Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 38 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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437 Die „Neue Züricher Zeitung" brachte vor kurzem einen längeren Artikel über die Judenfrage in Ungarn -aus der Feder Dr. I. Polt6ras, der längere Zeit in Budapest geweilt hatte und in einer Artikelserie die Verhältnisse in Ungarn zu entschuldigen und zu erklären trachtete. Da der auf das ungarische Judentum Bezug habende Teil der Erörterungen Dr. Polteras offenkundig den Stempel einseitiger und in antisemitischer Wolle gefärbter Informationen trug, ohne daß sich der Artikelschreiber der Mühe unterzogen hätte, diese Informationen auch auf ihre Richtigkeit zu prüfen, sah der Präsident der Pester Israelitischen Religionsgemein.de, Hofrat Franz Szök.el-Y, sich veranlaßt, an die „Neue Züricher Zeitung" ein längeres Schreiben zu richten, dem diese auch Raum gab. Wir publizieren hier den aus den ungarischen Antisemitismus bezüglichen Teil dieses Schreibens, der ein objektives Bild dieser Frage bietet: „Es würde mich zu weit führen" — sagt Hofrat Franz Szökelh in diesem Schreiben —, „die Erörterungen Herrn Polteras weitläufig zu widerlegen. Ich wünsche nur darauf hinzuweisen, daß der Antisemitismus in Ungarn auch schon vor dem Weltkriege zeitweilig aufgetaucht ist, und zwar als Nachschwingung des deutschen Antisemitismus, wie denn auch jede mächtigere deutsche Bewegung, wie Agrarismus, Militarismus, Schutzzölle, bei uns stets eine Resonanz gesunden hat. Ganz unrichtig hat der Artikelschreiber den Tisza-Eszlärer sogenannten Ritualmord eingestellt, den der königliche Gerichtshof laut der Prozeßordnung verhandelt hat und der mit dem Freispruch sämtlicher Angeklagten endigte. Die Behauptung, daß in Anknüpfung an die Pariser Alliance Jsra6lite ein jüdischer Block gegründet worden sei, zählt zu den abgedroschenen Phrasen der deutschen antisemitischen Literatur und ist bis auf den letztem Buchstaben eine Erdichtung. Bedauerlicherweise ist es jedoch wahr, daß sich unter den Führern des Kommunismus in Ungarn in verhältnismäßig großer Zahl Juden befunden haben. Wenn wir jedoch überlegen, daß in Budapest ein Drittel der Bevölkerung, von der jüngeren Intelligenz mindestens die Hälfte, israelitischer Konfession ist, wenn wir ferner bedenken, daß der Kommunistenputsch in erster Reihe eine Budapester lokale Aktion gewesen, so wird auch dieser Umstand begreiflich. Daß aber die große Masse der jüdischen Bevölkerung nicht kommunistisch gesinnt ist, beweist sonnenklar der Umstand, daß bei den im Februar 1919 — also einen Monat vor dem Kommunistenputsch — für die Budapester Israelitische Gemeinde (300 000 Seelen) abgehaltenen Wahlen kein einziger Kommunist in die aus 400 Mitgliedern bestehende Repräsentanz gewählt wurde. Der ungarländische A n t i s e m i t i s m u s i st ein Krankheitssymptom, welches die über unser Land g e k o m nt enefürcht erliche poli ti sche u nd Wirts cha f t - liche Katastrophe heraufbeschworen hat. In solchen Fällen finden sich stets gewissenlose Menschen, die einen Sündenbock suchen, und dumme Leute, die sie auf den Leim locken können Die Wahrheit i st, daß die ungarischen Inden treue Bürger ihres Vaterlandes sind, die i m F r «t *e b t n und i m Kriege, auf demSchlachtfeldeund an den Steuerkassen, auf der Universität und in den Geschäften, mit einem Wort in allen. Zweigen des bürgerlichen Lebens pünktlich u n d b e g e i st e r k ihre Pflicht erfüllen. Sicherlich gibt es auch unter den Juden wie unter den Gläubigen anderer Konfessionen — verkommene, sogar auch verbrecherische Menschen. Der Unterschied ist nur der, daß in der Regel jedermann nur für seine eigenen Vergehen zu büßen hat — ausgenommen, wenn der Betreffende ein Jude ist. In diesem Falle werden für seine Vergehen die Juden des gesamten Erdenrundes verantwortlich gemacht." * Amerikanische Wünsche für Polen. Aus New Pork wird gemeldet: Der polnische Gesandte in der Union, Fürst Lubomirski, hat eine Konferenz jüdischer Delegierten zur Beratung der Judensrage in Polen einberufen. Die Konferenz faßt die Wünsche der amerikanischen Judenheit in folgenden acht Punkten zusammen: 1. Polen möge sich bezüglich der Judenfrage auf den Boden des Versailler Vertrages stellen. 2. Durch Befehl soll jede Attacke auf jüdisches Leben unmöglich gemacht werden. 3. Es soll -eiin Aufruf an die Zivilbevölkerung erlassen und für seine Verbreitung gesorgt werden. 4. Die Verbreitung aufreizender -antisemitischer Literatur ist zu' verbieten. 5. Den Regierungsbeamten wird untersagt, die Juden der' Vaterlandslosigkeit zu zeihen. 6. Ueberfälle auf Juden werden mit allen Mitteln unmöglich gemacht. Die amerikanische Judenheit wünscht von der polnischen- Regie-' rung Taten, nicht Worte, die allen Kredit in Amerika verloren haben. * Die ®tcmcn Palästinas. Zwischen Eng «and und Frankreich schweben zurzeit lebhafte Verhandlungen Mer die Grenzen Palästinas. Im Sykes-Pico-Vertrage' von 1915 hatten sich beide Länder über die Mgrenzung ihrer Inter-' ess.ensphäre in Syrien dahin geeinigt, daß ein Teil Nordpalästinas in die französische Interessensphäre hineinfiel. Durch diese Regelung würde Palästina vom oberen Jordan sowie von den Flüssen Litani und Iarmuk abgeschnitten, von denen das künftige Bewässerungs- und Elektristerungssystem des Landes cmsgch-en soll. Nachdem nunmehr Palästina zur nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes unter dem Protektorat des W'.'kerbundes and dem Mandate Englands erklärt worden ist, ist EnKand bemüht, eine Nordwärtsverlegung der palästinensischen Grenze a-nzu streben, um Palästina, den Zugang zu den genannten Flüssen zu erhalten. Ein Kontitee nordamerikanischer Persönkichlkeiten, an ihrer Spitze der römisch-katholische Erzbischof Kardinal Gibbons und der Präsident der Columbia-Universität Tr. Butler, tritt, wie die „Zionistische Korrespondenz" mit teilt, in einem Ausruf für dasselbe Ziel ein. * Arrtzerchalb des Völkerbundes. Von Rahel Edelstein-Friedmann in Genf erhalten wir folgenden Artikel: Seit mehr als einer Woche haben sich in Genf an 200 Vertreter von 41 Nationen der Well versammelt, um die Sorgen und Nöte jeder einzelnen Nation als gemeinsame Sorgen und Nöte zu betrachten und deren gemeinsame Ueberwindung zu beratschlagen.. Es sind darunter Nationen, die unmittelbar bei der Gründung der Gesellschaft der Nationen als ursprüngliche Mitglieder dieser angehören, dann solche, die, zum Beitritte eingeladen, dieser Ein-, ladung Folge geleistet haben. Eine von den letzteren, die mächtigste der Erde, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, haben ihren Beitritt noch nicht vollzogen, obgleich — o Ironie der Weltgeschichte! - ~ ihr Staatsoberhaupt Mr. Wilson der Proponent und Befürworter,' ja der eigentliche Begründer der Gesellschaft der Nationen war. Andere Nationen, wie Albanien, Georgien, Bulgarien, Liechtenstein und Oesterreich, haben ihren Beitritt angemeldet beziehungsweise um Aufnahme in die Gesellschaft der Nationen angesucht, und diese Gesuche hängen noch in der Schwebe.' Die deutsche Republik hat ihre Geneigtheit zum Beitritte mehrfach, unmißverständlich kundgegeben; Rußland und die Türkei befinden sich in latenten Kriegszuständen, was sie von einer Mitgliedschaft der -Gesellschaft der Nationen -sinngemäß ausschließt. Nur ein Volk steht, — ich weiß nicht, ob in „splendid isolation*- „in herrlicher Einsamkeit" -- außerhalb des Völkerbundes, ohne daß einer der Gründe, die für die Abwesenheit der anderen Abwesenden maßgebend ist, bei ihm zutreffen würde. Es befindet sich weder im Kriegszustände mit irgendeinem anderen Volke, noch ist sein Ausnahmegesuch noch unentschieden, denn es hat gar keins eingereicht. Es ist das jüdis5)e Volk, das wieder einmal abseits steht von den Völkern -der Erde, wie das Scham me sl ich tlei n an der Ehanuka-Menorah sich bescheiden abseits stellt, nachdem es die größeren Lichter entzündet hat. Denn daß auch das Judentum geistigen Anteil hat an den Bestrebungen, deren Endziel bor Weltfriede ist, das zu leugnen, hieße in die absichtliche Verken'NU'Ngstämpagne unserer Feinde mit eiwstimmen. Es ist gewiß Geist vom jüdischen Geiste, der in dem Weltfriedensprogramm unseres Propheten Jesajas seinen unvergänglichen Ausdruck gefunden hat und nunmehr von dem Mächtigen der Erde als das bessere Teil erwählt worden ist. £ ftlX v->\ vT r