Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 38 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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hatte, zu den Fliegern genwldet. und - hat Ms Kampfflieger an de!: Kämpstn im' Westen teilgenornrnen. Er ist dabei, abgesHöfsen worden, ist schwer herwundötin, die Hände der Franzosen gefallen und im MärH 1919 ausder Gefangenschaft^ zurückgekehrte Dieser^ Herr ist im August v. I. seitens einer Kommune als Hilfslehrer an einer Gemeindeschule angestellt worden. Als der Magistrat, die feste Anstellung des: mit den: Eisernen Kreuz l. Klasse - ausgezeichneten kriegsbeschädigten Lehrers beantragte, lehnte die. Negierung den Antrag unter Hinweis auf .das Volksschulunterhaltungsgesetz ab. Ueber die Unerträglichkeit solcher Verhältnisse für die davon Betroffenen braucht man kein'Wort zu verlieren. Aber auch rechtlich sind sie unhaltbar. Sie stellen einen Verstoß gegen die fundamentalsten Grundsätze des modernen Rechts, insbesondere des preußischen Staatsrechts und des Reichsrechts dar. Wir nehmen in dieser Hinsicht vollinhaltlich Bezug auf die Darlegungen bei I. Freund „Die Rechtsstellung der Juden im preußischen Volksschulrecht" (Berlin 1908, Guttentag, S. 302—305), die wir im Auszuge beifügen. ' - Als Vertreter von etwa 600 uns angeschlossenen preußischen Synagogengemeinden richten wir an eine hohe Landesversannnlung die ebenso ehrerbietige wie dringende Bitte, dem unerträglichen Notstand der jüdischen Volksschullehrer in Preußen ein Ende zu'machen und aus die Unterrichtsverwaltung dahin einzuwirken, daß an öffentlichen Volksschulen jüdische Lehrkräfte vorbehaltlos zur Anstellung gelangen. Der Ausschuß d e s D e u t s ch - I f r a e l i t i s ch e n Gemeindebundes. Prof. Dr. S. K a l i s ch e r. Geschäftsführender Vorsitzender. * Kinder tu 9toU Seit Ende November und Anfang Dezember findet eine Sammlung zugunsten der notleidenden Kinder statt, die von der „Deutschen Kinderhilfe" veranstaltet wird. Dem Arbeitsausschuß dieser Organisation gehört auch die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juiden an. Auf Grund dieser Tatsache haben die jüdischen Gemeinden das Recht, in die an allen Orten über 5000 Einwohner gebildeten Ortsausschüsse einen Vertreter zu entsenden, ebenso in die Provinzialausschüsse. Es ist somit die Gewähr dafür geboten, daß an dem Ergebnis der Sammlungen, welche zweifellos auch in jüdischen Kreisen starke Unterstützung finden, die der jüdischen Kinderhilfe dienenden- Einrichtungen in entsprechender Weise teilhaben werden. Es liegt im eigensten Interesse dieser gerade gegenwärtig besonders notleidenden Institution, daß auch von jüdischer Seite der „Deutschen Kinderhilfe" möglich reichlich Mittel zufließen. Der besonderen Sammlung, die im Januar in sehr intensiver Weise für das hilfsbedürftige jüdische Kind geplant ist', wird hierdurch nicht vorgegriffen. * Die Schule uufc der Antisemitismus. Ueb e r die Schule und den A n t ise m it i s mu s sprach eine Anzahl von Lehrern und Lehrerinnen in einer vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einberufenen großen-Versammlung. Pros. Dr. Paul Hildebrandt gab mit Bedauern das Bestehen einer starken antisemitischen Strömung an den Schulen zu und untersuchte die Frage, mit welchen Mitteln die Sch-ü'e. der antisemitischen Verhetzung entgegentreten kann, die einen ihrer Hauptherde in dem angeblich politisch neutralen „Deutschnationalen Schülerbund" hat. Die Wirksamkeit der Schu'.e nach bei zwei Lehrfächern. Religion und Geschichte, einsetzen. Der Begriff des Religionsunterrichts muß werter gezogen, auf der Oberstufe muß vergleichende Religionsgeschichte getrieben, und gezeigt werden, wie sich im Judentum ein reiner Döonotheisrnus entwickelte, der in der letzten Auswirkung des Prophetismus den Gründer..des Christentums hervorbrachte. Wenn der Religions-lehrer in dieser Art Geschichte lehrt, werden seine Schüler nicht auf den Antisemitismus hereinfallen. Im Geschichts-Unterricht muß die Beschränkung auf deutsche Geschichte aushören und -die umwohnenden Völker eiMezogen werden. Hierbei wird sich zeigen, daß auch unsere nationale Geschichte Flecken ausweist, wie. z. B. die Judenverfolgungen des Mittelalters, die nicht nur zufällig mit der Bi-ldu-ng eines christlichen Kaufmannsstandeszeitlich sammenfallen. , Der Schüler soll durch Der gleiche, wit eigenen Augen, sehen lernen und wird dann genug von der Relativität der, Dinge , wissen, um auch in kritischen Dingen seiner eigenen Erkenntnis zu vertrauen. Die 'Erziehung zur Kritik wird den Antisemitismus aus unseren ^Schulen vertreiben. " i. Die zweite Rednerin, - Oberlehreri'n Frä-u'liein Lydick S t Äcker, &>= dauerte die Vertiefung der Gegensätze zwischen den jüdischen und. christlichen Mitbürgern,. Vielfach ist die Schule eine Pflegstätte des Antisemitismus. Wenn eine derartige Gesinnung bei der Leitung einor Schule besteht, so. ist es selbstDerständ^lich, daß diese Gesinnung' sich nach unten fortsetzt. Die gesteigerte Empfindlichkeit jüdischer Schüler a?egenüber -antisemitischen Erscheinungen ist sehr begreiflich.: werden ihnen doch, von ihren Mitschülern Hakenkreuze auf die' Pu-'te: gemalt oder. antisemitische Flugblätter zugesteckt. Bedauerlicherweise, wird aber auch der beste Wille mancher Lehrtrüste durch, den Einfluß des. - Elternhauses gelähmt. Noch schlimmer sind die Auswirkungen des -Deutschnätiönalen Jug-endbu'ndes, der die Jugend vergiftet,'und die 'antisemitischen Tendenzen in den Wanderverbänden, welche Juden ausschließen. Besonders schmerzlich ist es, daß viele christliche Geistliche dem Antisemitismus zuneigen. Die ärgsten Antisemiten aber finden sich unter den Juden selbst, unter denen sich manche von ihrer Gemeinschaft absondern, um sich dadurch eine Ausnahmestellung zu erkaufen. Auch viele jüdische Eltern sindwürdelos genug, stch in den' Elternbeiräten mit allen Anseindungen abzufinden, wenn sie nur auf die Wählerliste gesetzt werden. Die Schule muß weit mehr als bisher Duldsamkeit und gegenseitiges Verstehen 'lehren. Der Druck, , unter dem die jüdischen Schüler in der Schule stehen, wirkt oft aus das ganze Leben nach. Die jüdischen Schüler sollten Zurückhaltung üben und dabei ihren Gegnern gegenüber -das stolze Selbstgefühl haben-, wenn ihr es wollt, so sind wir eben etwas anderes, aber unsere Eigenart ist nicht schlechter als die euere. In. dieser taktvollen Mitte zwischen Überschätzung und gerechter Selbstwertung liegt der einzige Weg zur Verständigung, die im Interesse des Vaterlandes unbedingt kommen muß. Ueber die Verhältnisse an den Volksschulen, die nach seiner Meinung günstiger liegen als an, den höheren Schulen, sprach Lehrer Lews. Die erste 'Scheidewand zwischen den Kindern wird in den Religionsstunden aufgerichtet, ob-, wohl gerade die Religion der Ntenschheitsverbindung dienen sollte. Im Neligionsunter richt müßte darauf hingewiesen werden, daß die herrlichsten Gedanken der Bergpredigt schon im Alten Testa men: zu finden sind, wie auch in der zeitgenössischen jüdischen Literatur. Der Schule erwächst eine ungeheure Aufgabe in der Pflicht: die Einheit der deutschen Volksgemeinschaft zu sichern. Die lebhafte Aussprache über die drei- Referate bewies das große Interesse, welches die zahlreich von Lehrern besuchte Versammlung der be-handAten Frage -entgegenbrachte. Studienrat Wagner wies :darauf hin, daß der Antisemitismus in der Schule die Seelen der Kinder verkrüppelt und ihre normale Entwickelung hindert. Tie Wirkung des Antisemitismus muß von der Jugend serngehalten werden. Das wird allerdings sehr schwer werden, wei'ä die weitaus größte-Anzahl aller Lehrer antisemitisch denkt. Sie werden zu dieser Haltung durch die Haltung der jüdischen Eltern geradezu ermutigt, weil diese es oft nicht wagen, für ihre Kinder einzutreten. Zurückhaltung ist aber hier nicht am Platze. Den Kindern werden keine Nachteile erwachsen, wenn der Kampf um die Gleichberechtigung, mit dem die Bekämpfung, des Antisemitismus immer Handin Hand geht, auch auf dieses Feld getragen wird. Nur durch energische Forderungen \ und ziellt-ewußtes Dorgchen können die Leiden der jüdischen Schuljugend geändert werden. Frau Rechtsanwalt S am oje stellt in Abrede, daß der Antisemitismus zmn Bestandteile 'der deutschen Volksseele gehört. Sie glaubt, daß die begreifliche Ueberempsindlichkeik der jüdischen Schüler auch dort Konflikte fleht, wo keine bewußte Absicht vor liegt. Der Antisemitismus sei ein hoffentlich verschwindendes Zeichen der niedergehenden Moral unserer Zeit. Lehrer A u e r b^rch‘ beweist, daß die Berliner Schüben eigentlich keine Simultanschmlen,' sondern Schulen mit ausgesprochenem christlichen Charakter sind, an denen die jüdischen Kinder lediglich als Gäste -angesehen-werden. Auch an den Volksschulen gibt es.einen starken Antisemitismus. Vom christlichen Standpunkt bedauert Oberlehrerin Fräulein Gerhard: das Anschwellen des Antisemitismus. Sie war während des Krieges längere Zeit in Rumänien und bezeugt, mit welcher Liebe jüdische Eltern und Kinder an den Deutschen Hingen, und schildert/ wie rührend die rumänischen Juden während des Niederbruches für die Deutschen;~r -vF"