Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 39 (24.12.1920)
- Date
- 1920-12-24
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229481--76065-3288621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
44$ demokratischen - Staat"- -SeL'MAuHsÄhrungerr>, die auch - ans Juden interessieren, lauten im Auszüge wie folgte - Naumann'ist schon für die Trennung vcmErche und Staat'eingetreten.. Es sei ein Verdienst der Demokratischen Partei, Klarheit und Minlichkeit in dieses Gebiet hi nein getragen zu haben. Sie hat „keine Religion aus Religion", aus Achtung vor der religiösen Ueberzeugung. x\n unsere Parteistatuten ist deshalb keine konfessionelle Bestimmung ausgenommen worden. Wir verlangen völlige Freiheit, auch Freiheit der Lehrerbildung ohne irgendwelchen kirchlichen Truck. Auch da? politische Leben wüst frei werden von konfessionellem Zwang- Da? rührt nicht an unserer Gesinnung. Als unmittelbar nach der Revolution unsere christliche Gesinnung in Gefahr zu kommen drohte, fuhr ein zu hoher Teutonicus auch durch die protestantischen Kreise. Die religiösen. Motive, die Frage nach der Sinndeutung des so sinnlosen Daseins, sind ungeheuer im Wachsen; auch unter dem Einfluß des brutalen Friedellsvertrages mit ferner Nichtachtung der. Menschlichkeit angesichts einer ganzen Nation! (Beifall.) Religion ist nicht Privatsache, sondern Gemeinschaftssache. Die neue Verfassung, hat sich mit Recht bemüht, dem religiösen Unterricht eine dauernde Statte in uilfereul deutschen Schul- und Bildungswesen, zu sichern. Der Staat soll der Kirche ihre volle innere Freiheit geben. Daraus folgt aber nicht, daß er sie sich einfach überläßt und ruhig zu sieht.' daß sie unter Umständen verdirbt. * Das Vermögen der Hohenzollern. Die Preußische Lrmdesversamnrlung beriet kürzlich den sozialistischen Antrag Hauschild, der die Uebereignung des Vermögens der Hohenzollern an die Republik Pverlßen ohne Entschädigung bezweckte. Der. wehrheMoAiellWsche.. Parteiredner Abg. Heilmann führte am Beginn der Begründung des Antrages aus: ..Bei der Diskussion der Angelegenheit Löwenstein ist geäußert worden, Ulan sollte mit Rücksicht aus die andersdenkende Bevölkerung keinen jüdischen Stadtschulrat berufen. Es ist auch weiterhin gesagt worden, man solle den vorliegenden Antrag nicht durch einen Staatsbürger jüdischen Bekenntnisses vertreten lasten. Als Staatsbürger, der sein Blut für das Vaterland vergossen hat, erhebe ich Anspruch darauf, voll geachtet zu werden. Im übrigen habe ich keinen Tadel gehört darüber, daß Herr Helfferich sich einen jüdischen Anwalt genommen hat, und auch die Sache der Hohenzollern wird ja von Herrn Justizrat Löwenfeld geehrt. (Lebhaftes Hört, hört! 'links.) So sollten Sie (nach rechts) sich auch damit abfinden, daß die Sache der. Republik gegen die Hohenzollern durch Heitmann geführt wird." < Beifall links.) m Auf dem Parteitag der Deutschen Bolkspartei, her gleichfalls in Nürnberg tagte, lag am Schlüsse des ersten Berhandtungstages ein Antrag der Bezirksorganisation Ostpreußen vor, welcher gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Einwanderung von Ostjuden fordert. Der Antrag wurde angenommen, ebenso ein Zusatzantrag, welcher die Ausweisung der bisher bereits eingewanderten Ostjuden verlangt. * Die Juden und die Tuberkulose. Der gemeinsame W o h l f a h r t s a u s s ch ü ß der B e r l i n c-r L o .g e n U. O. B. B. und die Z e n t r a l w o h l s a h r t s ste l l e der deutschen Juden hatten zu einer gemeinsamen Veranstaltung eingeladen, welche einer Untersuchung über das Verbältnis der Judenzur Tuberkulose gewidmet war. Der Vorsitzende des L o g e n a u s f ch u s s e s. Herr L i ch t e n st e i n, entwickelte vor einem erlesenen Publikum die Grundzüge der sozialen. Arbeit der Berliner Logen. Sie hat immer in den Logen einen günstigen Boden gefunden, die' bei allenkätastrdphalest^ 'Ereignissen in der Judenheit tätig eingegriffen hat. Auch jetzt sind die Logen zur Mitarbeit an den Fragen der Gegenwart bereit; sie'haben sich der Kinderhilfe in großzügiger Weise angenommen und wollen sowohl in der Ostfuden.ffage als tu-der-''Fürsorge--fii-r-die-' die abgetretenen Pr^pinzeu - .vertgsseyd^p..Inders tätig, wirken. Sie wollen diese.Arbeit in engster Mhlürrg mit. den."bestehendenOrgamsationen aufnehmen. Kommerzienrat Dr. .Ne tte r erläuterte den Begriff.und die Notwendigkeit einer rituellen Lungenhellstätte, die dringend erforderlich ist. Viele fromme Patienten verzichten lieber ans ihre .Genesung^ als eine interkonfessionelle Heilstätte aufzusuchen, in der sie antisemitische Belästigungen firrchten. Für die Bedürfnisfrage darf die Tatsache nicht unboachtet bleiben, daß die Tuberkulose bei den Juden 'bei einer Krankenhaus- oder Heilstättenbeharrdlung meist einen günstigeren Verlauf nimmt als bei -der anderen Bevölkerung. Durch die Behandlung in Heilstätten kann also ivertvostes Menschenmaterial -den Familien und der Allgemeinheit erhalten bleiben. Eine Anzahl bekannter jüdischer Aerzte hat sich bereits.vor drei Jahren für die Errichtung einer rituellen Lungelcheilstätte ausgesprochen. Das Interesse für diese Frage ist ständig gewachsen. Ein Arbeitskomitee suchte nach einem geeigneten Gebäude,.das in «dem ehemaligen Kurhotel in Schwanenwasen bei Baden-Baden gefunden wurde. Die Anstalt soll als gemeinnützige Wohlsährtsaktiengesellschaft begründet werden, deren Kapital von. etwa IX» Millionen Mark in Stücke von 1000 Mart eingeteilt wird. Tie Gemeinden sollen, sich durch die Uebernahme von Aktien beteiligen, der Rest muß von den Glaubensgenossen in ganz Deutschland aufgebracht werden. Die Aktien werden eine mäßige Verzinsung erbringen können, da neben einer Anzahl von Freiplätzen für Unbemittelte auch Privatpatienten ausgenommen werden sollen. Auch Gemein dein Wohltätiigkeitsinstitute, Krankenkasten und private Wohltäter werden ebenfalls Patienten überweisen und die Sätze bezahlen, welche den tatsächlich ausgewendeten Kosten entsprechen. Außerdem -darf auch mit milden Stiftungen und Legaten gerechnet werden. Eine Stiftung von 500 000 Mark ist bereits von einem wohltätigen Glaubensgenossen in Frankfurt a..M. zugesagt worden. Diesem Beispiele müssen alle Glaubensgenossen folgen, die ein mildes Herz und eine offene Hand haben. Die 'Schaffung der jüdischen Lungenheilstätte ist eine der dringendsten Aufgaben, für welche die deutsche Judenheit Opfer bringen muß. Dr. med. I. W S a in fön macht interessante Ausführungen über das Verhalten der Juden zur Tuberkulose. Ueberall, wo Juden unter den gleichen Lebensbedingungen wie die übrige Bevölkerung leben, reagieren sie auf die Tuberkulose ebenso wie diese, abgesehen von dendurch den Rastenunterschied bedingten Besonderheiten. Das Vorhandensein derartiger Besonderheiten ist durch zahlreiche Spezialuntersiichungeu nachgewiesen. Es ist ferner durch 'wissenschaftliche Beobachtungen festgestellt, daß die geringe Anfälligkeit der Inden durch einen besonders günstigen Verlauf der Krankheit unterstützt wird. Tie Widerstandsfähigkeit der Juden gegen diese Seuche ist demnach weit höher als die der Umwelt. Diese Eigenart ist durch Generationen entwickelt. Den Schlüssel für diese Merk- Würdigkeit liefert die Geschichte der Epidemien, welche beweist,, daß bei-den Juden die Rassenimmunität auf ererbtem Wege herangebildet hat. Während des 17. und 18. Jahrhunderts herrschte bei den Juden besonders hohe Sterblichkeit. Jur Laufe der Zeit hat sich dann die Immunität herausgebildet, die durch Inzucht verstärkt wurde. Durch diesen Beweis der geringen Empfänglichkeit und des günstigeren Verlaufes «der Krankheit erwachsen der Bekämpfung der.Tuberkulose bei . den Juden in Deutschland besonders günstige Aussichten. Ordens-Großpräside>nt Geheimrat T i m e n d o r f e r hofft, daß -die Pläne der Referenten durch opferbereiten Idealismus bald in die Tat umgesetzt werden können. Die Mitwirkung der großen Organisationen überhebt den einzelnen nicht der Pflicht zur Mitarbeit. Der deutschen Judenheit erwächst hier eine Aufgabe, an der alle Glieder ohne Unterschied der Partei Mitarbeiten können. Die Erneuerung des sittlichen Bewußtseins ist die Kernfrage unserer Gegenwart. Der wirksamste Weg zu diesem Ziele ist die Erweckung des Wohltätigteitssinnes, 'der den einzelnen und die Gefa-mtheit veredelt. Der Großpräsident rief namens der Großlage U. O. B. B. alle Ordensbrüder zur opferwilligen Mitarbeit und Unterstützung des neuen Werkes au?,' dessen Förderung eine Pflicht aller Juden in Deutschland ist, denen das Wohl Wer Gemeinschaft und des Vaterlandes am Herzen liegt' DM Interesse, mit der die Versammlung den Ausführungen aller Redner bis zürn- Schlüsse folgte, läßt für das neue Werk eine baldige Verwirklichung erhoffen. ' E.' flF *