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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-01-07 · Heft 1 (7.1.1921) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 1 (7.1.1921)
Date
1921-01-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 gegen Israel ist, jener altersgraue Haß, von dem Jehuda Halevi klagend singt: „Ob Jsmael obsieget. Ob's Edom unterlieget, Mein Weheruf gilt beiden, Mein Los bleibt doch stets — Leiden." Wir vermögen also unseren Kindern keine beruhigende Antwort zu geben und behaupten darum, daß aller Kampf gegen den Antisemitismus nutzlos ist, wenn es nicht gelingt, ihn an der Wurzel zu fassen, aus der Schule, wo er am nachhaltigsten wirkt, zu verdrängen. Wir wollen nicht unerwähnt lassen, daß auch einsichtige weitblickende Christen den Schulantisemitismus aufs schärfste verurteilen. Erst, vor kurzem hatten wir Gelegenheit, einer öffentlichen Versammlung beizuwohnen, in der christliche Männer und Frauen die von einem großen Teile der deutschen Lehrerschaft betriebene antisemitische Propaganda als eine unsittliche und unchristliche Handlungsweise brandmarkten. Sie hielten es für ihre Pflicht, ja für ein Gebot der Menschlichkeit, Eltern und Erzieher wie nicht zuletzt die Regierung mit eindringlichen Worten aufzufordern, dem immer mehr um sich greifenden Schnlantisemitismus, der das Gemüt der christlichen Jugend nicht minder vergiftet, als er das Herz der jüdischen verbittert, mit aller Energie und Strenge entgegenzutreten. Wir wissen nicht, ob dieser warme Appell an das öffentliche Gewissen irgendwelchen Erfolg gezeitigt, eine Wendung zum Besseren herbeigeführt hat. Nach den uns zugehenden Mitteilungen zu urteilen, läßt das Verhalten der christlichen Schuljugend wie insbesondere der Lehrer verschiedener höherer Schulen den jüdischen Schülern gegenüber nach wie vor recht viel zu wünschen übrig. Selbst das von der Regiernng erlassene Verbot, das Hakenkreuz zu tragen, wird nicht in allen Groß-Berliner Schulen beachtet und die Lehrer und Direktoren dieser Anstalten finden selten ein Wort, die Ignorierung dieses Verbotes seitens der ihnen anvertrauten Zöglinge gehörig zu rügen. Allein das kann und darf uns nicht hindern, in dem Rückblick auf die Geschehnisse des verflossenen Jahres jener vorurteilsfreien christlichen Kreise ehrend zu gedenken, die das unseren Kindern schon in der Schule zugesügke Unrecht gleich uns als eine Schmach für den deutschen Namen beklagen und bestrebt sind, diesem leider schon so tiefe Wurzeln gefaßten Uebelstande nach Möglichkeit abzuhelfen. Michael HMman. Zu seinem 80. Geburtstage (27. Tebeth 5681). er Gerechte blüht wie die Palme, er wächst wie die Zeder auf dem Libanon . . . Noch im Alter tragen sie Frucht, sind sie üppig und frisch." Auf wen träfe dieser Satz des 92. Psalms mehr zu als auf den Mann, der fast 30 Jahr? — von 1882 bis 1911 - -die Jüdische Lehrerbildungsanstalt und die Knabenschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin geleitet hat, seit etwa zehn Jahren im Ruhestand lebt und heute zur Freude aller, die ihn kennen und verehren, in bewundernswerter Frische des Geistes und des Körpers sein achtzigstes Lebensjahr vollendet! Eine öffentliche Feier dieses Tages hat er sich allerdings verbeten — zum Leidwesen der vielen, die ihm ihre Verehrung persönlich bezengcn möchten, und ich bin fest überzeugt, daß er selbst über die hier geschehene Würdigung seines Wirkens und seines Wesens nicht sonderlich erfreut sein wird. Doch ist es geradezu eine sittliche Pflicht, der Oeffentlichkeit an seinem Ehrentage zu künden von dem charaktervollen Menschen, der einzigartigen Persönlichkeit, dem hervorragenden Schulleiter, dem anregenden Lehrer und Erzieher, der vielleicht in weiten Kreisen unserer Gemeinde ebensowenig bekannt ist wie die Schulen, die er fast drei Jahrzehnte geleitet hat. Im Oktober 1882 wurde Dr. Michael Holzman, der damals Oberlehrer am hiesigen Sophienrealgymnasium war, von den Gemeindebehörden als Nachfolger von, Aron Horwitz zum Leiter der Jüdischen Lehrerbildungsanstalt und der Knabenschule der Jüdischen Gemeinde berufen, an denen er schon von 1866 bis 1873 als Lehrer tätig gewesen war. . Zur Leitung jüdischer Schulen war kaum irgend jemand so geeignet wie Holzman. Er hatte, bevor er sich philologischen Studien widmete, am Rabbinerseminar in Breslau Theologie studiert und sich dort gründliche Kenntnisse der biblischen, rabbinischen und religionsphilosophischen Literatur erworben. Mit diesem aus den Quellen geschöpften theologischen Wissen verband er, unterstützt durch ein glückliches Gedächtnis, eine tiefe und umfassende Kenntnis der klassischen und der deutschen Literatur, der allgemeinen Sprachwissenschaft, der Psychologie und der Pädagogik, Seine wissenschaftliche Begabung hatte er in mehreren Aussätzen und Rezensionen bewiesen, die in der von Lazarus und Steinthal herausgcgebenen Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft erschienen sind. Mehr aber noch als seine Kenntnisse und seine Fähigkeit zum selbständigen Forschen befähigte ihn sein ganzer Charakter zum Leiter einer großen Anstalt. Das bekannte Wort, durch das Schiller im Wallenstein den echten Führer charakterisiert, scheint fast aus ihn geprägt. Eine kraftvolle Persönlichkeit voller Energie, und diese Energie beherrscht von einem unbeirrbaren Pflichtbewußtsein und nie schlummernden Verantwortlichkeitsgefühl, dabei an das Gute im Menschen glaubend und bei jedem die Eigenschaften, die ihn auszeichneten, als etwas Selbstverständliches voraussetzend, so mußte er in allen, mit denen er zu tun hatte, die besten Kräfte wecken und bei allen willige und freudige Mitarbeit und Unterordnung finden. Ein jeder fühlte sich unter dem Einfluß dieses Mannes gehoben, wurde sich seines Wertes klarer bewußt und suchte unwillkürlich das Vertrauen zu rechtfertigen, das der verehrte Leiter in ihn setzte. Doch haftete seinem Pflichtbewußtfein nichts Herbes, nichts Strenges an — er hielt seinen unermüdlichen Eifer im Dienste der von ihm geleiteten Schulen ja auch nur für etwas Selbstverständliches und war sich gar nicht bewußt, daß feine Tugenden keine Alltagserscheinungen waren —, seine zartfühlende Aufmerksamkeit bei Freud und Leid der Kollegen, seine ungekünstelte Teilnahme an ihrem Ergehen trugen neben seiner geistigen Ueberlegenheit dazu bei, daß jeder sich freudig in das Ganze einsügte und es geradezu als einen besonderen Vorzug ansah, unter seiner Führung tätig zu sein. Wie sehr diese Eigenschaften den von ihm geleiteten Anstalten zugute kamen, mag ein Ueberblick über die Aenderungen zeigen, die die Lehrerbildungsanstalt in der Zeit seiner Tätigkeit und namentlich auf seine Anregungen erfahren hat. Eine seiner ersten Taten war die Wiedereinführung selbständiger Unterrichtserteilung durch die Seminaristen der ersten Klasse, die seit 1873 nur Probelektionen gehalten, fortlaufenden Unterricht an der Knabenschule aber nicht mehr gegeben hatten. Unser Jubilar war von der Wichtigkeit der praktischen Einführung der künftigen Lehrer in die Schularbeit so sehr durchdrungen, daß er als seine erste Aufgabe die Sorge dafür ansah, daß die Seminaristen wieder wie früher ständigen Klassenunterricht in einzelnen Fächern erteilten. Damit die ihnen anvertrauten Schüler vor den Schäden bewahrt blieben, die aus dem Unterricht junger, unerfahrener Lehrer leicht entstehen können, wurde auf seinen Vorschlag ein Uebungslehrer angestellt, der die Lektionen vovbereitete und besprach und gemeinsam mit ihm den Unterricht selbständig beaufsichtigte. — Als ein großer Uebelstand, der schon von Horwitz beklagt, aber nicht beseitigt worden war, hatte sich seit der Gründung der Anstalt die ungleichmäßige Vorbildung der in sie eintretenden Zöglinge erwiesen. Holzman wußte die Gemeindebehörden zu

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