Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 37 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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M. Hamburgs 19. November. Eine erhebende Gedenkfeier für die gefallenen jüdischen Krieger hakte der Vaterländiische Bund jüdischer Frontsoldaten-ail^ dem jüdischen Eh-renfriedhöf in Ohlsdorf veranlstaltet. Außer Mitgliedern der Bürgerschaft war auch Herr Bürgermeister v. Melle und das Oberhaupt der evangelischen Geistlichkeit, Herr Senator I). Rode, erschienen, die Universität war durch Herrn Professor Thilenius vertreten, auch viele andere Behörden und Körperschaften hatten Delegierte zur Feier entsandt, u. a. auch Vertreter der Krieger-vereine in^.t ihren Bannern, des Roten Kreuzes-, der blauweißen St-U'de'ntenver.ei'niguna usw. Außer den Atitgliedern des Bundes hatten' sich viele Hunderte von Gemeinden ngehörigen einaefun.den, auch der Vorsitzende des Bundes ans Berlin war erschienen. Einigeleitet wurde d-'e Feier durch den Trauerinarsch von Chopin, auAgefüi'hrL von der Kapelle der Sich-erhe-ilswehr. Die Gedenkrede Herr Feldrab-biner Dr. Sonderling, der in ergreifender Weise -der Not unseres Vaterlandes Ausdruck gab. „In dieser schweren Zeit wollen wir, die Lebenden, uns neuen Mut holen an der Stätte unserer Helden, die für das Vaterland ihr junges Leben hin gegeben. An ihrer Begeisterung wollen wir uns auprichten, und in dieser ernsten -Stunde das Gelöbnis geben, Gut und Blut einzusehen für den Wiederaufbau unseres teuren Vaterländ?s." Es folgte dann noch eine Ansprache des Vorsitzenden Dr. Urias, verbunden mit der Kranzniederlegung der verschiedenen Abordnungen/ Tie Kapelle spielte „Ich hatt^ einen Kameraden". Hierauf trug Herr Oberkantor Körnitz er in ergreifender Weise das Et mvle rachamim vor. Den Schluß der Feier bildete das vom Rabbiner Dr. Sonderling vor-getragene Kaddischaebet. er. Minden, 19. November. D ie hii-esi-ge Shnago gengemeinde weihte ein Denkmal fü>r die im Kriege gefallenen sechs Mitglieder irnserer Gemeinde mit einer Feier in der Synagoge -ein. Hierzu schickten sämtliche Militär- und Kriegervereine Abgeordnete mit Fahnen und Kränzen unter Vorantritt einer Militärkapelle. Bürgermeister Dr. Ti eck maan hielt eine Lobrede auf die Gefallenen und legte im Namen des- Magistrats einen Kranz nieder. Die antiisemi-tische Presse unserer Provinz ist hierüber tief entrüstet, besonders weil die städtischen und militärischen Behörden bei einer Feier im hiesigen Sportklub nicht vertreten waren. 22 Chemnitz, 19. November. Am 7. d. M. fand hier die erste Delegiertentagung des Landesverbandes „Sachsen" im Verbände d e r jüdi s ch e n I u g e n d vereine Deuts ch l a n d s -statt. Bereits am Borabend waren die zahlreichen Vertreter der Vereine sowie eine große Zahl auswärtiger Gäste der Einladung des Jüdischen Jugeudvereins Chemnitz zu einem gemütlichen Beisammensein in den Logenrämnen gefolgt. Ter Abend wurde verschönt durch Vorträge aller Art: besonderen Eindruck machten die Darbietungen der Kammermusikvereinigung des I. I. V. unter Leitung des Herrn Kapellmeisters Erich Friedlan-d. Der nächste Tag war ein Tag praktischer Arbeit. Zunächst gab der Laudesverbandsvorsitzeude. Herr Heinrich Guttrnann (Chemnitz), einen eingehenden Bericht über die bisher geleistete Arbeit und ließ anschließend die zahlreichen Zuhörer einen Blick in die Zukunft tun. Fräulein Elsa Glauber (Dresden) sprach alsdann glänzend über: „Der Einzelne und die Jugendbewegung". Herr Rabbiner Dr. Hugo Klein (Chemnitz) wies in seinem Referat: „Vertiefung des jüdischen Wissens" die Wege, die unsere Jugend gehen muß, um unser Judentum zu erhalten. Max Schweisheimer (Chemnitz) forderte in seinen Ausführungen zur Gründung von Jugendgruppen auf und besprach -deren ungeheure Wichtigkeit. Eine Generaldebatte schloß sich den Vorträgen und Referaten an. Den Höhepunkt des Tages bildete der Vortrag des Verbandsvorsitzendeu Dr. Alfred Apfel (Berlin). Der Saal vermochte die große Zahl der Zuhörer kaum zu fassen; seine hervorragenden Ausführungen fanden stürmischen Beifall. Sämtliche jüdischen Organisationen von Chemnitz hatten ihre Vertreter entsendet. Tie Wahlen ergaben folgende Zusammensetzung des Vorstandes: Heinrich Guttmann (Chemnitz) 1. Vorsitzender, Elsa Glauber (Dresden) stellv. Bors., Leopold Steinhardt (Chemnitz) Schriftführer, Samiuel L'ebermensch (Plauen) Kassierer und Käthe Tobias (Zwickau) als Beisitzerin. Die Tagung war ein Beweis dafür, daß die Idee unserer Bewegung auch in Sachsen kräftig Wurzel gefaßt hat. Für die Teilnehmer aber war ste ein Ansporn zu neuer Arbeit für unsere alte Gemeinschaft, für unser Judentum. er. Novdharrsen, 19. November. Im hiesigen Gericht trug ein dentschnationaler Richter während der Verhandlungen, ständig das Hakenkreuz als Kravattennadel. Auf die Beschwerde eines Mitgliedes wollte der Landgerichts-Präsident zunächst nicht einschreiten, da ihm nicht bekannt sei, daß das Hakenkreuz als Symbol des Judenhasses gelte. Aus den Hinweis, daß das Tragen des Hakenkreuzes den Beamten der Sicherheitspolizei und den Schülern verboten sei, ersuchte der Präsident den betreffenden Richter, das Hakenkreuz in dienstlichen Verhandlungen. nicht mehr zu tragen. er. Hanau, 19. November. Provinzia lr abbiner Tr. Salelmon Bamberger ist am vorletzten Freitagmorgen während des Gottesdienstes an einem Herzschlage verstorben. Dr. Bamberger hat mehr als zwei Jahrzehnte lang mit größter Hingebung in der hiesigen Synagogengemeinide und darüber hinaus in den zu unserer Gemeinde 'gehörigen Provinzgemelnden gewirkt. Er erfreute sich in allen Kreisen unserer Stadt großer Verehrung, und genoß auch die aufrichtige Wertschätzung der andersgläubigen Mitbürger. Tie Trauer um seinen Heimgang ist allgemein. ■ Frankfurt a. M., 19. November. Die „Zentrale für Mazzothversorgung" in Frankfurt a. M. schreibt: Wir waren zu unserem Bedauern bisher außerstande, die jüdischen Gemeinden über die neuen Grundsätze der Mazzothversorgung für das nächstjährige Pessachfest zu unterrichten, weil die Bestätigung der Reichsgetreidestelle noch ausstehr. Doch dürften folgende Bestimmungen keine wesentlichen Aenderungen mehr erfahren. Die Bestellung der Mazzoth erfolgt durchweg durch Vermittelung der jüdischen Gemeinden, die ihrerseits verpflichtet sind, diese Bestellungen zu sammeln undden Bäckereien weiterzugeben. Bei der Mahl der Bäckereien sollen die Gemeinden die Wünsche ihrer Mitglieder tunlichst berücksichtigen'. Unmittelbare Bestellungen aus dem Publikum darf keine Bäckerei annehmen. Auch die Erteilung von Bestellungen an Händler ist ausgeschlossen; doch kann Händlern unter Zustimmung der Gemeinde von. den Bäckereien die Auslieferung der Mazzoth an das Publikum übertragen werden,. Bezugsberechtigt für die volle Mazzothmenge — die wesentlich geringer sein wird als im Vorjahre—sind lediglich diejenigen, die eidesstattlich versichern, daß sie sich am vorjährigen Pessachseste des Choinezgenusses enthalten hatten. Wer der Mazzoth nur zur Sederfeier bedarf, erhält ein Pfund. Den Mazzothbeziehern ist das gewichtmäßige Aeguivalent an Brotkarten, das! ihrem Bezug entspricht, einzubehalten. Deutsch-Oesterreich. Z. Wien, 19. November. Ter Sieg der Christlichsozialen bei den Wahlen zur österreichischen Nationalversammlung hat ihren Appetit gereizt, und sie gehen nun auf die „Wiedereroberung" von Wien ans. Zwar haben sie am 17. Oktober von den 48 Wiener Mandaten kaum 16 erhalten, die Sozialdemokraten, die zurzeit in der Wiener Gemeindestube herrschen, hingegen 28, woraus hervorgeht, daß selbst ein weiterer Erfolg bei eventuellen Gemeinderatswahlen den Antisemiten die Herrschaft über Wien nicht bringen wird. Nichtsdestoweniger haben sie mit einer heftigen Kampagne für Neuwahlen eingesetzt, und die Juden bzw. die „Ostjuden" in Wien sind dazu ausersehen worden, hierbei als Staffel zu dienen. Die antisemitische Hetze gegen die Ostjuden, d. h. jene Juden aus Ostgalizien, die beim Ausbruch des Weltkrieges teilweise vor den Hera«rückenden Kosakenhorden geflüchtet, zum großen Teil aber von der damaligen k. u. k. Militärverwaltung gewaltsam evakuiert wurden, wird jetzt mit aller Energie betrieben, in der Spekulation, es werde aus diesem Wege gelingen, bei Neuwahlen die Sozialdemokraten gu stürzen, da sie als die Beschützer der Ostjuden verschrien werden. Den Auftakt zu dieser Hetze gab eine Massenversammlung, die jüngst im Rathause statt-sand und -in der die Führer der Christlichsozialen und einige Hetzapostel blutrünstige Reden vom Stapel ließen. Eine Resolution dieser Versammlung fordert die Ausweisung und Internierung der Ostjuden oder die Ausfertigung spezieller Lebensmittelkarten mit höheren Preisen für dieselben. Gleichzeitig wird der nuinerus clausus für Ostjuden in den Schulen sowie den Staatsämtern gefordert. Es ist natürlich kaum anzunehmen, daß diese Forderungen verwirklicht werden. Vorläufig haben die Christlichsozialen keinen, der die Regierung übernehmen sott, und sie greifen zürn Auskunftsmittel einer Beamtenregierung. Aber eine solche Hetze kann zu explosiven Ausschreitungen nach Budapester Muster führen. Es wird großer Energie von jüdischer Seite bedürfen, um derartige Rückwirkungen zu verhüten. Auch die Beamtenregierung dürfte alles Interesse daran haben, der Hetze Einhalt gu gebieten.