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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-26 · Heft 37 (26.11.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 37 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Die Geschichte der drei Gerim. Von Maximilian Blum. m Jahre 1850 war mein Großvater, Markus Steiner aus m Mißlitz in Südmähren nach dem an der nieverösterreichlichen Grenze gelegenen kleinen Ort Gurwitz gezogen, das — wie seine weitere Umgebung — eine reindeutsche Bevölkerung aufwies. Er hatte in der Jüdischen Gemeinde in Mißlitz einen recht guten Namen hinterlassen, war als Gemeindeoberhaupt emsig bemüht gewesen, dem Gesamtwohl seine Kräfte in uneigennützigster Weise zu widmen, hatte den Bau der neuen Synagoge, verschiedene Kultuseinrichtungen fördern helfen und sich besonders um die hygienischen Anlagen, Brunnen usw. verdient gemacht. Der Name Markus Steiner hatte — und hat wohl noch heute — in der Gemeinde einen guten Klang. Sein Abgang aus Mißlitz wird sicherlich allgemein bedauert und kein Mittel unversucht gelassen worden sein, den allbeliebten Roschhakahal zum Bleiben zu'bewegen. Allein mein Großvater hatte die Absicht, sich in der bäuerlichen Umgebung anzukaufen, ein kleines Anwesen zu erwerben und dazu einen Laden mit den auf dem Lande üblichen Manufakturen zu eröffnen. Bald hatte er auch iy der neuen Heimatsgemeinde zahlreiche Freunde, und da damals der Antisemitismus seine kulturfeindliche Mission noch nicht aus das flache österreichische Land ausgedehnt hatte, bestand zwischen meinem Großvater und seinen Mitbürgern ein recht inniges Nachbarschaftsverhältnis, trotzdem er als einziger Jude im Orte, als, wie es zur Zeit wohl selbstverständlich war, frommer Jude, mit seinem Kult von seiner streng katholischen Umgebung sehr abstach. . Es verkehrten in seinem Hause alle angesehenen Großbauern, der Buigner, der Müller — der an Bildung und Besitz ein Grandseigneur war —, der Pfarrer, der Bürgermeister und die gesamte Honoration, die doch in kleinen Orten an Exklusivität schon immer Erkleckliches geleistet hat. Meine Tante und meine Mutter waren die einzigen Kinder im Hause und galten, weil sie in ihren Klassikern mindest so gut Bescheid wußten wie der Herr Pater Hauswirth, der übrigens später als Wiener Hofprediger eine bedeutende Rolle gespielt hat, und weil sie ungemein musikalisch waren, als Schöngeister erster Ordnung. Nichtsdestoweniger fehlten sie bei keinem Erntefest und bei keiner Weinlese, die in der dortigen Gegend etwas gar Köstliches ist. Als die beiden Mädchen noch Kinder waren und die Liefert, meine Mutter, wie die Sallerl, meine Tante (Elisabeth und Rosalia), von jung und alt verhätschelt wurden,, machten sie zwischen den Gästen ihres Vaterhauses, deren es ja so viele gab, keinen Unterschied. Ihnen mag sicherlich jeder gleich lieb gewesen sein, der ihnen freundlich tat und vielleicht mitunter irgendeine Ergötzlichkeit, ein Bilderbuch, ein Notenstück für die Gitarre oder irgendein ander Ding mitbrachte, mit dem man eben Kinder erfreut und über das sie mit einem schüchternen Knix quittieren. Als sie älter geworden waren und jene Jahre erreichten, die der unterschiedslosen Lebensfreude und Lebensbegierde die Kritik beigesellt, lernten sie wohl sehr bald, Unterschiede zu machen. Mein Großvater war ungemein gastfreundlich und sein Haus genoß den Ruf alttestamentlicher Gastfreundschaft. Waren Gäste da, dann fanden sie stets einen reich gedeckten Tisch mit einem trefflichen Imbiß und labten sich an der leiblichen Ätzung nicht weniger denn an der geistigen Kost, die ihnen geboten wurde, an den Duetten, die bei der wohMngenden Stimme meiner Tante und der Fingerfertigkeit meiner Mutter, die die Gitarre spielte, einen guten Ruf genossen. Ein ganz anderes Bild bot sich aber den Augen der jungen Mädchen dar, wenn, was etwa alle Halbjahre einmal der Fall war, die drei erhabenen Gestalten das Haus mit ihrem Besuch beglückten, deren Ankunft der Großvater mit vor Glück bebender Stimme ankündigte. Es waren drei große, besonders stattliche Männer, mit wallenden weißen Bärten, blauen Augen und langem Haupthaare. Der jüngste war etwa fünfzig Jahre alt, die beiden anderen mochten wohl ebenfalls die Sechzig noch lange nicht erreicht haben. Sie hießen wie unsere Erzväter, Reb Abraham, Reb Jizchak und Reb Jaakob, trugen Zedakl, in welche sie sich einhüllen konnten, aus einem Tuchstoff, wie er im allgemeinen in jenen Gegenden unbekannt war. Die drei Brüder besaßen noch einen Stiefbruder, Reb Mosche, der aber nicht immer m'itkam und leidend war. Wenn diese Männer das Haus meines Großvaters besuchten, blieben sie ein paar Tage seine Gäste; er aber fuhr mittlerweile nach Mißlitz, der nächsten K'hillah, gab die Ankunft der drei „Patriarchen" bekannt und ließ die Sammelliste von Haus zu Haus wandern, bis die stattliche Kollekte ihm hoch genug zu sein dünkte. Kam er dann freudestrahlend heim und hatte er dem Reb Abraham die milde Gabe überreicht, dann sprach aus beider Augen der Stolz, solch einen Glaubensgenossen zu besitzen. Die drei Männer, deren Besuch uns das Haus wie zum Laubhüttenfest schmücken ließ, waren die drei Gerim (Proselyten). Unweit von Herzogenbufch, tief im Niederösterreichischen, ungefähr dort, wo heute die Franz-Josefs-Bahn einen scharfen Knick nach Norden zu macht, lebte um die Wende des vergangenen Jahrhunderts, unter Kaiser Franz, da er noch des Heiligen Römischen Reichs Kaiser war und noch nicht den Titel eines Kaisers von Oesterreich angenommen hatte, ein reicher Großbauer namens Kleiser. Er hatte schon das zweite Weib, das erste war ihm an einer Seuche gestorben. Er besaß von der ersten Frau einen Sohn, der bereits verheiratet war; aus zweiter Ehe aber hatte er zwei Söhne, deren ältester das Handwerk eines Gerbers erlernt hatte. Sie waren echte, rechte Bauern, freundliche, leutselige Leute, überall geachtet und beliebt, freigebig, fromm und bieder, von jenem Schlag, der in den österreichischen Erblanden bajuvarische kernige Art mit österreichischer Liebenswürdigkeit zu einem harmonischen Typus vereint. Was den Großbauern bei den jüdischen Dorfgehern so ins Ansehen brachte, ein Ansehen, das fast in schwärmerische Verehrung ausartete, war die herzgewinnende Güte, mit der er den armen Schluckern begegnete, aber auch die sonderbare Art, wie er sich über Einzelheiten ihrer Religion erkundigte, wobei er eine erstaunliche Kenntnis über verschiedene Kultuseinrichtungen verriet, wie man sie bei einem nicht „gelahrten" Manne eigentlich gar nicht vermuten konnte. Da geschah es, daß der alte Bauer plötzlich aushörte, die Kirche zu besuchen. Er hielt sich stundenlang in feinem Keller auf, gewährte dann niemandem Zutritt, gab auf diesbezügliche Fragen seiner besorgten Familie ausweichende Antworten, kurz, man begann um seinen Verstand zu fürchten. 5v!~

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