Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 37 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nr. 37 > Berlin, 26. November 1920 Vellage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". LorresponLknZen und Sachnchtm. Srutschland. Ph. Berlin, 23. November. Anläßlich der Mitgliederversaunnlung des Reichsiverbandes der privaten gemeinnützigen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands, die am 29. Oktober d. I. in Frankfurt a. M. stattfand, hielt auch der dem Reichsverband angehörende B u n d d e r j ü d i s ch e n Kran k e n - ll n d Pflegea nst a l t e n D e u t s ch l a n d s am 28. Oktober :n Frankfurt a. M. im Krankenhause der Israelitischen Gemeinde seine erste Mitgliederversammlung ab. Die. zahlreich erschienenen Teilnehmer fanden sich zunächst zu einer Besichtigung! des! Krankenhauses unter Führung des Verwaltungsinspektors Ahrens' zusammen, woran sich ein Rundgang durch das Schwesternheim unter Führung von Sanitätsrat Dr. Deutsch schloß. Die geschäftlichen Verhandlungoü begannen mit einer Begrüßung der erschienenen Gäste. Seitens des Verbandes der Frankfurter Krankenanstalten begrüßte dessen Vorsitzender, Sanitatsrat Dr. Al e h l e r , die Versammlung, ihr eine gute Wirksam-' keit im Nahmen des im vorigen Jahre begründeten Neich-verbandes wünschend. Zu Punkt 1 der Tagesordnung erstattet Rechtsanwalt Dr. Philipsborn im Namen des vorläufigen >geschäftsfühlrendeu Vorstandes den Geschäftsbericht. Er knüpft an die Gründung des Reichsverbandes an, die Notwendigkeit'betonend, durch die Zusammenfassung aller Krankenhausvrganisationen den den Anstalten durch die Gesetzgebung drohenden Gefahren zu steuern, und weist auf die wertvolle -Tätigkeit hin, die der Reichsverband im ersten Jahre seines Bestehens ausgeübt hat. Das Besondere des Jüdischen Bundes, das religiöse Moment, möge, so wird aus der Mitte der Versammlung eindringlich betont, 'bei der Tätigkeit des Bundes stets, im Vordergründe stehen und wird, so hofft man, gerade bei den gegenwärtigen Verhältnissen von Wert sein. Nach Erledigung der weiteren geschäftlichen Angelegenheiten und der Genehmigung der Satzungen erfolgt die Wahl des Vorstandes: Rechtsanwalt Dr. Phil ip sborn (Berlin), Verwaltungsinspektor Ahrens (Frankfurt a. M.), Justizrat Eltz buche r (Köln), Direktor Friedmann (Berlin), Professor Dr. G o t t st e i n (Breslau), Sanitätsrat Dr. Block (Hannover), Frau Sidonie W e r ne r (Hamburg).. Dem bisherigen ersten Vorsitzenden, Herrn Kommerzienrat Dr. Netter, der aus Gesundheitsrücksichten seine Aemter in der Berliner Gemeinde niedergelegt und eine Wiederwahl abgelehnt hat, stattet der Vorsitzende den Dank für seine bisherige Tätigkeit ab. — Hierauf entwickelt der zum ersten Vorsitzenden gewählte Rechtsanwalt Dr. Philipsborn das Arbeitsprogramm des Bundes. 1. In erster Reihe empfiehlt er den Mitgliedern den Beitritt zu dem von dem Reichsverband begründeten Wirtschaftsbund. Nur wenn alle sich an dieser zukunftsreichen Einrichtung beteiligen, ist ein gedeihliches Wirken der Einkau ssgenoffenscha ft zu erwarten. 2. Der Bund solle es sich zur Aufgabe machen, Auskunft in doppelter Richtung zu erteilen. Die Geschäftsstelle des Bundes soll den Bundesmitgliedern in allen einschlägigen Krankenhaussragen, insbesondere auch in Rechts- und Steuerangelegenheiten, fachkundige und zuverlässige Auskunft erteilen. Freiwerdende Betten und Stellen sind von den Bundesmitgliedern der Geschäftsstelle zu melden, damit diese in der Lage ist, freie Stellen auf Anfrage nachzuweisen und auf diese Weise -die Erledigung von Gesuchen, die infolge Platzmangel unberücksichtigt bleiben müssen, zu fördern. 3. Weiter soll die Reform der Anstaltssatzungen Aufgabe des Bundes sein. Die bestehenden Satzungen der Bundesanstalten sind vielfach noch, aus älter Zeit und reformbedürftig. Aufgabe des! Bundes soll es fein, ein Musterstatut aufzustellen. Insbesondere wird hierbei in Betracht zu ziehen fein, daß viele Anstalten heute noch erschwerende Bedingungen an die Aufnahme in bezug auf die Aufenthaltsdauer, auf den Wohnsitz am Sitz der Anstalt und die Herkunft der Aufzunehmenden haben. Unter Berücksichtigung der veränderten Umstände in Deutschland, der starken Flüchtlingseinwanderung aus dem Osten, muH hier Wandel geschaffen werden. Dies ist auch nötig im Hinblick auf die'oben besprochene Ueberweifnng freiwerdender Stellen. 4. Als vornehmste Programmaufgabe schlägt der Vorsitzende por, die Schaffung neuer und den Ausbau bestehender Anstalten in der Oeffentlichkeit mehr als bisher anzuregen. Der Gesundheitszustand in Deutschland erfordert, wie der Vorsitzende ausführt, die vermehrte Bereitstellung von Anstalten, für Lungen-, Nerven- und- Gemütskranke. Hierzu wird auch von den verschiedenen Rednern, insbesondere von Herrn Sanitätsrat Dr. Günzburg, die große Not jüdischer Lungen-, Nerveu- und Rückenmarkskranker dargelegt. Hierfür müssen zentrale und örtliche Heime geschaffen werden. Als weiteres dringendes Erfordernis erklärt der Vorsitzende die Errichtung von Mittelstandsheimen. Die vorhandenen Anstalten sind fast durchweg für mehr oder minder Unbemittelte bestimmt und werden im Durchschnitt von gänzlich Mittellosen benutzt. Die Entwertung des Geldes und Teuerung aller Lebensmittel hat dem Mittelstand die Gefahr der Verelendung gebracht. Es ist ein Bedürfnis, Heime zu errichten, in denen Betreffende gegen Einzahlung eines :n ästigen Vermögens Ausnahme wie in einer Pension.finden können. Tie Heime müssen sich mit den ciugezahlten Mitteln im wesentlichen selbst erhalten. Versorgung durch den oben besprochenen Wirtschaftsbund wird von Nutzen sein. Auch diese Anregung wird von der Versammlung einstimmig begrüßt und ausgenommen. Auf Anregung des Herrn Justizrat E l tz b acher findet eine Aussprache über den Achtstundentag statt, dessen innere Unmöglichkeit für Anstalten von allen Rednern iminer wieder dargelegt wird. Verwaltungsinspektor Ahrens betont, .daß im vorigen Jahre der Reichsverband unter der Parole gegen den Achtstundentag für Krankenhäuser begründet wurde, und verlangt, daß der Vorstand dauernd bei dem Reichsverband dahin wirke, daß an zuständiger Stelle die Unsinnigkeit des Achtstundentages für Krankenhäuser eingesehen werde. E. M. Berlin, 23. November. Im Verein für jüdische Ge schichte und Literatur sprach am 18. d. M. Ministerialrat Dr. Otto Jöhlinger über das Thema „Judentum und Presse in Deutschland". Ter Vortragende wies auf die großen Unterschiede hin, die zwischen der Presse in Deutschland- und in den romanischen Ländern besteht. Daß gewisse Rassen von vornherein eine größere Eignung für den Journalismus mitbringen, beweisen die Verhältnisse in den romanischen Ländern, wo die Presse eine weit größere journalistische Höhe erreicht hat als bei uns. In Deutschland findet sich journalistische Eignung vornehmlich bei den semitischen Deutschen. Sie haben eine größere Beweglichkeit des Geistes und die Möglichkeit schnellerer Einstellung zu den Problemen als die germanistischen Journalisten, die langsamer denken und tiefer forschen, denen aber das! Schnelle der Semiten und deren flüssiger Wortschatz häufig fehlt. In wissenschaftlichen Kreisen und bei vielen Gebildeten gilt ein schwerfälliges Deutsch noch heute -als einzig würdiges Kleid wissenschaftlicher Abhandlungen. Als interessantes Beispiel führte Ministerialrat Jöhlinger eine interessante Ballin-Anekdote an, der seiner Tochter bei einem Aussatz half, für den diese das Prädikat „Gut, aber Zeitungsdeutsch" erhielt, weil die Arbeit nicht mit der genügenden Anzahl von Relativsätzen belastet war. Es ist kein Zufall,- daß der beste Stilist, in deutscher Sprache, Theodor Fontane, ein Hugenotte war. Interessant waren auch die von dem Vortragenden gezogenen Vergleiche zwischen den großen demokratischen, nach antisemitischer Methode „jüdisch" genannten Blättern, wie „Frankfurter Zeitung", „Vossische Zeitung" und ' „Kreuzzeitung", „Kölnische Zeitung", nach denen die beiden „jüdischen" Blätter auf einer achtbaren journalistischen Höhe stehen, währenddie anderen schwerfällig zurechtgemacht sind. Die einzige Ausnahme unter den sogenannten nationalen Tageszeitungen bildet die auch journalistisch vorzüglich geleitete „Deutsche Tageszeitung", der in Deutschland nur ihr größter Antipode, das! „Berliner Tageblatt", gleichzustellen ist. Ter Tiefstandder deutschen Zeitungen ist auch dadurch zu erklären, daß die Zahl der politischen Talente in Deutschland erschreckend klein ist. Der deutsche Jude besitzt eine höhere politische Intelligenz als die Umwelt. Er kann national deutsch empfinden, ohne Chauvinist zu sein und eng-binnenländisch zu denken. Die wenigen journalistischen Begabungen in Deutschland gipfeln in Heinrich v. Treitschkc, der ein hervorragender Journalist, aber kein bedeutender Gelehrter