Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 39 (24.12.1920)
- Date
- 1920-12-24
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
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455 - Beobachtung derGesetzecherDhora nach der „b»fanatenDeutung" V1">Sb deretwetzen sie die heilige Stadt verlassen, um den Gesetzesverächtern auszuweichen, läßt uns diese neue Gemeinde als eine Gruppe von Orthodoxen strengster Observanz erscheinen, die von dem verketzerten Sadduzäern ebensoweit entfernt sind wie von den .Hellenisten. Hätten die Sadduzäer so ausgesehen wie diese Gemeinde, die Pharisäer hätten ihnen, trotz manch abweichender Auffassung des einen oder des anderen Religionsgesetzes, ebensowenig feindlich gesinnt sein können wie den Efsäern. Wie erwähnt, hat man es in dieser etwa 32 Seiten starken Schrift mit einer statutenmäßigen Gesetzessammlung, der eine sehr lange Mahnrede vorangeht, zu tun. Das Ganze erinnert an Nehem. 10; hier wie dort ist es ein neues Gemeinwesen, das feine Mitglieder in einen neuen religiösen Bund treten läßt und sie aus bestimmte Religionsvorschristen verpflichtet. Wir 'befinden uns hier in der Zeit vor dem Gewaltakte des Antiochus Epiphanes, wo in Jerusalem jedoch die Hellenisten die Oberhand haben. Diese Juden betrauern den Heimgang eines großen Führers, den fiep*7iC miö nennen und nach dessen Hinscheiden sie sich iu Jerusalem so verlassen fühlen, daß sie sich zur Auswanderung genötigt sehen, zumal sie in Palästina ein schweres Gottesgericht erwarten, und zwar nach 40 Jahren, d. h. nach einer Generation. , Auch in ihrer Mitte sind viele Mitläufer, die nicht nach der Lehre der Thora und ihrer traditionellen Auslegung leben. Aber diese werden rücksichtslos -exkommuniziert und auch über sie erwarten sie einen schweren himmlischen Gerichtstag. Di« lange, einleitende Strafpredigt ist in prophetischem Stile gehalten, ist mit biblischen Zitaten durchsetzt, undsie bemühen sich auch, ihre Absonderung von der Gemeinde Jerusalem sowie ihre Emigration nach dem Lande Damaskus aus den biblischen Prophetenworten hevauszulesen. So wird von ihnen der schwer verständliche Satz Amos 5, 26: nx DfiKtPJI 22*7 217 W -ILM 22'N*7X 222 22'»*?2 *V2 rmi 222*7» 171 r2 folgendermaßen gedeutet. „Die Bücher der Thora sind das Zelt des Königs", wie -es- (Amos 9, 11) heißt: Ich werde ausrichten das verfallene Zelt Davids. Der „König", das ist die Versammlung. Der „Bestand eurer Bilder", das sind die Prophet endlicher, deren Worte Israel verachtet hat. Der „Stern", das ist der Thorasorscher, der nach Damaskus gezogen ist, usw. Natürlich kommt es ihnen sehr zugute, daß schon der anschließende Satzj7V»1*7 HK^H» 222X Tl^jni lautet, was auf sie sehr gut paßt. Aehnliche Ausdeutungen erfahren bei ihnen auch noch andere biblische Sätze, die sie auf sich zu beziehen suchen. So z. B. das Brunnenlied in 4. Buch Mose 21, 18. „Der Brunnen", das ist die Thora. „Die Fürsten", das sind die Bekehrten Israels, die aus dem Lande Judäa ausgezogen sind und im Lande Damaskus sich niedergelassen haben. Die „Ersten des Volkes", das sind die, welch« den Brunnen bohren durch die Satzungen, die der Gesetzgeber festgsstellt hat. Der „Gesetzgeber" ist der Thorasorscher, usw. Die Mitglieder -dieser Emigranten scheinen sich somit von den Chafsidim in Jerusalem, die das Makkabäerbuch nennt, nur dadurch zu unterscheiden, -daß, ihrem Glauben nach, über den Rest der Frommen noch ein neues Exil verhängt wurde, woraus sie die Folgerung gezogen haben. In der langen statutarischen Gesetzessammlung fallen uns besonders die Momente aus, die von der pharisäischen Auffassung abweichen. So z. B„ wenn sie mit Hinweis auf 1. Buch Mo-se 1> 27; 7, 9; 5. Buch Mose 17, 17 und anderswo die Polygamie als eine „Hurerei" bezeichnen und Davids Vorgehen damit entschuldigen, daß er das Buch der Thora nicht gelesen hat; da es seit dem Tode Eleasars und Josuas versiegelt in der Lade lag, bis Zadok cmfstand. Wenn man berücksichtigt, daß -die überfromm-en Essäer das Cheleben überhaupt verpönt haben, dann wird man die erwähnte Anschauung sicherlich nicht als anti-pharisäisch bezeichnen, da sie nur das zum Gesetz stempelt, was den Pharisäern als ethisches Ideal 'vorschwebte. Dagegen befremdet es uns, wenn sie die Ehe mit eiMU^WdGdeOs- oder Schwesterstochter verbieten, und zwar mit der Motivierung, daß, wenn nach 3. Buch Mose 18,13 schon die Schwester der Mutter „das Fleisch deiner Mutter" ist (K\T"[»X "lKtP), die Enkelin -deiner Mutter es dann erst recht ist. Wenn es uns stets rätselhaft erschien, daß die Ehe mit einer Nichte im Talmud so sehr empfohlen wird (Jebam. 63,1), so wissen wir nun, gegen wen diese Worte gerichtet sind. Und wenn wir hier ferner das rigorose Verbot lesen, jemand, der in den Brunnen gefallen ist, am Sabbat herauszuholen, so verstehen wir auch, auf wen die energischen Proteste des Talmuds Hinzielen. Schon die vielfache Verschärfung des Verbotes, am Sabbat in der Nähe der Heiden zu weilen oder ihr Gewand anzuziehen, wie überhaupt das unablässige Bestreben, den Verkehr mit den Heiden zu -unterbinden, zeigt, wie falsch es ist, nach einer Verwandtschaft zwischen dieser Gruppe und den späteren Sadduzäern zu suchen. Und doch hat hier, wie später bei den Pharisäern, die rigorose Entfernung von dem Heiden keinesfalls zu seiner Geringachtung irgendwie beigetragen. „Niemand soll seine Hand ausstrecken, um das Blut irgendeines Heiden -um Vermögens oder Prosits willen zu vergießen. Auch soll er nicht irgend etwas von ihrem Vermögen nehmen, auf daß sie nicht lästern, es sei denn auf Beschluß der ganzen Genossenschaft Israels." So steht heute, nach mehr als 2200 Jahren, eine große Gruppe der Chassidäer der vormakkabäischen Zeit lebendig vor uns und gewähren uns so einen tiefen Einblick in die Seele unserer Ahnen in einer Zeit, aus der uns bisher kein zeitgenössisches Dokument Kunde gebracht hat. huids unti iBorim. Von Marek ScherIag. lebte vor vielen, vielen Jahren in einem anmutigen Dörfchen nahe bei Jerusalem ein wohlhabender verwitweter Landmann. Der hatte ein« Tochter mit Namen Hulda; -die war so schön und lieblich, -daß man in allen umliegenden Ortschaften von ihrer Schönheit sprach. Sie hatte einen schlanken Wuchs, schwarze Augen, ein edelgeschnittenes Gesicht; auch -Gaben -des Herzens und des Geistes waren ihr von Gott verliehen. Hulda war fromm und gottesfürchtig und sie hatte jenes gläubige Gemüt, das man für gewöhnlich träumerisch nennt. Gar oft in stiller Nacht, und manchmal auch am lichten Tage, dachte sie -an ihre früh verstorbene Mutter, und sie dachte an sie so inbrünstig, so traumverloren, daß -ihr die Erinnerungen zu wehmütigen süßen Erlebnissen wurden. Eines Tages schlichsich -die schöne Hulda aus dem Baterhause und schloß sich einem Zug von frommen Pilgern an, die zum Pass-ahfeste nach Jerusalem wallfahrten. Die königliche Stadt Jerusalem, wo -der hehre, säulenreich-e, marmorprächtige B-eth-Hamidrasch stand, wo der Ewige thronte, zu dessen Preis und Ruhm unzählige Scharen von Andächtigen zusammenströmten, diese königliche Heilige Stadt war immer Huldas große Sehnsucht gewesen; seitdem aber dort ihre Mutter bei ihren Ahnen bestattet lag — Huldas Mutter war nämlich in Jerusalem gestorben und wurde dort begraben —, war ihr diese Stadt besonders lieb und teuer.' Das Passahsest sollte auch diesmal, wie alljährlich, in Jerusalem mit unvergleichlicher Pracht begangen werden. Diese Pracht, diesen Glanz zu schauen, zog es sie mit Macht dahin. Und so pilgerte sie denn gen Jerusalem, ohne daß sie dem Vater ein Wort des Abschieds gegeben hätte. Denn sie wußte, daß der Vater als Aeltester der Dorfgemeinde das Passahfest daheim hatte