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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-12-24 · Heft 39 (24.12.1920) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 39 (24.12.1920)
Date
1920-12-24
Page
Seite 451 (sequence 7)
Language
German
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Juden auf dem Lande gemacht Warden, und daß viele davon die Versuch sper i o de gut über standen und zurzeit kleine, aber vielverheißende landwirtschaftliche Zellen bilden. Warum sollte es unmbg'l'ich sein, angesichts des jetzt herrschenden Dranges zur Scholle diesen Zellen neue, passende Kräfte aus der Mitte der Einwanderer zuzuführen? Insbesondere aus den jüdischen Dorfbewohnern Galiziens und Polens? Nichts wäre so imstande, die Behörden für die jüdische Einwanderung günstig zu stimmen, als gerade so ein Versuch, und wenn es auch nur Leim blohen Versuch bliebe. Es öffnet -sich hier ein dankbares Arbeitsfeld für die amerikanischen Juden, die sich mit so rührender Liebe ihrer Brüder im Osten, annehm'en. * Die Einwanderung nach Amerika. Washington, 14. Dezember. Das Repräsentantenhaus hat den Gesetzentwurf über die Einwanderung! mit gewissen Abänderungen angenommen. Nach den Bestimmungen dieses Gesetzlos ist jede Einwanderung nach den Vereinigten Staaten wahrend eines Jahres verboten. Die Führer der verschiedenen Parlamentsigruppen des Senats glaubin, daß der Senat die Bill verwerfen wird. I Sr. Simon Lppenttein. | m 19. November, kurz nach Beginn des Sabbats, schloß Simon Eppenstein, Dozent am Rabbinerseminar in Berlin, nach kurzem Leiden die Augen zum ewigen Schlummer. Mit ihm ging ein Mann dahin, der sich durch sein umfassendes Wissen, durch die Gründlichkeit seines Forschens, die Tiefe seines Gemütes und nicht zuletzt durch die Eigenart seiner ganzen Persönlichkeit einen Platz in der Reihe der führenden Gelehrten der heutigen Judenheit, den Pflegern der Wissenschaft vom Judentum erworben hat. Er war geboren 1864 in Krotoschin, einem kleinen Städtchen der Provinz Posen, das weit über die geringe Zahl seiner Einwohner hinaus in jenen Jahren ein Mittelpunkt jüdischer Intelligenz und deutschen Fleißes war, eine Fülle von charakteristischen Persönlichkerten aufwies und ein Gemeindeleben von eigenartiger Prägung hatte. War es doch die Stadt, von der aus die weitberühmte hebräische Druckerei Monasch ihre Erzeugnisse in die Welt hinaussandte, in ihr hatte Israel Lewy seine Gymnasiastenjcchre verlebt, in ihr ^hatten Grätz und Israel Lewy die Häuser gefunden, aus denen sie sich ihre Frauen holten. Dort wuchs Simon Eppenstein heran, unterrichtet von seinem Vater, der einer der namhaftesten Talmudkenner der Provinz war. Familientraditionen — er war der Urenkel des alten Schönlanker Rabbiners Leib Blaschke, der am Anfang des vorigen Jahrhunderts einer der ünterrichtetsten und einflußreichsten Rabbiner des deutschen Ostens war — führten seine Gedanken und Neigungen früh schon dem rabbinischen Berus entgegen. Er bezog das Breslauer Seminar, aber die konservative Gesamtrichtung seiner Seele und das Verlangen nach einem fest umrissenen Standpunkt ließen ihn nach kurzer Zeit diese Bildungsanstalt mit dem HildeSheimerschen RabbinerseMinar vertauschen. Hier vollzog sich die Prägung seiner Persönlichkeit. An der Berliner Universität widmete er sich der orientalischen Philologie; seine Lehrer, Sachau insbesondere, ernannten bald seine starke wissenschaftliche Befähigung und hatten den ausgesprochenen Wunsch, ihn der wissenschaftlichen Laufbahn zuzusühren und zu erhalten, aber er fürchtete Konflikte; die Stelle eines Bibliothekars am Orientalischen Seminar, für die er ausersehen war, hätte ihn vielleicht seinem Willen zur Sabbatheiligung nicht gehorchen lassen, so zog er es denn vorü ber ursprünglichen Absicht treu zu bleiben und den Rabbinerberus festzuhalten. 1889 ward er in Briefen, einem kleinen westpreußischen Städtchen, Rabbiner. Es ist kaum notwendig zu sägen, daß er dieses Amt, was Predigtberuf, Unterricht, Seelsorge anlangt, mit unendlicher Hingabe und zum Segen der ganzen Gemeinde versah. Aber die Enge der Verhältnisse drückte auf ihn, sein Geist strebte ins Weite. Sein Leben zu erschöpfen in der Kleinarbeit des rabbinischen Berufes, Elementarunterricht zu erteilen und ewig sich mit den Alltagssünden und -sorgen der Spießbürger und Philister herumzuschlagen, entsprach nicht dem Reichtum seines Könnens und seiner Fähigkeit. Der Enge der materiellen Verhältnisse und dem Drucke von mancherlei Parnoßimwillkür entzog er sich seelisch, indem er ins Reich des Geistes sich flüchtete. In dem kleinen Städtchen, fern aller aus persönlichem Verkehr mit Gleichgesinnten fließenden Anregung, begann er eine fruchtbare und mannigfache wissenschaftliche Arbeit. Das Feld seiner Tätigkeit war die Erforschung der jüdisch-arabischen Epoche, die Vergleichung des Hebräischen mit dem Arabischen, die Aufspürung der Einflüsse, die aus dem Arabischen auf Grammatik, Wortbildung und Wortbedeutung des Hebräischen des frühen Mittelalters sich geltend gemacht hatten. Wer da weiß, was es bedeutet, fern jeder persönlichen Anregung, fern von allen Bibliotheken, fern von allen Zentren eines gesteigerten geistigen Lebens wissenschaftlich tätig zu sein und neues Gebiet anzubauen, der wird ahnen und ermessen, welche Summe von Energie und Zähigkeit, zugleich aber auch von Selbstlosigkeit und treuer Hingabe dazu gehörte, diese Arbeit zu leisten. Was ihn dazu besonders fähig machte, war eine außergewöhnliche Beherrschung des klassischen Arabisch. So bearbeitete er denn die alten Grammatiker und Kommentatoren der jüdisch-arabischen Epoche und seine Arbeiten zeigten dem Kenner klar das tiefe und überlegene Verständnis, das jene alten Kommentatoren für die Probleme der Bibelforschung und Bibelerklärung hatten, wieviel wir von ihnen und gerade von ihnen für die Worterklärung und den Gedankenzusammenhang der Bibel lernen können. Es ist hier nicht am Platze, alles das, was er auf diesem Gebiete geleistet und bis zu seinem Lebensende geschrieben hat, ausführlich und namentlich aufzuführen, nur auf einiges sei besonders hingewiesen, so auf die erste Publikation, die seinen Namen im Kreise der Fachgelehrten bekannt machte, die in der „Monatsschrift" erschienenen Studien über Josef Kimchi, seine Veröffentlichung des Bibelkommentars von Abraham Maimuni, seine Mitarbeit am Maimonides-Gedenkwerk und die ganz kürzlich erst im „Jeschurun" erschienene Zusammenstellung hebräisch-arabischer Sprachvergleichungen. Allmählich wurde man auf ihn in der wissenschaftlichen Welt aufmerksam, namhafte Zeitschriften bemühten sich um seine Mitarbeiterschaft, die Neuherausgabe des fünften Bandes von Grätz' großem Geschichtswerk wurde ihm anvertraut. Seine Studien hatten ihn auch zur Beschäftigung mit der gaonäischen Epoche geführt, von hier aus vollzog sich für ihn ein besonderes Sicheinsühlen in die jüdische Geschichte, der Sprachforscher und Exeget wurde auch zum Historiker. So lenkte sich, als das Berliner Seminar nach Professor Berliners Rücktritt einen Dozenten für Geschichte brauchte, der Blick auf ihn, der bedeutende Leistungen auszuweisen hatte und in unverfälschter Orthodoxie zuverlässig war. 1911 wurde er aus der erdrückenden Enge seines bisherigen Lebens, die ihn innerlich aufzureiben drohte, herausgehoben, als Dozent ans Seminar berufen, wo er nun das Fach der Geschichte und in Barths Nachfolge auch das Fach der Exegese lehrte. Ein neues Feld der Tätigkeit eröffnete sich jetzt vor ihm, das ihm angemessene Feld der ausschließlich wissenschaftlichen Forschung und des akademischen Unterrichts. Zugleich begann damit ein größeres Wirken ins Weite, denn seine Veröffentlichungen in all ihrer tiefgründigen Gelehrsamkeit waren der Natur der Sache nach doch nur für einen beschränkten Kreis von Fachgelehrten berechnet gewesen. Mit gewissenhafter Hingabe und eisernem Fleiße oblag er

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