Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 38 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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84. Jakrgsng. Nr. 38 Berlin, 10. Dezember 1020 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vier zehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von / Rabbiner De. Ludw ig Pb i 11 ppfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgenr. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Eine Chanurabetrachtung. Von A. Auerbach (Berlin). 1J lilj Uli * .— Wochenschau. —- Au SM a aus I. Freund: „Die Rechtsstellung der Juden im Preußischen Volksschulrecht." — Giilog zu den Prager Unruhen. Von Dr. I. Eisenberg (Dobrisch b. Prag). — Dr. Max Grunwald. (Zu seinem 25jährigen Amtsjubiläum.) Von Rabbiner Prof. Dr. H o f m a n n (Reichenberg). — Die Makkabäer in der deutschen Dichtung. Von Dr. S. Ä s ch n e r. — Feuilleton: Chanuka. Gedicht von Berndt Götz (Berlin-Wittenau). — Zu Chanuka. Gedicht von Saphra (Annaberg). — Literarische Mitte i l u n g e n. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin. Kattowitz, Matz. Breslau. Magdeburg. Kreuznach. Frankfurt a. M. — Von Nach und Fern. Linr Ehanuksbrtrgchtung. Bon A. Auerbach (Berlin.) mehr denn 2000 Jahre liegen die Ereignisse hinter uns, welche die Veranlassung zu unserem heutigen Chanuka feste geworden sind. Dieser Umstand des so geraumen Zeitabstandes von der Gegenwart beweist allein schon, daß es Begebenheiten, von hervorragender Bedeutung gewesen sein müssen, die sich in der Erinnerung unseres Stammes unaustilgbar festgesetzt haben; er bezeugt aber auch, daß wir der Großtaten unserer Väter froh und dankbar gedenken. Wir haben das rege Bedürfnis, uns und unsere Zeit mit jenen charakterstarken Menschen und ihren glorreichen Taten zu vergleichen, um uns, wenn wir etwa religiös und sittlich erschlafft sein sollten, immer von neuem wieder zu kräftigen, zu beleben,) aufzufrischen und aufzurichten. Der Zahn der Zeit, der so vieles benagt und unter Umständen morsch und brüchig macht, hat die feste Burg unseres Glaubens und die Zuversicht auf. den Sieg des Guten in der Welt nicht zu erschüttern vermocht. Wie vor zweitausend Jahren unsere Ahnen, so sind auch wir noch heute davon fest durchdrungen, daß ein großer sittlicher Gedanke sich nicht gewaltsam unterdrücken läßt, und daß der Ewige, der Beschützer und Verteidiger des Rechts, sich stets auf die Seite derer begibt, die dem Rechte zu seiner Verwirklichung und Auswirkung verhelfen, daß, wer sich in den Dienst der Gerechtigkeit und Wahrheit stellt, Gottes eigene Sache führt, denn „Der heilige Gott wird durch Gerechtigkeit geheiligt". — Unser Chanukafest, wollen wir es richtig bewerten, will aufgefaßt sein als ein Fest der Erinnerung an religiöse Kämpfe und Nöte, an einen Krieg für Religion und Glauben. Die Helden der damaligen Zeit, so Gewaltiges und Erstaunliches sie in der offenen Feldschlacht leisteten und so sehr sie hinter eigentlichen Kriegskämpfern in nichts zurückstanden, sind doch in erster Reihe Geisteskämpfer und führen gleichsam vV,"7 „Kriege Gottes". Sie verfechten die religiöse Idee gegenüber der schrankenlosen Willkür und brutalen Gewalt. In heller Begeisterung und todesverachtender Tapferkeit scharten sie sich um die glaubensstarken Männer, die einen ehrenvollen Tod einem schimpflichen Leben vorzogen und mit ersterbenden Lippen, den letzten Atem anshauchend, das Bekenntnis zum Einig-Einzigen Gotte ablegten, dem späteren Rabbi Akiba gleich, der schmerzvergessend mit heiterem Lächeln gen Himmel aufblickte und freudig bewies, wie er Gott mit seiner ganzen Kraft liebte. Daher ist auch, wenn wir die Erzählungen beachten, die den religiösen Geist jener Zeit widerspiegeln, kaum eine Epoche so reich an Blutzeugen, an Märtyrern, die mit mehr als bewunderungswürdiger, ja übermenschlicher Selbstbezwingung die gräßlichsten Schmerzen und Qualen für nichts achteten, um dem Glauben der Väter nicht untreu zu werden und die Heuchlermaske sich nicht aufs Gesicht zu setzen. Man braucht ja nur an den ehrwürdigen neunzigjährigen Greis Eleasar, nur an die Heldenmutter mit den sieben Söhnen zu denken, die durch ihren vom Geiste echten Glaubens und Gottvertrauens eingegebenen höhnenden Trotz den tierisch-grausamen, wahnwitzigen König, der sich in seiner Verblendung und Vermessenheit vergöttert scheu wollte, zu unerhörter, immer entsetzlicherer Grausamkeit reizten. Was jene Männer, einen Matthatias und Juda, wirklich groß macht und für alle Zeit adelt, ist ihre unentwegte Ueberzeugungstreue. Unser Chanukafest war ihnen und muß auch uns heute noch sein ein Fest der Glaubens-, Gedanken- und Gewissensfreiheit, ein Fest stolzen jüdischen Selbstbewußtseins gegenüber der Assimilation, jener Sucht leichtfertiger Vermengung und Vermischung unserer lauteren Religion mit heidnischen Bräuchen, mit fremden, unserem Wesen nicht entsprechenden Elementen. — Die höchste sittliche Tugend, die der Mensch erringen kann, ist die Geisinnungstüchtigkeit. Für die heilige Wahrheit und für seine ehrliche Ueberzeugung soll und muß jeder die größten Opfer bringen, unter Umständen sein Leben freudig hingeben können; darin besteht wahres geistiges Heldentum. Du darfst deinen Glauben und deine Ueberzeugung nicht für äußere Güter und Vorteile preisgeben, wenn du vor dir selbst bestehen, dich nicht ver- -achten, vor dir als erbärmlicher Wicht nicht erröten willst. Der büßt das letzte Fünkchen von Achtung bei seinen Mitmenschen ein, der vor sich selbst die Achtung verloren hat, dem Glauben und Ueberzeugung so minderwertige Güter werden, daß er sie eintauscht und wechselt wie ein schmutziges Gewand. , Die gewaltige geistige Bewegung, die das damalige Judentum wie ein reißender unaufhaltsamer Strom sortzuschwemmen drohte, mit einem Namen Hellenismus genannt, nahm mit Alexander dem Großen ihren eigentlichen Anfang. Sie war seine großartige Schöpfung, die in der Hauptsache eine innige Verschmelzung und Durchdringung, ein Jneinanderarbelten griechischer und orientalischer, abendländischer und morgenländischer Kultur, aber ohne Drangabe der Volkseigenheiten, erstrebte. Genährt vom Geiste eines Aristoteles, seines Lehrers, erfüllt mit platonischen Gedanken, die im Keime eine monotheistische Idee bargen öder vorahnten, gewährte er allen seinen Untertanen uneingeschränkte