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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-26 · Heft 37 (26.11.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 37 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Paters Morawski (siehe dessen „Abende am Genfer See. Grundzüge einer einheitlichen Weltanschauung", Freiburg i. B. 1919). Unter Christentum versteht der Verfasser lediglich das katholische Christentum. Aber auch Andersdenkende — nur kein Jude — kommen in dem Buch zu Wort. So mekü einer, daß jeder Ausspruch von Christus den deutlichen Stempel des Judentums trägt, während ein anderer glaubt, daß in der Art des Denkens und Fuhlens Christus nichts Spezifisch- Jüdisches zeigt. Wie einseitig und beschränkt geurteilt wird, erhellt aus folgenden Sätzen (S. 135): „Wir haben im Talmud die Silhouetten Hillels, Gamaliels und des Rabbi Samuel. Alle sind sie zanksüchtige Schwätzer, die an Formen haften, erbitterte Verfechter der Ausschließlichkeit ihres Volkes; alle erblicken sie in Kleinigkeiten ihres Gesetzes die Achse des Weltalls." Man kann sagen, daß jedes Wort von Unkenntnis und Unwahrheit zeugt. Hillel ist bekanntlich ein Vorbild der Sanftmut und der Friedensliebe und die Idee des Auserwähltseins beruht auf einer geschichtlichen Tatsache. In Luthers Bibelübersetzung trägt doch das 11. Kapitel der Römer- Epistel die charakteristische Ueberschrift: „Die Erwählung ist unwandelbar." Wenn es gilt, das Judentum herabzuwürdigen, wird die Wahrheit in Lüge verkehrt. Darum wird auch geleugnet, daß im prophetischen und rabbinischen Judentum die Ethik als „die Achse des Weltalls" betrachtet wird. Wenn gegnerischerseits Israels Auserwähltheit als Dünkel bezeichnet wird, so zeugt es von Ueberschätzung und Glaubensblindheit, das Christentum als Schlußstein der Offenbarung zu betrachten. Weisen wir nun hin auf Ketzerverfolgungen, Hexenprozesse, Teuselsgeschichten, Kreuzzüge und Jnquifitionsgerichte usw., so wird das nicht als Schuld der Religion, sondern als Beschränktheit und Leidenschaft der Menschen bezeichnet, obgleich das alles von den berufenen Vertretern der Religion all majoröm dei gloriam verübt worden ist. Paul G ö h r e vertritt einen ganz anderen Standpunkt als Pater Morawski. Nach Göhre ist die ganze Geschichte der europäischen Menschheit seit der Reformation eine einzige Geschichte des Kampfes des neuen mit dem alten Menschen. Er charakterisiert den modernen Menschen als Diesseitigkeitsmensch, als Tatsachenmensch, als Tatmensch. Sein Lebensideal ist: diese diesseitige Welt so vollständig als möglich physisch, geistig und moralisch in Besitz zü nehmen,, sie beherrschen und auszunutzen! Aus ihr einen Garten Eden schaffen! In diesem Garten allem, was Menschenantlitz trägt, nach seiner Anlage, Kraft und Leistung Anteil geben an allen Gütern der Kultur, an allem, was rein und groß und heilig ist und was wohllautet. -Vor allem Genuß aber Arbeit! In aller Arbeit treueste Pflichterfüllung, ehrlichste Selbstbeschränkung! Friede allen Menschen, Kampf allen Naturgewalten! Stark sein und stille im Leid! Brüderlich sich untereinander stützen! Gerechtigkeit üben! Ueber allem aber wahrhaftig sein! — — Edel sein, hilfreich und gut! — Und den Tod nicht fürchten! — Und hinter allen erkannten Welten neue Unermeßlichkeiten ahnen und schweigend verehren!-Ein herrliches Glaubensbekenntnis! Man glaubt in eine Prophetenseele zu blicken. — Dann kennzeichnet Göhre das Christentum dahin, daß es seinem Wesen nach jenseitig, spekulativ, eine Religion der Passivität, des Duldens, Wartens, Stilleseins sei. In der Atmosphäre einer Doppelweltanschauung, griechischen und jüdischen — vornehmlich aber der jüdischen —, wuchs Jesus auf. „Geistige Anregung fand er nur in Vorlesungen und Disputationen der Synagoge seines Heimatortes. Dort hörte er Pharisäer- und Pharisäerschulen; ihre eifernde Art, ihre Buchstabengläubigkeit (!!) und starre Gesetzlichkeit (!!) stießen ihn ab; aber er hörte dort auch Laien, Altgläubige, Stille im Land Psalmen und prophetische Schriften vorlesen. Was er davon vernahm, zog ihn an, rührte seiner Seele innerste Tiefe auf, blieb ihm haften, gärte und gestaltete sich als ein Neues und Starkes in ihm."-„Jesus prägte keine neuen religiösen Werte und Gedanken, machte alte jüdische aber erst wieder neu und wertvoll durch die Kraft und Wucht, mit der er sie in seiner Persönlichkeit verkörperte und zur Geltung brachte. Nicht gegen das jüdische Gesetz, sondern nur gegen seine damaligen Priester, die Pharisäer und Schriftgelehrten, trat er auf."-„Er rüttelt nicht an der Religion seines Volkes, er will sie nur ganz leben, erfüllen." Göhre schildert die gewaltige Persönlichkeit Jesu, seinen Tod. Er war zu groß, um sterben zu können, er ist auferstanden! Er lebt! Das irdische Leben verblaßte. Alles ward den Anhängern und Verehrern: Zukunft, Verwandlung, Wunder, Himmelsnähe, Ewigkeit, Jenseits, Erwartung, Entrücktsein. Paulus wird geschildert. Er war „ein ganz Großer unter den Männern der Weltgeschichte". — „Das ganze Alte Testament galt ihm als wörtlich von Gott inspiriert." Aus dem einen Satz der Urgemeinde: „Jesus ist der Messias, der wiederkommt!" entwickelte er mit Hilfe jüdisch-rabbinischer und griechischphilosophischer Spekulation «ine erste christliche Theologie. „Auch die sittlichen Grundsätze, zu deren Befolgung das Christentum seit je seine Gläubigen anhielt, stehen durchaus unter Druck und Wirkung jener Jenseitigkeitsgesinnung, die seines Wesens innerste Seele ist." Der Verfasser kommt zu der Erkenntnis, daß Christentum und moderner Mensch in einem unüberbrückbaren Gegensätze zueinander stehen. In dem Kapitel „Voraussetzung neuer Religion" kommt er zu dem Resultat, daß der einzelne Inhalt jeder Religion bedingt.ist durch, die jeweiligen wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Verhältnisse einer Zeit; alle Religion sei immer nur so weit gesund und eine lebendig wirkende Macht, als sie sich im Einklang mit diesen entscheidenden Faktoren befindet. Wenn aber Göhre im Laufe seiner Deduktionen behauptet: „Der ganze religiöse Lchrmhalt jüdischer und christlicher Theologie verslattert wie Rauch auf Nimmerwiedersehen", so möchten wir dagegen zum Ausdruck bringen, daß die innere Bewegung des Judentums in den verschiedensten Zeitabschnitten als ein Kampf und eine Versöhnung Wischen dem alten und modernen Elemente sich uns zeigt und daher von „verflattert wie Rauch" nicht die Rede sein kann. Das Judentum enthält auch nichts, was nicht mit der Vernunft in Einklang zu bringen wäre. Das Judentum birgt Ewigkeitswerte in sich. Das letzte Kapitel ist der „Neuen Religion" gewidmet. Es ist die Religion des unbekannten Gottes. Alle Religion der Zukunft erschöpft sich nach Göhre im Glauben an den unbekannten Gott für den modernen Menschen, der religiös begabt und bedürftig ist. „Gott nennt, wer ihn verschweigt."-Unser ganzes Innere verlangt nach ihm, schreit nach ihm — und wir finden ihn nie. Für dje neue Religion hält Göhre auch einen neuen Kultus nötig. Es handelt sich da bei ihm um fünf Angelegenheiten, um Sonntagsfeiern, Namensweihen, Lebensweihen, Eheweihen und um Begräbnisfeiern. Den Mittelpunkt bilde der Vortrag des Predigers; kurz und knapp sei der Vortrag. Der Inhalt muß religiöser oder ethischer Art sein. „Religion löst keine Rätsel, hilft sie nur tragen dem, der solche Lebensrätsel sicht und unter ihnen seufzt." Der Verfasser schließt mit der Forderung: „Macht ernst, ganz ernst mit dem Satz: Gott unnahbar und unerforschlich — und ihr habt die ganze neue Religion, die nie wieder veralten wird, nie mehr vergeht." Das Buch eines Gottsuchers versetzt uns immer in andächtige Stimmung und vertieft unser religiöses Bewußtsein. Dr. Spanier (Magdeburg).

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