Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 39 (24.12.1920)
- Date
- 1920-12-24
- Page
- Seite 456 (sequence 12)
- Language
- German
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leiern wollen und keinesfalls zu bewegen gewesen wäre, >iach Jerusalem mit zu wallen. Nach langer Wanderung machte die Pilgerschar in ein'enr ilstalde Rast. Auch Hulda war müde. Sie legte sich unter-§ einen Baum und schlief ein. Sie schlief lange, und als sie erwachte, war die Pilgerschar bereits weitergezogen und sie befand sich allem im Walde. Auf Gott vertrauend, nahm sie allein den Weg durch des Waldes Dickicht. Sie verlor jedoch bald die Richtung und verirrte sich im DunM und Dickicht des Waldes. Nach langem Uncherirren gelangte sie auf eine Dichtung, aber sie >var vom .Gehen müde und vom Durst gequält und suchte nach einer Quelle, nach einer Spur Von Wasier. Sie suchte lange, die Müdigkeit würde immer größer und der Durst immer quälender, aber nirgends war eine Quelle zu sehen. Da fiel sie zu Boden nieder, erhob ihre Hände zum Himmel und betete: und siehe da. ein Brunnen klaffte am Wege, fast vor ihren Füßen. Sie beugte sich über den steinernen Rand, um Wasser mit der Hand zu schöpfen, verlor jedoch den Halt — und fiel hinab. Sie schrie laut um Hilfe. Es fügte sich.,gerade, daß der junge Fürstensohn Borns ans seinem stolzen Zelter durch die Lichtung ritt. Er vernahm den Aufschrei, folgte dem Hilferuf, und die Stimme zog ihn an den Brunnen. Hier sprang er vom Pferde, neigte sich zum. Wasier und erblickte das Gesicht des Mädchens. „Bist bu ein Menschenkind oder ein Geist?"' fragte er. „Ich bin ein Menschenkind wie du," beteuerte sie. „Rette i mich! Rette mich!" Borns zog sie mit starker Hand aus dem Abgrund, ließ sie auf ein Mooslager in der Sonne weich niedergleiten, kniete nieder, labte sie und wartete, bis sie sich abgetrocknet und erholt hatte. Hulda dankte ihrem Lebensretter mit Worten, die süß klangen wie die Stimmen der Bögel im Walde. Voll Bewunderung stand Borns vor dem liebreizenden Mädchen und, von ihrer Schönheit geblendet, begehrte er sie zum Weibe. Hulda, gerührt und voll Dankbarkeit, bat ihn, mit ihr in ihr Vaterhaus zu kommen. Sie wollte nicht mehr nach Jerusalem, sondern nach Hause, um ihr Schicksal in des Vaters Hände 311 legen. „Er wird mir verzeihen und mich dir zur Frau geben", sagte sie. Borus aber erklärte ihr, er sei zu einem Feste bei einem ihm befreundeten Fürsten eingeladen und lesände sich gerade auf dem Wege dorthin: er könne sie also jetzt nicht zu ihrem Vater begleiten. Aber, fügte er Hinz», nach dem Feste werde er ungesäumt in ihr Vaterhaus kommen, 1 um sie für sein ganzes Leben zu holen. Darauf »mannte und küßte er sic und schwur ihr ewige Treue. j Da sprach Hulda: „Wer ist Zeuge dieses Schwures?" Kaum hatte sie dieses Wort gesprochen, da sprang gerade' ein braunes Wiesel flink vorüber. „Siehe," sagte darauf Borus, „dort der Brunnen, aus dem ich dich gerettet, und dieses Wiesel hier, das sind die Zeugen meines Schwures." Er führte Hulda aus dem Walde und nahm Abschied von ihr. Hierauf schwang er sich auf seinen Zelter und ntt zu dem befreundeten Fürsten. Das Fest zog sich in die Länge lind währte nrehrere Tage und ward mit jeden: Tage lauter und lustiger. Borus saß an der Seite der reizenden Fürstentochter, die er bald liebgewann. Im Anblick der schönen Fürstentochter vergaß Borus Hulda, das einfach«, schlichte Baüerninädchen, vergaß den Schwur, den er ihr geschworen, und vergaß den Brunnen lind das Wiefel, die er zu Zeugen seines Schwures aufgerufell. Am siebenten Tage verband, er sich mit der reizenden Fürstentochter und führte sie als Gattin heim. Glücklich lebten sie und zufrieden und nahmen den Segen, der auf ihrem Bunde ruhte, als selbstverständliches Geschenk Gottes .hin.. Nach Verlauf eines Jahres schenkte ihm die Fürstentochter einen. Sohn. Und. der Knabe wuchs heran und war schön und lieblich von Gestalt, eine Augenweide den 'Ättevlü sind den-Menschen ein Wohlgefallen. Die Fürstentochter ging ganz in der Liebe zu ihrem Kinde auf und konnte - sich an stziner Schönheit nicht ' satt sehen. Auch 'Borus liebte sei,len. Erstgeborenen gar sehr, aber manchmal ward er finster und nachdenklich, ohne selbst zu wisien warulu. Leise Wolken tauchten zulveilen am Himmel seines Lebens-auf, und ivenn er mit verlorenem Blick in den Schatten starrte, war es ihm, als sähe er eine Gestalt, die. in einen feuchtkühlcn Abgrund gleitend, mit den Händen hilserirfend winkt. Aber er schüttelte solche Bilder von sich gewaltsam ab und versuchte wohlgemut zu sein. Dabei mehrte er feine Schätze und seine Macht, die er dereinst aus feinen Sohn vererben wolltest . Eines Tagesspielte der Knabe unbewacht in der Nähe eines Brunnens, der mit, Marmor eingefaßt war. Da fiel sein Ball in die Tiefe. Der Knabe eilte ihm nach, beugte sich über den Rand des Brunnens, verlor den Halt und fiel ins Wasser. Er schrie und streckte feine Händchen aus der Flut, aber niemand hörte ihn. Bald jedoch füllte sich sein- Münd» chen mit kaltem Wasser ünd er versank in dem Brunnen. Als die Mutter ihn später suchte und ihn nirgends fand, stürzte sie zu Borus in den Saal, wo er gerade über seine Untergebenen zu Gericht saß. „Wo ist mein Kind?" schrie sic schmerzhaft auf. Borus. schnellte empor, wie von einer Schlange gebissen, lies umher und befahl allen Dienern, nach dem Knaben zu suchen. Selbst eilte er fast unbewußt nach dem Brunnen. Entsetzen packte ihn, als er sich über den Rand beugte; seine Haare hoben sich starr vom Haupte, seine Stimme erstarb in der Kehle, seine Knie schlotterten. Mit bebenden Händen zog er sein totes Kind aus der Tiefe. Aber noch waren nicht zwei Jahre vergangen, da gebar die Fürstentochter ein Mädchen. Me Freude der Eltern war grenzenlos. Nun kam wieder Sonnenschein in ihr Heim, und ihr Leben hatte wieder eine Freude und eine Hoffnung, Und das Kind wuchs heran und war schön und lieblich, eine Augenweide den Eltern und den Menschen ein Wohlgefallen. Und die Eltern dankten dem Himmel, daß er ihnen diesen kleinen Engel zu Glück und Freude in ihr Hans geschickt. An einem sonnigen Sommertage lag das Kind in eineni kostbaren Korbe im blühenden Garten und schließ Die Wärterin hatte sich für einen Augenblick in den Palast begeben, um etwas zu holen. Da schlüpfte aus einem Strauch ein flinkes Wiesel, sprang behend aus den Korb, biß das in süßem Schlaf befangene Kind und huschte davon. Und als die Wärterin zurückkehrte fand sie das Kind im Korbe tot. Der Jammer der Eltern kannte keine Grenzen. Borus erinnerte sich nun an Hulda und dachte an den Schwur, den er ihr geschworen, und an den Brunnen und das Wiesel, di« die Zeugen seines Schwures waren. Von den erwachten Erinnerungen an sein Erlebnis mit Hulda gepeinigt, von dem Wunsche., sein Verschulden wieder gutzumachen, getrieben, gestand er seiner Frau alles. Diese hörte ihn mit Entsetzen an, und als er von seinem Schwur und davon erzählte, wie er den Brunnen und das Wiesel zu Zeugen anfgerufen hatte, schluchzte sie erschüttert auf. Darauf sagte sie ihm, sie gebe ihn frei, er Möge nun unverzüglich zu jenem Landmann ziehen und nach seiner Tochter Hulda fragen. Also tat Borns und zog in das anmutige Dörfchen., nahe bei Jerusalem und fand sich bei dem wohlhabenden Landinann ein und fragte nach seiner Tochter Hulda. Diese aber trat ihm in strahlender Anmut entgegen, erfaßte seine Hand und sagte: „Ich Hab' auf dich gewartet." „Verzeih mir, Hulda," sagte Borns, ,-daß ich dich so lange-habe warten lassen." Sie aber unterbrach ihn mit den Worten: „Ich wußte, daß dv deinen Schwur bei dem Brunnen und dem Wiesel halten wirst." Borns bat darauf den Landmann, ihm seine Tochter zur Frau zu geben: Der Landmann willigte drein. Und Borns und Hulda wurden ein Paar, hattest vidle Kinder und lebten glücklich bis an ihr Ende.