Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 37 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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war, und Fürst B i s m a r ck , dessen Redaktion der Emser Depesche eine hervorragen.de journalistische Leistung darstellt. Diesen Ausnahmen stellte Ministerialrat Jöh länger eine Anzahl führender jüdischer- Journalisten gegenüber: Berthold Auerbach, der 1870 mit seinen Artikeln „Was will der Franzos'" ganz Süddeutschland mitgerissen hat, Friedrich Dernbu rg , Ludwig Ba m - b e r g e r, Aron Bernstein und andere. Besondere Ruhmesblätter in der Geschichte der deutschen Journalistik verdienen Börne und Heine: Börne, der das politische Feuilleton in Deutschland geschaffen hat, und Heine, der die ersten gut stilisierten Leitartikel schrieb, die heute noch journalistische Meisterwerke darstellen. Der Einfluß des Judentums in der deutschen Presse war segensreich und hat.befruchtend gewirkt. Wenn der Wunsch der Antisemiten, d'e Juden aus der Presse zu verdrängen, erfüllt würde, wäre eine Verarmung de?, deutschen Geisteslebens die notwendige Folge. .7. K. Berlin, 23. November. Eine wichtige soziale Institution des jüdischen Berlins ist das neueröffnete Ftüchtlingsheim in der Wiesenstraße, das der Verband der Ostjuden mit Unter stütz arg des Arbeitersürsorgeamtes und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin betreibt. Dieses Hei.m, ein Riesenwerk auf dem Gebiet der sozialen Hi-lfsarbeit, ist, was besondere Beachtung verdient, eine volkstümliche Hilssinstitution, die aus der Notwendigkei't des Berliner jüdischen Lebens entstanden ist. Tie Verwaltung des Verbandes der Ostjuden hat ein großes Werk vollbracht, indem sie den ostjüdischen Emigranten auf ihrer langen Wanderung eine menschenwürdige Unterkunstsstelle errichtete. Schon beim Betreten des Heims in der Wiesenstraße fühlt man, daß man in ein Jüdisches Heim hineinkommt. Der Betrieb ist unter Befolgung der Vorschriften modernster hygienischer Erfahrungen eingerichtet, für Männer und Frauen völlig getrennte große Säle. Alle Einrichtungen-, wie Speisesäle, Lesesaal, Küche, Bade- und Waschräume, Schlafsäle, Tesinfektionsanlagen sind musterhaft. Ich habe das neue Heim am Freitagabend besucht, als die Insassen im Begriff waren zu beten. Ich fragte einen jungen Mann, wie er sich in dem Heim fühle. Er antwortete mir: „Ich bin jetzt fast drei Monate unterwegs und habe mich in der ganzen Zeit kaum ausgeruht. Ich war in Polen über einen Monat im Gefängnis, weil inan mich für einen Bolschewisten hielt. Nach meiner Befreiung ging ich nach Berlin, wo ich zuerst in jeder Nacht bald auf dem Alexanderplatz, bald im Friedrichshain geschlafen habe. Hier ruhe ich mich endlich aus, und Sie können sich schon denken, wie ich mich hier fühle. Ich bin nicht der einzige; Hunderte von jungen Leuten aus Polen und Galizien wandern umher und haben keine Stätte, ihr Haupt niederzulegen. Sie wissen gar nichts von diesem Heim; wenn sie davon wüßten-, würde der Saal schon überfüllt sein." Nach dein Gebet gab man den Leuten Abendbrot. Bon der nächsten Woche an wird das Heim auch durch das Distribution Joint Committee mit Fleisch versorgt werden. Die Leitung des Heims hat auch eine medizinische Abteilung eingerichtet, bestehend aus einem Krankensaal und einer Apotheke unter Aufsicht von Tr. Steinert. Augenblicklich befinden sich im Herrn 200 Heimatlose, deren Zahl von Tag zu Tag wächst. Es können aufgenornme.' werden 700 Männer und 400 Frauen. Die Verwaltung des Verbandes -der Ostjuden begnügt sich nicht mit dem schon Geschaffenen, sondern sorgt auch weiter. Für den bevorstehenden Winter müssen die Flüchtlinge mit warmer Kleidung versehen werden. Es wird daher für die Flüchtlinge eine Kleider- und Wäschesammlung unternommen. Diese werden durch die jüdische Schneidergenossenschaft „Awodah" repariert, wie überhaupt alle Arbeiten im Heim durch die vorn Jüdischen Arbeitsamt gegründeten Arbeitergenossenschaften ausgeführt werden. Es ist bemerkenswert daß die innere Führung des Heims von der Verwaltung einem aus Flüchtlingen bestehenden Arbeitsausschuß übergeben worden ist, der die Aufgabe hat, zwischen den Flüchtlingen und der Leitung -des Heims zu vermitteln. Dieses Institut kann zum Muster dienen fürähnliche Hilfsanstalten in allen Städten Deutschlands. — Königsberg i. Pr., 19. November. Der Zenkralverein hielt hier eine große öffentliche Versammlung ab, um, wie der Versammlungsleiter, Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Falken heim, einleitend aussührte, die gegenwärtig im Vordergründe des Interesses stehende Judensrage, die vielfach unrichtig behandelt werde, zn-r öffentlichen Diskussion zu stellen. Der stark gefüllte große Saal wies außer den Mitgliedern des Centralvereins eine größere Anzahl jüngerer Antisemiten und auch einige Kommunisten auf. Die Versammlung nahm das sachlich und leidenschaftslos gehaltene Referat des Hauptredners des Abends, Dr. Ludwig Holländer (Berlin), ohne besondere Störungen entgegen. Gleich bei Beginn her Diskussion dagegen-, als ein', jüngerer antisemi-ti-cher Redner die Ehre j ü d j. scher Lazarett s chw e ste r n angrstf, kam es zu m i nutenlangem, lebhaftem Tumult und fast zu Handgreislichkeiteu, die nur durch das energische Dazwischentreten von Sicherheitspol-zisten. verhindert werden konnten. Der antisemitische Redner wurde, ohne seine Ausführungen beendigen zu können, zuin Abtreten gezwungen. Auch senst verlief die Aussprache ziemlich bewegt. r. Liegnitz, 19. November. Durch den am 9. d. M. erfolgten Tod des ersten Borstehers, Sanitätsrat Dr. Wilhelm W e i ch nt a n n , ist unsere Gemeinde in tiefe Trauer versetzt w.o>rden. Im Jahre 1915 in den Vorstandgewählt, ist ihm alsbald die Leitung der Geschäfte übertragen worden. Er hat dabei seine hervorragenden Geistesgaben und seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der Gemeinde gestellt und in vorbildlicher Weise zu deren Segen gewirkt. Durchdrungen von dem Glauben seiner Väter, ister stets als ganzer Mann für diesen eingetreten. Der Tod dieses vortrefflichen Mannes bedeutet eine unaussüllbare Lücke für unsere Gemeinde, in der fein Andenken für alle Zeiten fort leben und in hohen Ehren gehalten werden wird. er. Glogau, 19. November. Das langjährige Vorstandsmitglied unserer Gemeinde Herr Geheimer Justizrat Friedmann ist hier im 80. Lebensjahre verstorben. Nach vorhergegangener richterlicher Tätigkeit war Geheimrat Friedmann fast 50 Jahre als Rechtsanwalt und Notar in unserer Stadt tätig. Er dürfte einer der Dienstältesten Rechtsanwälte und Notare in Preußen gewesen sein. Justizrat Friedmann, in dessen Hand eine Fülle von Ehrenämtern vereinigt war, war eine der bekanntesten Persönlichkeiten Schlesiens und hat als einer der Führer des entschiedenen Liberalismus in unserem Lande eine große Rolle gespielt. Er ist nicht nur in seiner Heimatprovinz, sondern auf allgemeinen Anwaltsitnb Juristentagungen und auf Städtetagen vielfach hervorgetreten. Die Erörterung über das Problem der Todesstrafe in Deutschland ist . durch Friedmann wieder in Fluß gebracht worden. Geheim rat Friedmann war ein treuer und eifriger Sohn unserer Glaubensgemeinschaft. Neben seiner Wirksamkeit in unserem Gemeind, vor stände ist er seit langem in humanitären und Bildungsvereinen tätig gewesen. Auf den Tagungen der jüdischen Organisationen, insbesondere des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, hat er durch seine eindrucksvolle Redeweise häufig den Gang der Verhandlungen maßgeblich beeinflußt. Anläßlich seines goldenen Berufsjubiläums wurde er im Jahre 1914 zum Geheimen Justizrat ernannt. Die Klage unserer Gemeinde um den Heimgang dieses vortrefflichen Mannes lind aufrechten Juden findet in Vaterstadt und Provinz die weiteste Teilnahme. M. Hamburg, 19. November. In der letzten Sitzung des Neprüsentantenkollegiun-s der Deutsch-Israelitischen Gemeinde lag eine Mitteilung des Gemeindevorstandes vor, daß der Preußische Minister seine Genehmigung zur Verwendung des von der Gemeinde erworbenen, an den Friedhof in Ohlsdorf angrenzenden Grundstückes für Friedho.fszwecke er teilt habe. Damit ift d i e Gemeinde in der: B e s i tz e i n e s a u ch d e n st r e n g orthodoxen Anforderungen genügenden Friedhossgeländes g e k o m m e n. Für die nötigen Jnstandsetzu-rgsarbeiten wurden vorläufig 50 000 Mark aus Gemeindemitteln bewilligt. Es wurde dann ein Antrag des Genreind-evorstandes aus-Nachbewilligung von 25 000 Mark für das Armenwesen angenommen, mit der Anregung, daß die Gemeindebehörden an die Mitglieder Zwecks Hergabe weiterer freiwilliger Spenden herantreten, denn es herrscht ein gewisser Notstand in der armen jüdischen Bevölkerung. Es wird dann! eine Kommission gewählt, die gemeinsam gut dem Vorstand einen neuen Statuten-entnmrf ausarbeiten soll, denn die Gemeindestatnten bedürfen in vielen Punkten dringend einer Abänderung. Ter Ges,amkvor stand hat dem Repräsentanten,kollegi.um . -die Abrechnung für das Jahr 1919 zur Genehmigung vorgelegt.. Aus der Gemeindeabrechnung ist unter anderem zu ersehen, daß den Einnahmen von 415 000 Mark Ausgaben in der Höhe von 453 000 Mark gegenüberstehen, so daß sich ein Fehlbetrag von- 38 000 Mark ergibt. Unter den Ausgaben steht an erster Stelle das Armenwesen mit 117 000 Mark und das Wohlfahrtswesen mit 119 000 Mark. Nach Bewilligung einer neuen Teuerungszulage an die Beamten und die Gemeindepensionäre wurden in geheimer Sitzung verschiedene Wahlen vorgenommen.