berufes wenigstens nicht mehr in dem Maße gewachsen sei, wie er selbst es für nötig hielt. Den Gedanken, sich durch eine teilweise Entlastung dem Amte zu erhalten, wies er zurück und gab auch so ein Beispiel opferwilliger Treue und peinlicher Gewissenhaftigkeit. Aber auch nach seinem Scheiden aus dem Amte ist Herr Direktor Holzman tätig geblieben. Seine Muße erlaubt ihm, sich einer alten Lieblingsbeschäftigung zuzuwenden, dein Studium unserer Bibel; seine theologischen Kenntnisse verwertet die Bibliothekkommission, und sein pädagogisches Wissen und Können stellt er als Mitglied des Schul- und Talmud-Tora-Vorstandes in den Dienst des Schulwesens unserer Gemeinde. „Der Gerechte blüht wie die Palme, er wächst wie die Zeder aus dem Libanon . . . Noch im Alter tragen sie Frucht, sind sie üppig und frisch." Möge Herrn Direktor Holzman vergönnt sein, noch ungezählte Jahre in ungebeugter Kraft tätig zu sein — zur Freude aller, die ihn verehren, zum Segen der Berliner Gemeinde und des gesamten Judentums! Gutman n. Wochenschau. Berlin, 3. Januar 1921. r. Arnold Rüge in Heidelberg, der berüchtigte Pogromhetzer, dem wegen unglaublicher Anpöbelungen und persönlicher Verdächtigungen gegen den Rektor und die Professorenschaft "Der Universität Heidelberg sowie das badische Kultusministerium die venia iegenäi entzogen werden mußte, macht wieder einmal von sich reden. Nachdem es ihm und seinen völkischen Spießgesellen durchaus nicht hatte gelingen wollen, ' irgendjemand an das Märtyrertum des von der Judenmeute gehetztem völkischen Vorkämpfers glauben zu machen, nachdem auch seine Rolle im „Deutschvölkischen Arbeitsring" bald ausgespielt war, hörte man eine Zeitlang kaum mehr etwas von ihm. Nun hat er — geschmackvoll wie immer — eine Universitätsfeier am 14. Dezember dazu benutzt