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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-12-10 · Heft 38 (10.12.1920) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 38 (10.12.1920)
Date
1920-12-10
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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Religionsfreiheit, läßt jeden gleichsam „nach feiner Fasson selig-Werden*- tastet die höchsten Heiligtümer nicht an. Daher ist er, der den Juden darin seine Gunst bezeugt, auch von ihnen geehrt und ^geachtet, viel mehr als gefürchtet. Sein gerades Gegenstück ist Äntivchus, der länge in Rom als Geisel verweilt.hatte und hier zur Zeit des tiefsten Sittenverfalls gleichsam die Hochschule aller Laster durchmachre. Mit plumper Hand und roher Gewalt legt er rücksichts- und verständnislos die Hand ans Heiligste, gedenkt, den Glauben, mit hem die Inden fest verankert waren und der ihr Lebenselement,ausmachte, zu entwurzeln. Nur dadurch ist die makkabäifche Erhebung herbeigesüihrt wovden. Er. der Vas Böse gewollt^ hat durch sein Ungestüm und seinen wilden Trotz das Gute bewirkt, je größer der Druck, der auf den Juden lastete, desto heftiger ihr Widerstand, desto fester und unerschütterlicher ihr' Gottdertrauen. Wohl konnte er ihnen schier unerträgliche : körperliche Fesseln anlegen, allein die Knechtung des Geistes gelang chm, auf die Dauer nicht. , „Kein Mensch beherrscht den Geist, um ihn zu unterdrücken." (Koh. 8, 8.) Wäre er besonnener und planvoller, mit weniger Ungestüm in der Verfolgung seiner Ziele vorgegangen, wer weiß, vielleicht wäre das Judentum letztlich aufgegangen im Griechentum . wie ja ein großer Teil sich vom falschen Glanz blenden und verführen ließ und im Hellenismus untertauchte. Den „Ghassidim", d. h. ,ven Frommen", jenen patriotischen Männern, die nicht nur eine möglichst vollkommene Erfüllung des Gesetzes erstrebten, sondern auch in richtiger Erkenntnis der dem ganzen nationalen und religiösen Leben drohenden Gefahren sich dem andrängenden griechisch-syrischen Heidentum entgegenstellten und die berechtigte Eigenart des Volkes um jeden Preis zu erhalten suchten, ist der Fortbestand zu danken. Wie dereinst E s r a in der energischen Zurückweisung und Ausschließung der Samaritaner ein Rettungsmittel des reinen Judentums sah, so haben hier die Chassidim in der Ablehnung des seichten/Hellenismus das Judentum in seinem gefunden Kerne, erhalten. Der strenge sittliche Ernst der jüdischen Religion vertrug sich nicht mit der heiteren auf äußeren Lebensgenuß gerichteten Anschauung des Griechentums. Jenes stolze Hellenentum ist längst untergegangen, Israel steht trotz aller Anfeindungen ungebrochen wie ein lebendiges Reis unter den Völkern da und wird, will's Gatt, den Stürmen aller Zeiten trotzen. Als Greis unter den Völkern ohne Anzeichen einer Greisenhaftigkeit „sproßt es und grünt es einer Palme gleich, frisch und markig". Auch in der Gegenwart braust eine hochgetürmte Welle daher, genannt Antisemitismus. Gefahr droht dem Judentum unserer Zeit. Wie begegnen wir ihr am wirksamsten? Indem wir aufs engste uns zusammenschließen, das Gefühl unzertrennlicher Zusammengehörigkeit und gegenseitiger Bürgschaft erstarken lasten, mit unserm Judentum kein Versteck spielen, unsere geistige Eigenart uns erhalten, reine blanke Waffen des Geistes schmieden, um uns zu behaupten. Die Geschichte, die beste Lehrmeisterin der Menschheit, bestätigt den prophetisch-trostreichen Gedanken: Gott und Israel gehören untrennbar zusammen. Gott wird weiter für uns Wunder tun wie in jenen Tagen, wir werden bleiben, wenn wir ihm treu bleiben. Er ist so lange unser Gott, solange wir sein Volk sein wollen, — kehren wir ihm den Rücken, so wendet'er sich von uns ab, und wir sind führerlos, dem Untergang getbeiht. Jene fromme Sage vom Oelkrügchen, an zwei Stellen im Talmud erwähnt, enthält einen tiefen Sinn und eine höhere Wahrheit. Ein kleines Häuflein glaubenstreuer Männer nährte in.Israel das Feuer der Begeisterung für Gott und Lehre; eine kleine Heldenschar ermattete nicht im Kampfe, ihre Ausdauer führte zum Siege Des unterdrückten Vrlkes und des verfolgten Glaubens. Auch auf dem heiligen Altar unseres Herzens soll das reine Licht der lauteren Religion brennen und, 'wenn es selbst nur noch glimmt und zu verlöschen droht, solldie Flamme göttlicher Begeisterung immer von neuem angefacht werden, um mit ihrem milden Strahle uns zu erwärmen. Das freundliche Lichtlein, nicht den Siegesrausch will eS in unseren Herzen erwecken, sondern den Frieden bringen uns allen, die mit ihm zu seinem Gotte emporstreben. Erinnern will es uns an dc-s Bibelwort — „in deinem L ich te schauen wir Licht". Wochenschau. Berlin, 6. Dezember. er Deuts ch -Jsraelitis ch e Gem e i nd eb u n d hat an die Preußische Landesversammlung aus Anlaß der Beratung des Kultusetats folgende Petition, datiert Berlin, 16. November 1920, gerichtet: An die Preußische Landesversammlung. Einer hohen Preußischen Landesversammlung beehrt sich der Deutsch-Israelitische Gemeindebund ehrerbietigst das Folgende zu unterbreiten: Die Not der jüdischen Volksschullehrer war schon immer groß. Durch die veränderten politischen Verhältnisse ist sie unerträglich geworden. Die Zahl der jüdischen Volksschulen ist im Laufe der letzten Jahrzehnte stetig zurückgegangen. Von den vor dem Kriege vorhanden gewesenen entfielen die meisten auf Posen und Westpreußen. Nachdem diese Provinzen jetzt weggefallen sind, hat die Zahl der jüdischen Schulen eine Verminderung erfahren, die die Aussichten der jüdischen Lehrer, wenn man ihre Anstellung aus jüdische Schulen beschränken will, geradezu trostlos erscheinen läßt. Zu diesem trüben Ausblick in die Zukunft der gesamten jüdischen Lehrerschaft kommt im Augenblick die Notlage der jüdischen Lehrer aus den abgetretenen Gebieten. Wie das jüdische Element stets eine der zuverlässigsten Stützen des Deutschtums im Osten gewesen ist, so ist auch jetzt damit zu rechnen, daß die jüdischen Lehrer sich ausnahmslos für Deutschland entscheiden. Zum beträchtlichen Teil haben sie dies bereits getan und sind nach Deutschland abgewandert. Etwa fünfzig von ihnen befinden sich zurzeit stellungslos in Berlin, andere werden noch folgen. Sie müssen untergebracht werden. Daß dies an jüdischen Schulen nicht möglich ist, bedarf nach dem Gesagten keiner weiteren Darlegung. Was soll mit ihnen geschehen? Was mit den jüdischen Lehrern in Zukunft überhaupt? Ihrer Verwendung an sogenannten christlich-konfessionellen Schulen werden von seiten der Unterrichtsverwaltung, unter Hinweis auf jdas Volksschulunterhaltungsgesetz, dauernd Schwierigkeiten bereitet. Auch wenn die Kommunen zu ihrer Anstellung bereit sind, versagen die Aufsichtsbehörden ihre Genehmigung. Ein Lehrer aus dem abgetrennten Gebiete, der nach Groß-Berlin gekommen ist, wurde von einer Berliner Vorortsgemeinde zur Anstellung im dortigen Gemeindeschuldienst in Aussicht genommen. Ein entsprechender Antrag ist an die Regierung zu Potsdam gegangen, hat aber bis heute eine Erledigung nicht gefunden.' Der Magistrat der Stadt Berlin, der in seinen Schulen Tausende jüdischer Kinder beherbergt, hat wiederholt.den Beschluß gefaßt, fünfzehn weitere jüdische Lehrkräfte zur Anstellung zu bringen. Dem Beschlüße ist bis zum heutigen Tage die Genehmigung der Aufsichtsbehörde versagt worden. Daß vor Entscheidungen von kaum glaublicher Härte nicht zurückgeschreckt wird, dafür möge folgender Vorfall aus jüngster Zeit zurtt Beweise dienen. Ein jüdischer Lehrer, der den Krieg mitgemacht, zunächst bei der Artillerie gedient hatte und dort zweimal verwundet worden war. hat sich, weit fein Gehör gelitten %

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