Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 38 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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o sprich, warum schaust du befremdet V I V das Wüten und das Toben deiner Feinde? Ist Vir so fremd denn Druck und Heiß geworden? Wie lange iM, daß du in düstern Gassen, hinweggestoßen aus der Menschheit Kreise, 'ein Fremdling in der Mitte deines Landes, ein einsam, freudenleeres Dasein führtest? Wie lange ist's, daß zügellose Rotten - dir alles, was dir lieb und teuer, raubten und du, ein heimatloser, armer Bettler, von dannen mit den Deinen mußtest wandern? Wie lange ist's. daß dich zu Gottes Ehr' und Ruhm des Scheiterhaufens Flammen fraßen und ganze Scharen, Wahrer reinen Glaubens, dahingeschlachtet und durch eigne Hand den Tod erlitten für den Ein'gen %)tt? Wo sind die Widersacher all' geblieben, wo sind die Mächt'gen, die dich, grimmig hassend, vom Angesicht der Erde tilgen wollten? Der Zorn des Herrn hat sie wie Spreu verweht! /Du trittst auf ihren Gräbern hoch einher. Du schreitest auf den Höhen dieser Erde so stark und mächtig wie in grauer Vorzeit Warum, o sprich, mein Volk, blickst du befremdet? Schau doch zurück auf jene Ruhmestage, wo nur ein kleines, gottbeseeltes Häuflein, von glaubensstarken Helden angefühvet, vernichtete des stolzen Feindes Heere und hoch auf Brüderleichen, Feindesleibern die Glaubensfahne treu und frei geschwungen! Und wie die Kampfeslöwen, fromm und freudig, das Heiligtum von neuem weiheten und jubelfrohe Dankeshymnen sangen dem Herrn, der ihren Waffen Sieg verliehen! Oft hast seitdem, Haus Juda, du gerungen im Kampfe gegen eine ganze Welt. Durch Blut- und Tränenbäche ging dein Pfad; doch krönte immer dich ein hehrer Sieg! Nun denn, Verzagte, fasset neuen Mut; denn Gott wird nie sein treues Volk verlassen und, da es Träger hoher, reiner Wahrheit, wird es wie diese nimmermehr vergehen! Und mögen viele auch, des Kampfes müde, mit einer Lüge Volk und Glauben leugnen ~~ — oh, bange nicht! Es mag die Spreu zerstieben, es bleibt das Korn — — und in der hehren Zukunft wirst du, mein Volk, das oft mit Tränen säte, in Fried' und Freuden reiche Ernten halten!! Annaberfl. S-aphrn. Literarische Mitteilungen. — Die Lyr i k der Ka bb a lah (Die geistliche Lyrik der Juden, 1. Teil). Van Me i r Wiener. R. Löwit Verlag, Wien und Leipzig, 1920. . .Preis broschiert 16 Mark, gebunden 20 Mark. . Meir Wiener, der sich erst kürzlich durch seine inhaltstiefe Trilogie „Messias" rühmlichst bekannt gemacht hat, beginnt mit diesem Bande die Veröffentlichung einer Anthologienreihe, die in dankenswerter Weise die lyrischen Schöpfungen des hebräischen Schrifttums dem deutschen Leser vermitteln will. Das jüdisch-mystische Erlebnis, das Hp der dichterisch.inspirierten Sprache der religiösen Lyrik seinen intensivsten Ausdruck gefunden hat, erscheint in diesem Buche dem Leser nahegebracht. Kein pedantischer Philologe, ein schöpferischer Nachdichter, der Inhalt und Wesen seiner Vorlagen, von allen Nebensächlichkeiten befreit, vielfach zum ersten Male in deutscher Sprache nachbildet, erschließt hier ein neues Geistesgebiet von ungeahntem Reichtum. Eine ebenso originelle als tiefgründige Einleitung ebnet den Weg in diese fremde Gedankenwelt. Das vorliegende Werk bedeutet die Einbeziehung, eines neuen Kulturkreises in die deutsche Literatur, der. bisher von Liebhabern fremder Richtung leider vernachlässigtwurde. . . ■ =:= F ra n z Rose nzweig : Bil düng. — und kein.Ende. Verlag$aufniann,$mn£f'Urt a. p. 1920. . , Der Verfasser versucht, einen Beitrag zum Problem, der gegenwärtigen jüdischen Bildung zu. geben, und schreibt seine Meinung aus überguellendern Herzen heraus. So muß es der kurzen Schrlfi natürlich an Systematik mangeln, aber manche seiner Ideen sind doch wertvoll, beachtet zu werden. Die jüdische Volkshochschulbewegung hat mit der deutschen das Bedenkliche gemeinsam, daß sie nur in ein organisiertes Vorlesungswesen auszuarten scheint. Hier setzt Rosenzweig ein. Er will die Grenzen zwischen Lehrenden .und Lernenden verwischen; nur ein Sprechraum, eine Sprechzeit sollen festgesetzt werden, und dann mag sich um einen Führer eine Gruppe Juden scharen, die mit ihm um die Erkenntnis der jüdischen Dinge ringt. „Im gleichen Sprechzimmer und in der gleichen Sprechstunde, wo sich die Schüler finden, werden auch die Lehrer entdeckt werden." Drückt man diese Dinge etwas schlichter aus, so heißt das, daß in dem Vv'lkshockWchullveseu seminaristis!ch?.r Betrieb oder, noch anders gesprochen, die Arbeitsgemeinschaft an die Stelle des Vortrags treten soll, und dieser Gedanke Rosenzweigs, der an sich nicht neu ist, verdient doch im Hinblick aus den kommenden Winter und die neueinsetzende Arbeit der jüdischen Volkshochschulen besondere Beachtung. Breslau. Dr. W. C. * — E i' n e C h a n u f a - K li, n d e r s p c n >d e gibt der Welt-Verlag in Gestalt, einer Sondi^r-DoPPelnnnnner der Jugendzeitschrift „Bar Kochba" heraus. Das 32 Seiten stärke Heft bringt eine Anzahl interessanter textlicher Beiträge, von denen die meisten auf das Fest Bezug haben. . Darunter finden sich Gedichte in deutscher und hebräischer Sprache und Lieder. Außerdem finden wir eine Reihe von Aufsätzen allgemeinen Inhalts, z.. B. eine sehr interessante Darstellung der Gründung Pennfylvaniens, „Mac, der Kohlenjunge" von Bernhard Kellermann, eine Reihe kleinerer Aufsätze über jüdische Ereignisse, eine Palästinarundschau und Rätsel. Eine Anzahl besonders schöner und interessanter Bilder zeichnet das Büchlein aus, das vorzüglich ausgestattet ist. Es kostet in steifem Umschlag 3 Mark. Wir empfehlen es angelegentlichst. — M oses Pipen b r i n k s A b e n t e u e r. Von C. Z. K b ö tz e fd Weltverlag, Berlin. Preis Mb. 12 Mark. Gerade rechtzeitig zu Chan-uka erscheint dieses Jugendbuch, das eine ganz neue Art dieser Bücher jüdischen Inhalts darstellt. Es ist Klötzel in vorzüglicher Weise gelungen, all die Spannung, die Kinder gern in ihren Büchern erleben, in einen Stoff hrneinzutragen, der stärk von jüdischen Dingen ersüllt ist. Moses Pipenbrink ist ein jüdisches Flüchtlingskind,- das von einem Schiffsjungen ausgefunden und von dessen Mutter in den ersten Jahren erzogen wird. Wie er schließlich wieder zu den Juden kommt und wie er seine Kinderjahre verlebt, das wird mit einer Lebendigkeit und Anschaulichkeit geschildert, die den „Pipenbrink" von vornherein zum Lieblingsbuch unserer .Kinder bestimmt erscheinen lassen. Das Beste, was man von dem Buch sagen kann, ist, daß es in seltener Weise auf die kindliche Psyche^eingLsteÜtUst'und alles Lehrhafte völlig vermeidet. Um s,o mehr werden die Leser davon profitieren. Der Weltverlag hat das Buch sehr schön und gediegen ausstatten lassen. Eine Reihe hübscher Illustrationen begleitet den Text. ' : *** ‘ > S ch^ G o r e l i k: Fünf Jahre iin Lande Neutralien. (Schweizer Kriegserlebnisse eines jüdischen Schriftstellers.) Jüdischer Verlag, Berlin, 1919. Preis 8- Mark. In zwölf anmutigen Plaudereien führt uns der Verfasser in das Land Neutralien, das vielen Menschen während der Kriegszeit als das gelobte Land erschien, tzr versteht es, an unserem Auge eine Reihe eigenartiger jüdischer Typen vorbeigleiten zu lasten, und Menachem Mendel, der Pazifist, und Nachum-Nachum, der Freund